Um das Unterscheiden logisch zu praktizieren, will gewußt sein, daß das All, das Universum oder Absolute die Ursache seiner selbst und der Urgrund aller Dinge ist, welcher alle Unterschiede, auch den der Kausalität und den zwischen Geist und Natur, »aufgehoben in sich enthält«.
Der Begriff des Absoluten oder des Weltganzen wird nun im neunzehnten Brief erörtert:
Das Weltganze ist ein landläufiger Begriff, der jedem bekannt und wovon scheinbar wenig zu sagen bleibt. In der Tat ist es der Begriff aller Begriffe, das Wesen aller Wesen, die Ursache seiner selbst, das keine fremde Ursache und kein fremdes Wesen neben sich hat. Durch Erwägung, wie unablässig die Menschheit außer der Welt eine Weltursache, einen Weltanfang und eine überschwengliche Wahrheit gesucht hat, muß Dir einleuchten, daß sie den Begriff des Weltganzen nicht erfaßt, das Universum nicht begriffen hat, und ist dann der Nachweis, daß es die Ursache aller Ursachen, Anfang aller Anfänge und Wahrheit aller Wahrheiten ist, nicht gerade eine überflüssige Arbeit.
Ich behaupte, die Kenntnis des menschlichen Begriffsvermögens und die Kunst seiner Verwendung sind untrennbar vom Weltbegriff. Nicht so, als dürfe innerer Geist und äußere Welt nicht unterschieden werden, sondern es sind beide nur als formelle Unterschiede des wesentlich Ununterschiedenen, des absoluten Weltganzen zu fassen.
Das Universum begreifen, heißt sich Klarheit verschaffen, wie dies Wesen aller Wesen keinen Anfang, keine Ursache, keine Wahrheit und keine Vernunft außer und neben sich, sondern alles in und bei sich hat. Das Universum begreifen, heißt erkennen, daß man die sogenannten logisch-metaphysischen Kategorien, wie Anfang und Ende, Ursache und Wirkung, Sein und Nichtsein usw., unlogisch anwendet, den Intellekt mißbraucht und durchaus unerbaulich wird, wenn man damit über die weltliche Unendlichkeit hinausfährt ins Überschwengliche.
Um Dir also Sinn, universellen Sinn anzueignen, wirst Du Dich um die Erkenntnis bemühen, wie das Universum alles Relative einschließt, während es im ganzen das Absolute oder die erbauliche Gottheit verkörpert.
Und der Begriff des Absoluten als des Weltganzen involviert, daß mit solchen Dingen, die man Gegensätze und Widersprüche nennt, es sich ganz anders verhält, als die Logik der Götzendiener wähnt und doziert. Daß Seele und Leib, Wahrheit und Irrtum, Leben und Tod usw. nicht unvereinbare Antipoden sind, die sich abstoßen. Diese Lehre vom Satze des Widerspruchs ist eine ganz beschränkte Kirchturmsweisheit, welche statt Klärung nur Wirrsal in die Köpfe bringt. Gewiß ist das Tote vom Lebendigen, das Vergängliche vom Ewigen, schwarz und weiß, krumm und gerad, groß und klein verschieden und entgegengesetzt. Aber auch das Allerentgegengesetzte und Widersprechendste geht ebenso leicht in eine Gattung, Familie oder Art hinein wie Zwillinge in einen Mutterschoß. Was Männchen und Weibchen nicht hindert, in einem Neste zu hocken, hindert auch die krasseste Verschiedenheit nicht, trotz der Entzweiung zugleich eins und dasselbe, das heißt zwei Stücke von einem Kaliber zu sein.
Und wolltest Du gegen die Wahrheit des absolut vollkommenen Weltwesens einwenden, daß es mit dieser Vollkommenheit nicht weit her sei, wegen der vielen handgreiflichen Unvollkommenheiten, die anhängen, so würde ich bitten, nicht spitzfindig zu sein, sondern gesunden Sinnes anerkennen zu wollen, daß die Weltmängel so logisch zur Vollkommenheit gehören wie die bösen Begierden zur Tugend, die eben erst durch die Probe der Überwindung zur Tugend wird. Der Begriff einer Vollkommenheit, die nicht das Unvollkommene zu überwinden hätte, wäre ein läppischer Begriff.
Hieran schließt sich nun, im zwanzigsten Brief, eine Erörterung des Begriffs des Absoluten, der zur logischen Erkenntnis unumgänglich ist:
Der Begriff Weißkohl und Kohl schlechthin, der Gemüse- und Pflanzenbegriff usw. sind, wenn auch Spezial-, doch zugleich Generalbegriffe; sie sind das eine wie andere nur relativ. Gegenüber den verschiedenen Kohlarten, die er einschließt, ist der Kohlbegriff generell oder abstrakt; gegenüber dem Gemüsebegriff ist er speziell und konkret. Und so steht es mit allen Begriffen, sie sind konkret und abstrakt zugleich; nur der letzte, der Weltbegriff ist weder konkret noch abstrakt, sondern absolut; er ist der Begriff des Absoluten.