Die überschwengliche Verkleinerung des Geistes, dem man abspricht, das Innere der Natur erhellen zu können, und ebenso die überschwengliche Mystifizierung der Natur, deren Inneres unbegreiflich sein soll – beide entspringen einer Denkweise, welche naturwüchsig jahrtausendelang den Menschen beherrscht hat, während die philosophische Bemühung es endlich dahin gebracht, daß nunmehr umgekehrt der Mensch seine Denkweise beherrscht, wenigstens so weit, daß er mehr regel- und kunstgerecht die ihm aufgegebenen Rätsel zu lösen weiß.
Es ist ein Gesetz der natürlichen Logik und der logischen Natur, daß jedes Ding in seiner Gattung bleiben muß, daß sich die Gattungen und ihre Arten zwar verändern können, aber nicht so übermäßig, daß sie aus der Generalgattung, aus der natürlichen, herauswachsen. Es kann deshalb keinen Geist geben, der so tief in das Innere dringt, daß er die Natur zusammenklappen und gleichsam in die Tasche stecken könnte.
Im zweiten Abschnitt »Die absolute Wahrheit und ihre natürlichen Erscheinungen« schildert Dietzgen, wie er durch das Studium von Feuerbach und Marx' ersten Schriften in seinem Streben unterstützt wurde, einen Maßstab zur Beurteilung dessen, was wahr und recht ist, zu erlangen.
Zur näheren Erkenntnis der Natur der absoluten Wahrheit ist vor allem dem eingewurzelten Vorurteil entgegenzutreten, als sei dieselbe geistiger Natur. Nein: die absolute Wahrheit läßt sich sehen, hören, riechen, fühlen, allerdings auch erkennen; aber sie geht nicht auf in Erkenntnis; sie ist kein purer Geist. Die absolute Wahrheit hat keine besondere Natur, vielmehr die Natur des Allgemeinen; die allgemeine natürliche Natur und die absolute Wahrheit sind identisch. Es gibt keine zwei Naturen, eine körperliche und eine geistige; es gibt nur eine Natur, worin alle Körper und alle Geister enthalten sind.
Das Universum ist identisch mit der Natur, mit dem Weltall und der absoluten Wahrheit.
Was wir erkennen, sind Wahrheiten, relative Wahrheiten oder Naturerscheinungen. Die Natur selbst, die absolute Wahrheit, läßt sich nicht erkennen, nicht direkt, sondern nur mittels ihrer Erscheinungen.
Da die menschliche Erkenntnis nicht das Absolute ist, sondern nur ein Künstler, der sich von der Wahrheit Bilder macht, wahre, echte, rechte und treffende Bilder, so ist doch selbstredend, daß das Bild den Gegenstand nicht erschöpft und der Maler hinter seinem Modell zurückbleibt. Es ist niemals etwas Geistloseres von der Wahrheit noch von der Erkenntnis gesagt worden, als das, was die gebräuchliche Logik seit Jahrtausenden davon sagt: Wahrheit sei die Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit ihrem Gegenstand. Wie kann das Bild mit seinem Modell »übereinstimmen«? – Annähernd, ja. Welches Bild stimmt nicht annähernd mit seinem Gegenstand? Mehr oder minder treffend ist doch jedes Porträt. Aber ganz getroffen und ganz trefflich – abnormer Gedanke!
Also nur relativ können wir die Natur und ihre Teile erkennen; denn auch jeder Teil, obgleich nur eine Relation der Natur, hat doch auch wieder die Natur des Absoluten, die mit der Erkenntnis nicht zu erschöpfende Natur des Naturganzen an sich.
Die wissenschaftliche Erkenntnis darf nicht nach absoluter Wahrheit begehren, weil letztere, die absolute Wahrheit, ohne weiteres sowohl sinnlich als geistig gegeben ist. Was wir zu erkennen verlangen, sind die Erscheinungen, die Besonderheiten der allgemein gegebenen Wahrheit. Sie gibt sich uns in ihren Spezialitäten willfährig. Was unsere Erkenntnis zu besorgen hat, sind treffliche Bilder, Erkenntnisbilder. Dabei handelt es sich nur um relative Trefflichkeit oder Vollständigkeit. Mehr darf der Menschenverstand nicht wollen. Ein Verlangen nach einer anderen absoluten Wahrheit ist eine von der Geschichte der menschlichen Erkenntnis überwundene Schwärmerei; während die Bescheidenheit, die sich mit Erkenntnis relativer Wahrheiten begnügt, vernünftige Bildung genannt wird.