Der Welt ist wohlbekannt, daß nicht nur der Geist, das Bewußtsein oder die Empfindung, sondern alle Dinge »im letzten Grunde« unbegreiflich sind. »Wir sind nicht imstande, die Atome zu begreifen, und wir vermögen nicht, aus den Atomen und ihrer Bewegung auch nur die geringste Erscheinung des Bewußtseins zu erklären,« sagt Lange in seiner »Geschichte des Materialismus«, oder ein anderer: »das Wesen der Materie ist schlechthin unbegreiflich«. Dies Kausalitätsbedürfnis nennt sich mit anderem Namen auch »Trieb des Forschens«, der, unbändig, es nicht unterlassen kann, auch dem »Unbegreiflichen« an den Federn zu rupfen.
Dagegen behaupten wir, was sich möglicherweise begreifen läßt, ist nicht unbegreiflich. Wer das Unbegreifliche begreifen will, treibt Eulenspiegelei. Wie mit dem Auge nur das Sichtbare, mit dem Ohr nur das Hörbare, so kann ich mit dem Begriffsvermögen nur das Begreifliche greifen. Und wenn auch die sozialdemokratische Philosophie lehrt, daß alles, was da ist, vollkommen zu begreifen ist, so soll doch auch das Unbegreifliche nicht geleugnet sein. Das sei anerkannt.
Die sozialdemokratische Philosophie ist mit der »zünftigen« einverstanden: »das Sein läßt sich auf keine Weise im Denken auflösen«, auch kein Teil des Seins. Aber wir erkennen es auch nicht als Aufgabe des Denkens, das Sein aufzulösen, sondern nur formell zu ordnen, die Klassen, Regeln und Gesetze zu ermitteln, kurz das zu tun, was man »Naturerkennen« nennt. Alles ist begreiflich, insofern es zu klassifizieren ist, alles ist unbegreiflich, insofern es sich nicht in Gedanken auflösen läßt. Dies können, sollen und wollen wir nicht, und bleiben ihm darum fern. Wohl aber können wir das Umgekehrte: das Denken in Sein auflösen, das heißt, das Denkvermögen als eine von den vielen Arten des Daseins klassifizieren.
Der rationelle Forschungstrieb will das Dasein regeln, die Gesetze des Daseins ermitteln. Wo er über das Dasein hinaus soll, soll er über seine und über alle Natur hinaus. In dieser Zumutung besteht Überschwenglichkeit, die sie von der Religion geerbt hat. Philosophie und Religion verkennen die »letzten Gründe« aller Begreiflichkeit: nämlich die Empirie oder Tatsache. Auf sinnliche Tatsachen und Erfahrungen sollen sich wesentlich die Gedanken gründen. Wer umgekehrt auf den Geist oder die Logik Tatsachen gründen will, darf das nur formell verstehen. Der letzte Grund, warum der Stein fällt oder die Wärme sich ausdehnt, ist die Tatsache, und das Gesetz der Schwere und das Gesetz der Wärme sind Abstraktionen, sind formelle Gründe. Nicht nur läßt sich das Sein nicht im Denken auflösen, sondern es versteht sich klar, daß das philosophische Begehren nach solcher Auflösung eine idealistische Überspannnug ist.
Das nämliche Thema wird im dritten Aufsatz, in einer Polemik gegen die Professoren v. Nägeli und Du Bois-Reymond, behandelt. Letzterer hatte einen anregenden Vortrag über das Naturerkennen und »die letzten Gründe« mit den Worten geschlossen: »ignoramus et ignorabimus« (wir wissen nicht und werden nicht wissen), während ersterer das Nichtwissen oder Nichterkennen für ganze Gebiete des Naturlebens voraussetzt: »Über die Beschaffenheit, die Zusammensetzung, die Geschichte eines Fixsterns letzter Größe, über das organische Leben auf seinen dunklen Trabanten, über die stofflichen und geistigen Bewegungen in diesen Organismen werden wir nie etwas wissen.«
Dietzgen erwidert hierauf:
Jawohl, die Natur ist dem menschlichen Geiste überlegen, sie ist sein unerschöpfliches Objekt. Aber unser Forschungsvermögen ist nur insoweit beschränkt, als sein Objekt, die Natur, unbeschränkt ist. Wir können an kein Ende kommen, weil kein Ende vorhanden. Wo aber ein Ende ist, da kommen wir möglicherweise hin. Kein Professor kann wissen, wie vieles von den Fixsternen und ihren Trabanten wir und unsere Nachkommen noch ausforschen, wie unendlich tief wir in die Vergangenheit, in die Zukunft und in die kleinsten Teilchen hineindringen.
Das Forschen kommt an kein Ende, weder objektiv noch subjektiv, das heißt, die Unendlichkeit der Welt läßt es nicht zu und die Unendlichkeit des Intellekts auch nicht. Daß aber doch wieder der Intellekt nur ein beschränkter Teil der Welt ist, wird der sozialdemokratische Materialist nie leugnen. Nur wollen wir aus dem Dualismus heraus. Nur eine, nur eine einzige Welt erkennen wir an, »wovon uns die sinnlichen Wahrnehmungen Kunde geben«. Wir halten dafür, daß wo wir nichts sehen und hören, nichts fühlen, schmecken und riechen, da auch nichts wissen können.
Ich will hier nochmals positiv auf die Beschränktheit der menschlichen Erkenntnis zurückkommen. Wir können mit diesem Vermögen nur erkennen; singen und springen und hundert andere Dinge können wir damit nicht; insofern ist die Vernunft beschränkt. In ihrem Element aber, im Erkennen ist sie unbeschränkt, und so unbeschränkt, daß sie mit ihrer Arbeit nie ans Ende kommt. Alles Erkennbare steht ihr offen. Das Unerkennbare, das den Sinnen absolut Unerreichbare ist für uns nicht vorhanden, und ist auch insofern »an sich« nicht vorhanden, als wir ohne Phantasterei nicht einmal davon reden können.
Wer das »geistige Bedürfnis« hat, etwas von Erscheinungen zu erfahren, »die uns verborgen bleiben«, uns unserer Natur nach verborgen bleiben müssen, der hat kein geistiges, sondern ein mystisches Bedürfnis. Die elektrischen Erscheinungen sind nicht zufälliger gefunden worden wie der Tabak. Und es ist ein starker Tabak für einen Naturforscher, von Erscheinungen zu sprechen, die niemand wahrgenommen hat und niemand wahrnehmen wird. Es ist möglich, daß Mephisto in Gestalt einer unsichtbaren Fledermaus mich umschwirrt; was ich aber nicht weiß, macht mich nicht heiß, und sollte auch die Naturforscher nicht heiß machen.