Unsere Volkslogik ist tolerant und nicht fanatisch. Die Volkslogik will nicht vernünftig sein ohne Leidenschaft, aber auch nicht leidenschaftlich ohne Vernunft. Sie hebt nicht den Unterschied auf zwischen Freund und Feind, zwischen Wahrheit und Lug, zwischen Verstand und Unverstand, sondern beschwichtigt den Fanatismus, der das Unterscheiden übertreibt. Sie stellt den Lehrsatz an ihre Spitze: Es gibt nur ein Absolutes, das Weltall.

Halte wohl fest, daß der Begriff eines Weltalls, das irgend etwas außer oder neben sich hat, womöglich ein noch verrückterer Begriff ist wie ein hölzernes Eisen. Daran erkennst Du zugleich, wie alle Verschiedenheit eine gemeinschaftliche Natur hat, welche nicht zuläßt, daß der Unterschied zwischen zwei Dingen oder Meinungen überschwenglich groß sei. Weil das Universum das einzige höchste Wesen ist, darum sind alle Unterschiede, auch alle Meinungsunterschiede höchst unwesentlich.

Und nun kommt die Moral von der Geschichte. Die Menschenvernunft, das Spezialobjekt der logischen Forschung, partizipiert am Generalwesen; sie ist kein Wesen für sich; als isoliertes Wesen ist sie durchaus nichtig und unvermögend, irgendeine Erkenntnis zu produzieren. Nur im Zusammenhang, nicht nur mit dem materiellen Gehirn, sondern mit dem Universum überhaupt ist der Intellekt lebens- und arbeitsfähig. Nicht das Gehirn denkt, sondern der ganze Mensch gehört dazu; und nicht nur der Mensch, sondern der Universalzusammenhang ist zum Denken erfordert. Die Vernunft offenbart keine Wahrheit. Die Wahrheiten, welche sich uns mittels der Vernunft offenbaren, sind Offenbarungen des Generalwesens, des Absoluten.

Sokrates zeigt, daß er nur noch einen beschränkten, einen anthropomorphistischen und keinen kosmischen Begriff vom »Besten und Guten« und von der Vernunft hat. Er war von dem Vorurteil beherrscht, von dem die unkultivierten Gottgläubigen noch immer beherrscht sind, daß die Vernunft älter sei als die übrige Welt, daß sie der herrschende und vorausgegangene Planmacher sei. Unsere Vernunftlehre dagegen kennt den Geist, den wir im Kopfe haben, nur als Ausfluß des Weltgeistes. Letzteren jedoch darfst Du nicht als nebulöses Ungetüm, nicht als Monstergeist, sondern als das leibliche Universum erkennen, welches trotz allem Wechsel und aller Variation ewig eins, wahr, gut, vernünftig, das Allerwirklichste und Allerhöchste ist.

Nachdem das glänzende Dreigestirn Sokrates – Plato – Aristoteles erloschen, hüllte sich der philosophische Himmel in dunkle Wolken. Die Heiden traten von der Bühne ab, und das Christentum und die Dogmen seiner Kirche beherrschten die Logik der Menschen, bis endlich am Anfang der neueren Zeit hin und wieder ein wissenschaftliches Lichtlein aufgeht. Namentlich sind es Cartesius und Spinoza, die unter den ersten leuchtend auftreten, die ihren Geist natürlich nur schwer und relativ zu emanzipieren vermögen. Spinoza ist in seinem Kampfe wider den beschränkten und für den universellen Geist besonders interessant.

Das wahre, höchste und beständige Gut entdeckt Spinoza in der »Erkenntnis der Einheit«, in der die Seele sich mit der ganzen Natur befindet. »Dies ist also«, sagt er weiter, »das Ziel, nach dem ich strebe …«

»Zu diesem Zwecke hat man sich der Moral, Philosophie und der Lehre von der Erziehung der Knaben zu befleißigen und damit die ganze Arzneiwissenschaft zu verbinden, weil die Gesundheit wesentlich zur Erreichung dieses Zieles beiträgt. Auch die Mechanik darf nicht übergangen werden, weil vieles Schwere durch die Kunst leicht gemacht wird. Vor allem aber ist ein Weg zur Verbesserung des Verstandes aufzusuchen.«

Da sind wir denn wiederum beim Angelpunkt unseres Themas angekommen. Wer, was ist der Intellekt, wo kommt er her, wo führt er hin? Antwort: Er ist ein Licht, das nicht in sich hinein, sondern aus sich heraus die ganze Welt beleuchtet. Darum ist die Wissenschaft, welche das Denkvermögen zum Gegenstand hat, wenn auch eine beschränkte, dennoch eine universelle Disziplin oder universelle Weltweisheit.