»Ins Innere der Natur –
O du Philister! –
Dringt kein erschaffener Geist.«
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern;
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
»Glücklich, wem sie nur
Die äußere Schale weist.«
Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sagt mir tausend, tausend Male:
Alles gibt sie reichlich gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale;
Alles ist sie mit einem Male.
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.
Auch das nächstfolgende Gedicht Goethes »Ultimatum« bezieht sich hierauf.
Ich weiß nicht, ob Dietzgen durch Goethes Polemik gegen Haller angeregt wurde, an des letzteren Ausspruch anzuknüpfen; im übrigen ist es völlig gleichgültig, da unseres Autors Anschauungen über die pantheistischen des Altmeisters weit hinausgehen.
Mit dem angeblich von einem höheren Geist »erschaffenen Geist« des Menschen, dem geistigen Organ, das dem Menschen von Natur im Kopfe angewachsen ist, hat es Dietzgen hier zunächst zu tun, und sodann mit dem Thema des Eindringens unseres Intellekts ins Innere der Natur. Unser Autor sagt:
Wie die Fetischdiener die gemeinsten Dinge, Steine und Hölzer, verhimmeln, so ist auch der »erschaffene Geist« verhimmelt und mystifiziert worden; zuerst religiös und danach philosophisch. Was die Religion Glaube und übernatürliche Welt, das nannte die Philosophie Metaphysik. Bevor die Philosophie in das Innere des erschaffenen Geistes eindringen konnte, mußte ihr von der Naturwissenschaft durch praktische Betätigung erwiesen werden, wie das geistige Instrument des Menschen die bezweifelte Fähigkeit wohl besitzt, das Innere der Natur erhellen zu können.
Auch die unbekannteste Welt und die geheimnisvollsten Dinge gehören mit allen bekannten Gegenden und Gegenständen in eine und dieselbe Kategorie, nämlich in den universellen Naturverband. Der »erschaffene Geist« macht keine Ausnahme von diesem wissenschaftlichen Gesetz.
Der alte religiöse Vorstellungskreis ist der Erkenntnis hinderlich, daß die Natur nicht nur eine nominelle, sondern eine wahrhaftige Monas ist, welche nichts anderes, auch keinen unerschaffenen Geist, weder über sich, noch in sich, noch neben sich hat. Der Glaube an einen unerschaffenen, monströsen, religiösen Geist hindert die Erkenntnis, daß der Menschengeist von der Natur selber geschaffen und erzeugt wurde, also deren eigenes Kind ist, demgegenüber sie keine besondere Sprödigkeit kennt.
Dennoch ist die Natur spröde; sie erschließt sich nie auf einmal und nie ganz und gar. Sie kann sich nicht ganz hingeben, weil sie unerschöpflich ist an Gaben. Dennoch ist der »erschaffene Geist«, dies Kind der Natur, eine Lampe, welche nicht nur das Äußere, sondern auch das Innere der Natur erhellt. Inneres und Äußeres sind gegenüber dem physisch unendlichen und unerschöpflichen einzigen Naturwesen verzopfte Begriffe. Ebenso ist der »erschaffene Geist« ein verzopfter Begriff, insofern derselbe auf einen unerschaffenen großen, monströsen, metaphysischen Geist hinweisen soll, der seinen Sitz über den Wolken hat.
»Der große Geist« der Religion ist die Ursache von der Verkleinerung des Menschengeistes, welcher sich der Dichter schuldig macht, der letzterem die Fähigkeit abspricht, in das »Innere der Natur« einzudringen. Und zugleich ist doch der unerschaffene, monströse Geist nur ein phantastisches Abbild des »erschaffenen« physischen Geistes.
Die Erkenntnistheorie in ihrer entwickeltsten Gestalt vermag diesen Satz gründlichst zu beweisen. Sie zeigt uns, daß der »erschaffene Geist« seine sämtlichen Vorstellungen, Gedanken und Begriffe der einen monistischen Welt entlehnt, welche die Naturwissenschaft »physische« Welt nennt. Die gute Mutter Natur hat ihm etwas von ihrer Unerschöpflichkeit angeerbt. Er ist so unbeschränkt und unerschöpflich an Erkenntnissen, wie sie unbeschränkt ist in der Willfährigkeit, ihre Brust zu öffnen. Beschränkt ist das Kind nur durch den unbeschränkten Reichtum der Mutterliebe: es kann die Unerschöpfliche nicht erschöpfen.