Genau so wie der Bauer das Prinzip der Mechanik, genau so mißversteht unsere Professoralweisheit das Prinzip der Intelligenz. Alles Erkennen, Begreifen oder Erklären ist ein nur ganz formelles Tun. Die Erscheinungen der Welt und des Lebens sind erkannt oder erklärt, wenn wir sie einteilen in Klassen, Gattungen, Familien, Arten usw. und also das, was zueinander gehört und nacheinander folgt, in ein formelles wissenschaftliches Schema bringen.

All unsere Vernunft, unser ganzes Erkennen oder Erklären kann nicht mehr und darf nicht mehr wollen. Wer vom Intellekt mehr verlangt, gleicht dem unwissenden Mechanikus, der das Perpetuum mobile sucht.

Im zweiten Artikel entscheidet Dietzgen die noch heute sehr vielen hervorragenden Führern des Sozialismus unklare Sache, ob sich die Sozialdemokratie um den Streit »Metaphysik oder keine?« überhaupt zu kümmern brauche.[12]

Dietzgen sagt:

Allerdings gibt es viele wissenschaftliche Disziplinen, die das sozialistische Streben nach Befreiung der geknechteten Menschheit weniger tangieren. Aber die philosophische Frage, die Frage, ob etwas Metaphysisches, »etwas Höheres« hinter oder über der Welt haust, welches zu begreifen für unseren Intellekt zu monströs, das zu erklären den menschlichen Verstand übersteigt, also die Spezialfrage der Philosophie nach den »Grenzen der Erkenntnis«, berührt ganz fühlbar die Knechtschaft des Volkes.

Die Sozialdemokratie erstrebt keine ewigen Gesetze, keine bleibenden Einrichtungen oder festgeronnenen Formen, sondern im allgemeinen das Heil des Menschengeschlechts. Geistige Erleuchtung ist das unentbehrliche Mittel dazu. Ob das Erkenntnisinstrument ein begrenztes, das heißt ein untergeordnetes, ob die wissenschaftlichen Erforschungen wahre Begriffe, Wahrheit in höchster Form und letzter Instanz liefern, oder ob nur armselige »Surrogate«, welche das Unbegreifliche über sich haben – die Erkenntnistheorie also ist eine eminent sozialistische Angelegenheit.

Alle Herrschaften, welche die Völker ausgebeutet haben, stützten sich bis heute auf eine höhere Mission, auf eine Abstammung von Gottes Gnade, auf heilige Salben und metaphysischen Weihrauch. Und wenn sie auch die Aufklärung, die religiöse Freiheit, den politischen Fortschritt und die kritische Philosophie im Munde führten, so wußten sie doch sehr wohl, daß ohne »etwas Höheres«, etwas Unbegreifliches, ohne etwas Metaphysisches, und wäre es auch nur eine »sittliche Weltordnung«, die Zügel nicht mehr haltbar sind, welche das Volk in Rand und Band und die Herrschaften in Besitz und Würde erhalten.

Nicht als wenn die Sozialdemokratie die Gegnerin der sittlichen Weltordnung wäre. Auch wir wollen die Welt sittlich ordnen; aber wir wollen die Ordnung nicht von oben, sondern von unten haben, das heißt, wir wollen sie selbst machen. Wer mit dem sozialdemokratischen Programm die Befreiung der arbeitenden Klasse durch die Arbeiter selbst erstrebt, der muß das närrische Harren und Hoffen, das philosophische Spintisieren und Forschen, insofern es auf eine andere Welt gerichtet ist, gründlich ablegen.

Und zum Thema des »Unbegreiflichen« oder der »Grenze der Erkenntnis« zurückkehrend, sagt Dietzgen: