Ein gewisser bornierter Materialismus glaubt, alles sei getan, wenn er den Zusammenhang zwischen Denken und Hirn konstatierte. Gewiß hängt der Gedanke mit dem Hirn zusammen, so innig wie das Hirn mit dem Blute, wie das Blut mit dem Sauerstoff usw.; aber der Gedanke hängt auch überhaupt mit allem Dasein so innig zusammen, wie die ganze Physik zusammenhängt.
Daß der Apfel nicht nur mit dem Stiel am Baume hängt, sondern auch an Sonnenschein und Regen, daß die Dinge nicht einseitig, sondern allseitig verbunden sind, das soll die Logik Dich speziell vom Geiste, vom Gedanken lehren.
Im Anschluß an diese seine Lehre von der Weltnatur des Gedankens erörtert Dietzgen nun die Frage vom Verhältnis des Gedankens zur Wirklichkeit:
Die alte Logik hat eine Medaille prägen lassen mit der Vorschrift: Der Gedanke soll mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
Wir schreiben jetzt auf die Rückseite: 1. der Gedanke ist selbst ein Stück der Wirklichkeit und 2. die Wirklichkeit ist außerhalb des Gedankens zu voluminös und kann auch mit dem kleinsten Stückchen nicht hinein.
Gewiß, wie ein Konterfei, so soll auch der Gedanke mit seinem Objekt übereinstimmen. Aber was soll einem Maler diese besondere Einschärfung seiner Aufgabe nutzen?
Hast Du je ein Porträt oder eine Kopie gesehen, die nicht in etwas mit dem Original übereinstimmte? Ich bin überzeugt, das ist Dir ebensowenig vorgekommen wie ein Bild, das seinem Gegenstand vollkommen ähnlich war. Über das relative Wesen aller Gleichheit, Ähnlichkeit und Übereinstimmung ernstlich nachzudenken, möchte ich Dir besonders empfehlen. Der weitaus größte Teil der Menschenwelt ist in diesem Punkte barbarisch gedankenlos. Daß zwei Tröpfchen Wasser nur mehr oder weniger ähnlich und unähnlich sind, daß das ganze Dasein ebenso übereinstimmend wie different ist, will schwer in den logisch ungeschulten Kopf hinein.
Dem Denker ergeht es wie dem Maler: sie suchen beide ein Konterfei der Wirklichkeit und Wahrheit.
Die Wirklichkeit, die Wahrheit, die Gesamtnatur steht auf der Kanzel und predigt: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen, dasselbe anzubeten.« Du sollst also von der Wahrheit viel zu erhaben denken, als daß Du glauben dürftest, sie könne vom Maler oder Denker in ein, wenn auch noch so gut getroffenes Konterfei gesteckt werden.