Hegel hat viel Verwandtschaft mit dem alten Herakleitos, welcher den Beinamen »der Dunkle« führt. Beide lehren, daß die Dinge der Welt nicht feststehen, sondern fließen, das heißt, sie entwickeln sich; und beide verdienen auch den dunklen Beinamen.
Die Arbeiten von Darwin und Hegel, ob noch so verschieden, haben den Kampf wider die Metaphysik, wider das Unsinnliche und Unsinnige gemein. Indem wir uns vorsetzen, sowohl den Unterschied als die Gemeinschaft der genannten Forscher klarzustellen, können wir nicht umhin, die große Seeschlange ernstlich in den Kreis der Erörterung zu ziehen. Der Spaß wird aber erschwert durch die vielen Namen, die im Laufe der Geschichte dem Ungeheuer beigelegt wurden. – Was ist Metaphysik? Sie ist dem Namen nach eine wissenschaftliche Disziplin – gewesen, die ihre Schatten in die Gegenwart wirft. Was sucht sie, was will sie? Natürlich Aufklärung! – aber worüber? – Über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit; – das klingt in unseren Tagen gar pastoral. Und nennen wir ihren Inhalt mit dem klassischen Namen des Wahren, Guten und Schönen, so ist dennoch gar viel daran gelegen, daß wir uns und dem Leser klarmachen, was denn eigentlich die Metaphysiker suchen und wollen; ohne das läßt sich weder Darwin noch Hegel, weder was sie geleistet, noch was sie zu leisten unterlassen und was daher der Nachkommenschaft zu leisten obliegt, hinlänglich ermessen und darstellen.
»Was die Metaphysiker suchen und wollen«, erklärt uns der fünfte und letzte Abschnitt »Das Licht der Erkenntnis«:
Wo Erleuchtung hernehmen? Moses hat sie vom Berg Sinai geholt; aber nachdem Juden und Christen länger als dreitausend Jahre gebetet: »Du sollst nicht stehlen«, stehlen sie heute noch wie die Raben; das heißt die Offenbarung hat sich nicht bewährt. Dann kamen die Philosophen und wollten die Erleuchtung aus dem Innern des Kopfes, a priori, wie sie es nennen, herausspekulieren. Was aber der eine zutage förderte, wurde vom andern verworfen. Die Naturwissenschaft beschritt einen dritten, den induktiven Weg, sie schöpfte die Weisheit aus der Beobachtung; sie endlich erwarb wahre, wirkliche, dauerhafte Wissenschaft, eine Wissenschaft, die alle Welt akzeptiert, die niemand bestreitet, niemand bestreiten kann und mag. Daraus folgt denn unzweifelhaft klar, daß wir die Erleuchtung auf dem betretenen naturwissenschaftlichen Wege zu suchen haben.
Dennoch gibt es viele Leute, viele auch mit gelehrtester Ausrüstung, welche mit diesem Lichte sich nicht zufrieden geben. Sie sprechen vom »metaphysischen Bedürfnis«, bemühen sich unablässig, darzutun, daß alles naturwissenschaftliche Erklären und Erkennen, wie fruchtbar auch in den einzelnen Disziplinen, doch im großen und ganzen unzureichend ist. »Das Wesen der Materie«, heißt es da, »ist schlechthin unbegreiflich; alle mechanische Naturerklärung erstreckt sich nur auf die an diesem rätselhaften Substrate wahrzunehmenden Veränderungen und läßt unser Kausalitätsbedürfnis im letzten Grunde unbefriedigt.«
Der Materialismus, der das Erkennen und Erklären der verschiedensten wissenschaftlichen Materien wohl zu praktizieren weiß, hat es bisher unterlassen, die Materie der Erkenntnis zu erklären. Das Erkenntnis- oder Erklärungsvermögen ist die einzige in der Welt vorhandene Kraft, welche immer noch verhimmelt wird. Sie ist in der Welt und soll nicht weltlich, nicht physisch, nicht mechanisch sein. Was denn? Metaphysisch! Und niemand kann doch Aufklärung geben, was das heißt. Alle Bestimmungen, die wir erlangen, sind negativ. Das Metaphysische ist nicht physisch, nicht handgreiflich und nicht begreiflich. Was sollte es anders sein als ein Gefühl, das begnadete Idealisten mit sich herumtragen, ohne zu wissen, wo es sitzt.
Alles will der Mensch wissen, und doch hat man etwas, was nicht zu wissen, nicht zu erklären, nicht zu begreifen ist. Dann resigniert man und zeigt hin auf die Beschränktheit des menschlichen Instruments. »Zwei Stellen sind es,« sagt Lange, »wo der Geist haltmachen muß. Wir sind nicht imstande, die Atome zu begreifen, und wir vermögen nicht, aus den Atomen und ihrer Bewegung auch nur die geringste Erscheinung des Bewußtseins zu erklären … Man mag den Begriff der Materie und ihrer Kräfte drehen und wenden, wie man will, immer stößt man auf ein letztes Unbegreifliches … Nicht mit Unrecht geht daher Du Bois-Reymond so weit, zu behaupten, daß unser ganzes Naturerkennen in Wahrheit noch kein Erkennen ist, daß es nur das Surrogat einer Erklärung gibt … Das ist der Punkt, an welchem die Systematiker und Apostel der mechanischen Weltanschauung so unachtsam vorübergehen: – die Frage nach den Grenzen des Naturerkennens.« (F. A. Lange, Geschichte des Materialismus, 2. Band, S. 148 bis 150.)
Die Sozialdemokraten aber hat Lange nicht gründlich gekannt, sonst würde er gewußt haben, daß von ihnen auch in diesem Punkt die mechanische Weltanschauung komplettiert ist.
Wo soll es hinführen, wenn unser Wissen und Erkennen, wenn das in den letzten Jahrhunderten von der Wissenschaft mit so großem Erfolg angewendete Geistes-Instrument nur noch ein »Surrogat« sein soll? Wo sitzt denn der wahre Jakob? Und wenn wir alle Folianten der Philosophie durchstöberten, würden wir darüber keine positive Angabe finden, weil gerade die Philosophen es sind, welche den Glauben an einen persönlichen Herrscher des Himmels und der Erde soweit zerstört haben. Die unphilosophische religiöse Welt besaß in der Tat höheren Orts einen wahren Verstandeskasten, welcher dem dreckigen Lehm ein Häuchlein hatte mitgeteilt, und waren sie deshalb berechtigt, den heiligen vom profanen Geiste, die echte Substanz von ihrem Surrogat zu unterscheiden. Aber wie solche Unterscheidung von denen zu verteidigen ist, welche den großen All- und Ur-Geist den Köhlern überlassen haben, das ist unerfindlich.