Wenn Sokrates nach der Tugend und nach dem »Besten« und Spinoza nach steter und höchster Heiterkeit sucht, und solche Weisheit nur auf den engeren Kreis menschlichen Getriebes ausgeht, sich also zur kosmischen Welt noch nicht so recht erhoben hat, so laß Dich das nicht beirren. Das Mittel und das Instrument, mit dem sie zum Zwecke streben, ist der Intellekt. Es liegt nahe, daß die intellektuelle Forschung zur Erforschung des Intellekts führen mußte, zur »Verbesserung des Verstandes«, zur »Kritik der Vernunft«, zur »Logik« und so schließlich zu der Erkenntnis, daß das Denkvermögen ein unabtrennbarer Teil des monistischen Weltalls, des Absoluten ist, welches letztere allem Denken Halt, Sinn und Verstand gibt.
Über die aus fünfzehn Briefen bestehende (1883 bis 1884 verfaßte) zweite Serie der »Logischen Briefe« ist an dieser Stelle nur zu sagen, daß sie eine Kritik von Henry Georges »Fortschritt und Armut« ist, des in der ersten Hälfte der achtziger Jahre von den Gebildeten aller Nationen am meisten gelesenen populär-nationalökonomischen Buches, das noch heute die Bibel der Singletax-Ideologen genannt werden darf, das heißt der politischen Theoretiker, die den Schäden des Kapitalismus durch eine »einzige Steuer« (auf den Bodenwert) beizukommen wähnen. Dietzgen schrieb diese Kritik des Henry George, um seinem Sohne, und den späteren Lesern, Einblick in die politische Ökonomie zu verschaffen, ihn hierbei in die Marxsche Theorie einzuführen und gleichzeitig »die veritable Logik zu demonstrieren«.
Der erste Teil meiner Briefe, sagt er, erläuterte die Logik am menschlichen Geiste; der zweite Teil soll sie an der menschlichen Arbeit erläutern. Der Geist oder die Denktätigkeit ist das allgemeine Gebiet, welches nicht nur mit allem, was menschlich, sondern mit dem Universum zusammenhängt. Das Objekt dieses zweiten Teiles, die Arbeit, ist nicht minder universell und in ihrem kosmischen Zusammenhang ein vorzügliches Erläuterungsmittel unserer Spezialität, der Kopfarbeit.
Weiter bemerkt er: Die Quintessenz aller Denkkunst ist der Einheitsbegriff, der Begriff, wie es barer Unsinn ist, sich mit der Meinung zu tragen, daß es zwei unterschiedene Dinge geben könne, die nicht zugleich gemeinschaftlicher Natur seien. Diesen Begriff von der Einheit aller Differenz hat Henry George nicht erfaßt. Er bringt deshalb Differenzen in die politische Ökonomie, die der Auflösung bedürfen. Ich stelle mir also die Aufgabe, nachzuweisen, daß nicht im ökonomischen Sachverhalt, sondern in der Anschauung des Autors von »Fortschritt und Armut« Widersprüche oder Differenzen enthalten sind, die mit Hilfe besserer Logik leicht zu ordnen.
Die Ökonomie handelt von der Erzeugung und Verteilung des Reichtums. Der wesentlichste Produzent oder Hauptfaktor desselben ist die menschliche Arbeit. Daß diese Arbeit nicht in der Luft hängt, sondern mit zwei Beinen auf der Erde steht, daß sie nicht arbeiten kann ohne Gegenstände, Materialien, Mittel und Werkzeuge, ist selbstverständlich. Wenn jemand lehrt, die Arbeit ist der Schöpfer des Reichtums, und es kommt ein anderer mit: »Nein! Die Arbeit kann nichts schaffen, wenn nicht die Natur und ihre Reichtümer schon vorhanden sind«, so ist klar, wie dieser andere nur behauptet, was niemand bestreitet.
Nachdem wir ein für allemal wissen, daß es in der Welt nichts Besonderes gibt, welches absolut ist, wenn wir wissen, wie das Absolute ein Name für das All oder Universum ist, welches gleich dem lieben Gott keinen neben sich hat, dann wissen wir auch, daß die Arbeit nur relativ »schaffen«, nur in Verbindung mit den Materialien der Natur und den Errungenschaften der Geschichte Reichtümer zeugen kann.
Es ist dies der Kernpunkt, weshalb ich mit dem Verfasser von »Fortschritt und Armut« hadere. Dieser ist Gegner des Satzes: Arbeit allein schafft Reichtümer. Er behauptet, die Natur, die den sauren Wein mit der Zeit süß und aus dem Kalb eine Kuh macht (3. Kapitel, 3. Buch), arbeite mit. Das bestreiten wir nicht; wir widerstreiten nur, daß Kapitalien, die von Natur aus »mitarbeiten«, deshalb auch von Natur aus berufen sind, an den Früchten der Arbeit zu partizipieren. Der Streit um die Erzeugung der Reichtümer ist in der Tat nur ein Streit um ihre Verteilung.
Der bisherige Fortschritt in der Kunst, Reichtümer zu zeugen, ist zugleich ein Fortschritt in der Armut der arbeitenden Klasse. Das Büchlein zeigt dies so deutlich und mannigfaltig, daß darüber kein Wort weiter zu verlieren ist. Wenn auch der Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts ebenso gut und wenn er auch besser genährt ist als der des achtzehnten, siebzehnten und sechzehnten, so ist doch evidentermaßen sein Anteil am Arbeitsertrag viel kleiner. Es handelt sich darum, diesem Widerspruch zu steuern. Henry George ist ein Parteigänger der irischen Landliga, welche sich mit der Hoffnung trägt, die Verwandlung des Grund und Bodens in Gemeineigentum würde die »soziale Frage« lösen.
Die ebenso lehrreiche wie interessante Polemik Dietzgens gegen George im einzelnen gehört aber, da sie keine theoretische, sondern angewandte Logik ist, nicht in den Rahmen dieses Buches. Wer durch die vorliegende Darstellung der Lehre und Weltanschauung Josef Dietzgens sich angeregt fühlt, der »Logischen Briefe« ersten Teil in der Gesamtausgabe zu lesen, wird sicherlich auch dem zweiten Teil sein Interesse zuwenden, selbst wenn er noch jenseits des Marxschen Sozialismus seinen Standpunkt hat. Denn auch bei Behandlung von Fragen der politischen Ökonomie bekundet unser Autor seine Originalität und zeigt uns Gesichtspunkte wie kein anderer marxistischer Sozialist, Karl Marx selbst eingeschlossen, von dem Dietzgen seine Ökonomie fertig übernommen zu haben mehrfach freudig bekennt.