Die demokratische proletarische Volkslogik forscht nach dem Allerhöchsten. Das Volk weiß, es muß dienen, aber fragt sich, wem? Dem Baal oder dem Nabuchodonossor? Wo, wer, was ist das Allerhöchste, dem sich alles unterordnet, das System, Konsequenz, Logik in unser Denken und Handeln bringt? Zunächst fragt sich noch: Auf welchem Wege kommen wir zu seiner Erkenntnis? Da mit keiner überschwenglichen Offenbarung gedient ist, bleiben nur zwei Wege: Vernunft und Erfahrung.

Es ist nun der Fehler der landläufigen Denkweise, daß man aus diesen Wegen zwei macht, während es in der Tat nur eine, die gemeine Straße ist, welche mittels erfahrungsmäßiger Vernunft oder vernunftmäßiger Erfahrung dahin führt, wo wir erkennen, wie das Allerhöchste, dem alles dient, nichts Besonderes, kein Teil oder Partikel, sondern das Universum selbst mit allen Teilen ist.

Sokrates und seine Schule wandelten den aparten Weg der Vernunft, um das Allerhöchste, das Wahre, Gute, Schöne, wie sie es nannten, zu suchen. Die platonischen Dialoge wissen es überaus prächtig ins Licht zu setzen, daß nicht Gesundheit, nicht Reichtum, nicht Tapferkeit noch Frömmigkeit »der Güter Höchstes«, sondern wie es bei allen Dingen nur auf die Einsicht, nur auf den Gebrauch ankomme, den der Mensch davon macht. Je nachdem sind sie bald gut, bald schlecht, es sind nur relative Güter. Liebe und Treue, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sind wohl gut, aber nicht das Gute; sie haben nur »teil daran«. Man sucht nach dem, was unter allen Umständen absolut gut, wahr und schön ist.

So finden denn die Sokratiker heraus, daß nur die Einsicht oder der Intellekt die Umstände ermitteln könne, die zum Absoluten führen.

Aus der alten Philosophie ist endlich nach mehr als zweitausendjähriger Vermittlung durch Zwischenglieder die heutige demokratisch-proletarische Logik entstanden, welche erkennt, daß die Vernunft ein Instrument ist, das zum Allerhöchsten führt, unter der Bedingung, daß sie nicht grübelt, sondern aus sich herausgeht und mit aller Welt sich verbindet. Solche Verbindung ist eben das Allerhöchste, die unvergängliche, ewige Wahrheit, Güte, Schönheit und Vernunft. Alle anderen Dinge haben, platonisch zu reden, »nur teil daran«.

Wenn auch vielfach noch mit phantastischem Anhängsel behaftet, waren die Sokratiker doch auf dem besten Wege zur wahren Logik, indem weder Gesundheit noch Reichtum, noch irgendein anderes Gut oder Tugend ihnen genügte, da sie nicht die wahren Erscheinungen, sondern die Wahrheit selbst zu kennen begehrten. Sie, die Wahrheit, ist das Universum, und muß der Mensch sie als solche, als die alleinige kennen, um seine Vernunft vernünftig gebrauchen zu können, vernünftig im höchsten, klassischen Sinne des Wortes.

Plato und Aristoteles haben ganz vorzüglich daran gearbeitet. Auch die neueren Philosophen, Cartesius, Spinoza, Kant. Haupthindernis für alle war das hartnäckige Vorurteil, daß der Mensch die Vernunft im Kopfe habe. Wenn er auch dergleichen hat, dann ist es doch nicht die vernünftige Vernunft. Der im Hirnkasten eingeschlossene Intellekt hat nicht, wie die Alten wähnen, die Weisheit bei sich; letztere kann deshalb auch nicht durch Grübeln geschöpft werden.

Du wirst den Ausdruck »grübeln« nicht mißverstehen. Ich bin kein Gegner sinnigen Nachdenkens, sondern will nur aufmerksam machen, wie man auf den verkehrten Weg geraten ist, das Denken vom Sehen, Hören, Fühlen, den Geist vom Körper zu trennen. Wie die Christen das Heil außer dem Fleische, so suchten die Philosophen die Vernunft oder Erkenntnis außer dem Zusammenhang mit der anderweitigen Welt, außerhalb der Erfahrung. Besonders die Forschung nach der Beschaffenheit des Intellekts glaubte in sich kriechen zu müssen.

Dabei ist zu erwägen, daß die Sokratiker, welche das Absolute unter dem Namen des Guten suchten, insofern beschränkt waren, als sie dasselbe nur von der moralischen, spezifisch menschlichen Seite erfaßten und nicht zuletzt auch von der kosmischen. Wie Gesundheit und Reichtum zusammengehören, und auch das noch viel zu wenig ist für das Menschenheil, wie dazu alle sozialen und politischen Tugenden erfordert sind, so steckt das Gute noch nicht im Zusammenhang aller Menschen, sondern geht darüber hinaus und hängt mit aller Welt zusammen. Ohne letztere ist der Mensch nichtig. Er hat keine Augen ohne Licht, keine Ohren ohne Geräppel, keine Moral ohne Physik. Der Mensch ist nicht so sehr das Maß aller Dinge, als vielmehr sein mehr oder minder großer und intimer Zusammenhang mit allen Dingen das Maß aller Menschlichkeit ist. Nicht die beschränkte Moralität, sondern das Universum, das Allerhöchste, ist das Gute im allerhöchsten Sinne des Wortes, ist das absolute Gut, Recht, Wahrheit und Vernunft.

Die absolute Ein-Natur alles Daseins ist die unbedingte Grundlage einer verständigen Vernunftanwendung.