Der Geist, das Denkvermögen hängt also – fährt Dietzgen im sechsten Briefe fort – mit dem Gesamtdasein der Welt zusammen, ist ein unabtrennbarer Teil des Universums, der wirklichen Wahrheit.
Das Christentum lehrt: Gott ist ein Geist, und wer ihn anbeten will, muß ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.
Und unsere Logik lehrt: der Geist ist ein Stück des Gesamtdaseins; wer den Geist vergöttert, ist ein Götzendiener, denn er betet ein Stück an und verkennt die ganze Wahrheit. Die Wahrheit selbst ist identisch mit dem Gesamtdasein, mit der Welt, wovon alle Dinge nur Formen, Erscheinungen, Prädikate, Attribute oder Vergänglichkeiten sind. – Und ob Du auch an Weisheit zunähmst bis an das Ende Deiner Tage, so ist doch der Born der Weisheit, der Kosmos, unerschöpflich. Ja, so unerschöpflich ist auch das kleinste Weltteilchen, daß der Genialste nicht imstande ist, die Kenntnisse zu fassen, welche im winzigsten Objekt stecken. Mit dem größten Mikroskop kann man keinem Wassertröpfchen ans Ende sehen, und der weiseste der Menschen ist nicht einmal fähig, die Schusterei auszulernen.
Daraus ersiehst Du, wie durch vermehrte Spezialkenntnisse der kunstgerechte Gebrauch unseres Intellektes nur in den betreffenden Details gefördert wird. Deshalb kann es auch nicht befriedigen, wenn gewisse Logiker uns lehren, wie viele Arten von Begriffen, Urteilen und Schlüssen im Intellekt stecken. Es sind das logische Spezialkenntnisse. Zunächst aber handelt es sich für den Studiosus der Logik nicht sowohl um Ansammlung wahrer Begriffe, als vielmehr darum, den Generalbegriff der Wahrheit erhellt zu sehen.
Vielleicht findest Du Anstoß daran, daß eine Wissenschaft, welche das Begriffsvermögen zum Gegenstand hat, von dieser Sache abweicht und andere Dinge, wie das Dasein oder die Wahrheit, heranzieht. Doch würde eine Logik, die sich auf die Analyse des Denkvermögens beschränkt, gegenüber derjenigen, die das Denkvermögen in seiner lebendigen Arbeit darstellt, eine beschränkte Logik sein. Wenn die Augenkunde nur die verschiedenen Teile des Auges behandelte, dagegen von der Funktion und den äußeren Dingen, die damit zusammenhängen, von dem Lichte und den Gegenständen, kurzum, vom Gesicht des Auges absehen wollte, wäre sie wohl mehr Augenanatomie als Augenkunde. Jedenfalls bietet eine Lehre, welche das Auge in seiner lebendigen Tätigkeit, nicht nur das subjektive Gesichtsvermögen, sondern auch das davon untrennbare objektive Gesichtsvermögen darstellt, eine umfassendere Belehrung, eine höhere Erhellung des Menschenkopfes.
Was kann eine Logik viel helfen, welche die Gedanken einteilt in analytische und synthetische, von induktiven und deduktiven Erkenntnissen und noch zehn anderen Arten spricht und dann die Frage ablehnt, wie sich der Gedanke und die Erkenntnis zur Wahrheit verhält, und wie wir dazu gelangen.
Hat sich doch bis heute die gesamte Weltweisheit um die Frage gedreht, wie unser Kopf zu erhellen ist, wie er der Wahrheit beikommen kann.
Diese Welt, die wir hören, sehen und riechen, in der wir leben und atmen, ist die Welt der Wahrheit oder die wahre Welt.
Aber auch mitten in dieser wahren Welt steckt eine ganz vertrackte Geschichte, eine Menschenrasse mit verdrehter Logik. Die hat sich von einzelnen mißmutigen, hypochondrischen Momenten verleiten lassen, die köstliche Wahrheit dieser Welt anzuschwärzen und überschwenglicherweise die Wahrheit »transzendent« zu suchen, in der philosophischen Metaphysik oder religiösen Phantastik, was beides in einen Topf gehört. Aller Streit dreht sich um Seinsformen. Das Dasein selbst aber bleibt unbestreitbare Wahrheit.
Sofern ich Dich bisher überzeugte, daß das Weltall die Wahrheit ist, bleibt jetzt besonders noch die Frage: wo denn Phantasmen, Irrtum und Unwahrheit Platz finden. Wenn das All die Wahrheit, dann wäre ja alles wahr, und scheint es durchaus widerspruchvoll, daß Irrtum und Unwahrheit in der Wahrheit oder Welt Raum finden könnten. Ich will nur flüchtig andeuten, wie ohne allen Widerspruch das Unkraut zum Kraute gehört.