Eine hohe Macht über das Gemüt hat nicht nur die Harmonie der Töne, auch die Harmonie der Farben, jede Kunst und jede Wissenschaft hat dieselbe Gewalt. Ja, das schlichteste Handwerk und das Prosaischste aller Prosa, die Jagd nach Gut und Geld, kann den Menschen hinreißen, seine ganze Seele in den einen Abgott aufgehen zu lassen. Allerdings ist nicht zu bestreiten, daß Künstler, Erfinder und Forscher den würdigsten und hinreißendsten Gegenstand anbeten. Auch sei anerkannt, daß ohne den Einsatz unserer ganzen Seele für ein einzelnes keine großen Erfolge zu erreichen sind.

Dennoch sollst Du wissen, daß der Gegenstand, der eine Menschenseele so beherrscht, seine Hoheit und Erhabenheit mit allen Gegenständen teilt, und also zugleich immer auch ein gemeiner Gegenstand ist. Ohne solche dialektische Läuterung des Bewußtseins ist alle Anbetung Fetischdienst.

Die tatsächliche Erfahrung also, daß man alles und jedes zu einem Fetisch machen kann, muß Dich klärlichst überzeugen, daß kein einzelnes, sondern nur das All wahrer Gott oder die Wahrheit und das Leben ist.

Ist das nun Logik oder Theologie?

Beides zugleich. Wenn Du näher zusiehst, wirst Du erkennen, daß alle großen Logiker sich vielfach mit Göttern und Gottheit befassen, und umgekehrt alle ehrbaren Theologen ihre Sache auf logische Ordnung gründen wollen. Die Logik ist ihrer ganzen Natur nach metaphysisch.

(Unter »metaphysisch« versteht Dietzgen hier: ausdehnbar ins Unendliche, wie aus dem Schluß dieses Briefes hervorgeht:)

Den Unterschied zwischen der metaphysischen Logik einerseits, welche ihre Sache bis auf die Unendlichkeit ausdehnt, welche die logische Ordnung bis in den Himmel hinein, bis auf »die letzten Fragen alles Wissens« zu ermitteln sucht, und zwischen der formalen Logik andererseits, welche sich ein begrenztes Gebiet setzt und sich mit der Forschung nach der logischen Ordnung in der physischen Welt begnügt – diesen Unterschied möchte ich Deiner besonderen Aufmerksamkeit empfehlen.

Nach dieser Grenzbestimmung der formalen Logik erörtert Dietzgen im vierten Brief ihren Hauptzweck:

Die große Volkssache war bisher überall das Lasttier einer kleinen vornehmeren Minorität … Du erkennst doch an, wie die Entlastung, die Freiheit der Völker von tierischer Arbeit, von Elend und Not das Höchste ist, was der Menschengeist erstrebt. Du wirst auch nicht verkennen, daß der Gedanke das wichtigste Instrument zur Erreichung dieses hohen Zieles ist. Die Denkleistungen treten in den Kulturergebnissen klar zutage. Das intellektuelle Getriebe stellt sich mächtiger und prächtiger durch das Räderwerk der Kulturgeschichte als durch irgendein Gedankenwerk en miniature dar.