So ist denn der Unterschied zwischen angeborenen und erfahrenen Kenntnissen ein nur formeller. Beide verschiedene Arten sind dennoch von ein und derselben Art, beide Mischlinge des Inneren und Äußeren. Die Erkenntnis a priori hört auf, Wunder zu sein, wenn erkannt ist, daß sie mit den Kenntnissen a posteriori aus demselben Quell der Erfahrung stammt, welche das eine Mal wie das andere Mal nur mit Hilfe des Intellekts zustande kommt. Demnach ist also der mit der Welt verbundene Intellekt die Urquelle aller Wahrheit, und ist sowohl die äußere Natur wie unser inneres Begriffsvermögen ein Stücklein der einen Generalnatur, welche die Wahrheit und das Absolute ist.

Am Schlusse dieses Briefes kündigt Dietzgen an, daß er im nächsten (fünfzehnten) die Kausalität behandeln wolle; statt dessen geht er auf Kants Aprioritätenlehre und »Ding an sich« ein, zeigt, wie Kant in den Irrtum dieser Theorien verfiel und wie sein Schluß von der »Erscheinung« auf eine absolute Wahrheit, die, vom Scheine getrennt, dahinter versteckt sei, auf fetischmäßiger Auffassung der Wahrheit beruht. Die Erkenntnis, daß das gemeine Wesen der Welt Wahrheit ist, ist die erste Bedingung zu einer kunstgerechten Handhabung des Schlußvermögens.

Damit gelangt unser Autor zur Erörterung der Kausalität im sechzehnten Brief:

»Alle Dinge haben ihre Ursache.« – Wer ist, was ist »alle Dinge«? Es sind Anhängsel, Zubehör des All-Einen. Es ist dem Intellekt angeboren, zu wissen, daß die Welt ein Ding ist, daß alle Dinge nicht nur irgendeinem, sondern alle einem Subjekt angehören. Das Bewußtsein der Kausalität ist nichts weiter wie das Bewußtsein vom Weltzusammenhang.

Alle Dinge sind ein Ding, hängen zusammen, stehen untereinander im Verhältnis von Ursache und Wirkung, von Grund und Folge, von Gattung und Exemplar. Alle Dinge haben ihre Ursache, heißt, sie haben eine Mutter. Daß nun jede Mutter ihre Mutter hat, endigt in der Weltmutter oder Mutterwelt, in der absoluten, die selbst absolut mutterlos und doch alle Mütter »aufgehoben« in sich enthält.

Ursachen sind Mütter, Wirkungen sind Töchter. Nicht nur hat jede Tochter eine Mutter, Groß- und Urgroßmutter, sondern auch Vater, Groß- und Urgroßvater. Der Ursprung oder der Familienzusammenhang der Tochter ist nicht ein-, sondern allseitig. So haben auch die Dinge nicht eine, sondern viele, unendlich viele Ursachen, welche in die Generalursache zusammenfließen.

Dein Intellekt, dem die Wissenschaft angeboren ist, daß alles seine Ursache hat, wird sich demnach instruieren lassen, daß alle Ursachen der Welt in der absoluten Weltursache begründet sind und zugrunde gehen. Es ist die Quintessenz der Logik, nicht nur den wahren Begriff des Intellekts zu ermitteln, sondern mittels des Intellekts den Begriff der Weltwahrheit, des Weltganzen klarzumachen.

Personen und Dinge, Ursachen und Wirkungen sind keine selbständigen Einzelheiten, sondern relative Selbständigkeiten, das heißt Zusammenhänge oder Verhältnisse des Absoluten. Der Intellekt ist uns angeboren, und durch ihn und mit ihm das Bewußtsein vom Sein schlechthin, wenn auch nur so angeboren, wie dem Kinde die Zähne, die erst nach der Geburt hervorwachsen. Jedes Stück, das uns zum Bewußtsein kommt, wird als Stück des All-Einen gewußt. Insofern das wunderbar, ist das Bewußtsein von der Kausalität erstaunlich. In der Tat ist die Wissenschaft von der kausalen Abhängigkeit aller Dinge mit der Wissenschaft von der Farbe aller Rappen und Schimmel eine angeborene Weisheit. Jedoch ist wohl zu beachten, daß sowohl in jeder erworbenen Wissenschaft etwas Angeborenes, wie in jeder angeborenen etwas Erworbenes steckt, so daß beide Arten ineinanderfließen und eine Kategorie bilden.

Im Eingang des siebzehnten Briefes erklärt unser Autor:

Da die Aufgabe der Philosophie in Erforschung der Logik aufgeht, aufgeht in der Ergründung des Intellekts und seiner Denkkunst, wirst Du, als in der Sache begründet, erkennen, daß meiner Darstellung eine gewisse Systematik fehlt; sie hat so recht keinen Anfang und kein Ende, weil ihr Objekt, der Intellekt, mit dem Weltganzen verknüpft ist, welches eben das Anfang- und Endlose ist, das kein Vor und Nach, kein Oben und Unten hat. Jedoch ist leicht zu bemerken, daß Denkkunst und Weltweisheit identisch sind. Wenn nun auch der allgemeine Zusammenhang für alle Dinge und Themata gilt, so gehört seine Erwägung doch speziell nur in die Logik, die von allen Denkobjekten summarisch handelt. Meine Sache also (die Denkkunst) beginnt überall, obgleich sie doch nur eine Spezialität ist.