Dietzgens Ethik entspricht offenbar den Anschauungen vieler Vertreter der modernen Intelligenz und speziell der allermeisten wissenschaftlichen Sozialisten – mit Ausnahme der auf den Kantschen »kategorischen Imperativ«[8] eingeschworenen Revisionisten –, wenn auch der philosophische Weg, auf dem unserem Autor seine Schlüsse sich ergaben, einem großen Teile derselben fremd geblieben ist. Bekannt ist, daß man vor langer Zeit schon in Deutschland durch das Wort »Mitleid« die Ethik auf den Egoismus zurückführte: »Wir haben Mitgefühl mit dem Elenden, weil wir beim Anblick seiner Leiden mitleiden – durch die Reflexion, daß auch wir in seine Lage geraten könnten.«
In starrer Opposition gegen diese utilitarische oder Zweckmäßigkeitsmoral finden wir die kantische Ethik (Pflicht) und die des religiösen Idealismus (Liebe).
In Wirklichkeit aber stellen Zweckmäßigkeit (rationeller, begrenzter Egoismus oder legitimes, persönliches Interesse), Pflicht, Liebe zusammen das Moralgebilde dar. Indem (nach Dietzgen) die Moral so beschaffen sein soll, daß »neben dem Individuum auch die Gattung bedacht ist«, betätigt, wer dieser Morallehre nachlebt, die von Kant verlangte »Pflicht«, und indem er ihr dauernd und gern nachkommt, nimmt sie ganz automatisch den Charakter der »Liebe« an.
Ich erlaube mir daher zu sagen:
Für die Moral ist die Zweckmäßigkeit die Wurzel, die Pflicht der Baum und die Liebe die Frucht.
Am deutlichsten läßt sich der Dreistufenpfad der Moral »Egoismus, Pflicht, Liebe« im Verhältnis der Eltern zum Kinde erkennen: Ursprung der Freude am Kinde ist die natürliche, elterliche Eigenliebe, der gewiß niemand sich zu schämen braucht; sofort tritt das Pflichtgefühl an die Eltern heran, und bei Ausübung der Pflicht verwandelt sich die Eigenliebe der Eltern in wahre Liebe. So vermag überall – wenn auch nicht so rasch wie in diesem Falle – die in Zweckmäßigkeit wurzelnde Moral durch das Medium der Pflicht sich zu hehrer Sittlichkeit, zur Tugend, zur Güte, zur Liebe auszuwachsen.
Es ist keine beleidigende Insinuation, wenn dem Schönsten und Erhabensten – das bisher der Urzeugung in Engelsregionen glaubte sich rühmen zu dürfen – Abkunft aus niederem Stande aufgezeigt wird; daß es in zweckmäßigem Egoismus, im Eigeninteresse des Menschen seine Wurzel hat und dem Mutualismus, der Gegenseitigkeitspflicht, sein Höhendasein verdankt.
Entrüste man sich nicht über diese neue Ethikformel, die Moraltrilogie »Egoismus, Pflicht, Liebe«!
Auch der Brotfrucht Wurzeln stecken nicht in balsamisch gedüngtem Boden.
Mit dieser einfachen Korrektur der Kantschen und der religiösen Moralbegründung dürfen wir uns hier begnügen, da die letztere, als eine theologische, unserer gegenwärtigen Betrachtung allzu fern liegt, und der Nachweis von Kants teils fehlerhafter, teils widerspruchsvoller Argumentierung seines Sittengesetzes längst von kompetenten Autoren (auch in Kautskys »Ethik«) geliefert worden ist.