Der metaphysische Gedanke von den »Grenzen der Erkenntnis« darf nur ein klein wenig auf seinen Inhalt geprüft werden, um sofort als gedankenlose Phrasenmacherei erkannt zu werden. »Die Atome sind nicht zu begreifen, und das Bewußtsein ist nicht zu erklären.« Nun aber besteht die ganze Welt aus Atomen und Bewußtsein, aus Materie und Geist. Wenn beides unverständlich ist, was bleibt dann dem Verstande zu begreifen und zu erklären übrig?

Das Licht der Erkenntnis macht den Menschen zum Herrn der Natur. Mit seiner Hilfe vermag er im Sommer das Eis des Winters und im Winter die Früchte und Blumen des Sommers darzustellen. Aber stets bleibt die Herrschaft beschränkt. Alles, was man kann, kann man nur mit Hilfe der natürlichen Kräfte und Materialien. Die Natur mit bloßen Worten, mit einem »es werde!« unbeschränkt beherrschen wollen, kann nur dem Phantasten einfallen. Wie Kinder und Naturvölker unbeschränkt herrschen, so möchten unsere kindischen Gelehrten unbeschränkt erkennen. »Das System des Begnügens mit der gegebenen Welt«, meint Lange, »steht im Widerspruch mit den Einheitsbestrebungen der Vernunft, mit Kunst, Poesie und Religion, in welchen der Trieb liegt, sich über die Grenzen der Erfahrung hinauszuschwingen.« – Nun sind Kunst und Poesie als Phantasien bekannt, wenn auch als schöne und anbetungswürdige, und wenn die Religion und der metaphysische Trieb nicht mehr sein und in dieselbe Kategorie gehören wollen, so hat kein Verständiger etwas dagegen einzuwenden. Der Mensch mag den metaphysischen Trieb, über alle Grenzen zu schnappen, wirklich haben, wenn er nur einsieht, daß es ein unwissenschaftlicher Trieb ist. Das Licht der Vernunft hat durchaus seine Grenzen, wie alle Dinge, wie Holz und Stroh, wie Technik und Verstand, also verständige Grenzen, die jeder Teil haben muß, wenn er keine Narretei sein will.

Wie der Mensch alles machen kann, so kann er auch alles erkennen – innerhalb verständiger Grenzen. Wir können nicht schaffen wie der liebe Gott, der die Welt aus Nichts gemacht. Wir müssen uns am Gegebenen, an den vorhandenen Kräften und Stoffen halten und ihren Eigenschaften Rechnung tragen; sie lenken und leiten, sie formen, nennen wir schaffen; die vorhandenen Materialien in Ordnung und Regel bringen, generalisieren oder klassifizieren, die mathematischen Formeln der natürlichen Wandlungen abstrahieren – das nennen wir erkennen, begreifen, erklären.

Demnach ist unsere ganze geistige Erleuchtung eine formelle Geschichte, eine mechanische Wirtschaft. Wie in der technischen Produktion die Naturerscheinungen leiblich verwandelt, so sollen in der Wissenschaft die Naturwandlungen geistig erscheinen. Wie die Produktion das überspannte Schöpfungsbedürfnis, so läßt die Wissenschaft oder das »Naturerkennen« das überspannte Kausalitätsbedürfnis im letzten Grunde unbefriedigt. Aber sowenig ein verständiger Mensch darüber lamentieren wird, daß wir zum Schaffen ewig Materialien bedürfen und aus Nichts und frommen Wünschen nichts machen können, sowenig wird derjenige, der Einsicht in die Natur des Erkennens hat, damit über die Erfahrungen hinausfliegen wollen. Zum Erkennen oder Erklären bedürfen wir, wie zum Schaffen, Material. Demnach kann keine Erkenntnis Aufklärung geben, wo das Material herkommt oder anfängt. Die Erscheinungswelt oder das Material ist das Primitive, das Substantielle, das weder Anfang, Ende noch Herkommen hat. Das Material ist da, und das Dasein ist materiell (im weiteren Sinne des Wortes) und das menschliche Erkenntnisvermögen oder Bewußtsein ist ein Teil dieses materiellen Daseins, welches wie alle anderen Teile nur ein bestimmte, begrenzte Funktion, das Naturerkennen, ausüben kann.

Warum sollte nicht, wie das Erkennen, so auch das Blech, die Bretter und das Rindfleisch verhimmelt werden? Die Aufgabe der Radikalen besteht in dem Nachweis, daß auch der letzte subtilste metaphysische Rest von »etwas Höherem« mit dem abgeschmacktesten Aberglauben in dieselbe Rumpelkammer gehört.

Formen, Veränderungen oder Wandelbarkeiten bietet die Welt. Wem das zu wenig ist, der sucht Ewiges über den Sternen, wie die Religion, oder hinter den Erscheinungen, wie die spekulative Philosophie. Die »kritischen« Philosophen aber haben dunkel geahnt, daß das, was man sucht, ein Sparren ist, den die Bildung aus dem Menschenkopf zu entfernen hat. Die Forschung nach der Substanz haben sie deshalb aufgegeben und ihr Interesse dem Organ der Forschung, dem Erkenntnisvermögen zugewandt. Da hat man recht kritisch gearbeitet. Wenn vormals hinter jedem Busch und Strauch »etwas Höheres« stecken mußte, so ist das jetzt doch, wenigstens in den maßgebenden Kreisen, bis in die letzte Heimlichkeit, bis hinter die unerfindlichen Atome und bis hinter das noch heimlichere Bewußtsein verdrängt.

Dort sind die »Grenzen unseres Erkennens«, und dort steckt der Sparren. Sich davon zu befreien, ist um soviel schwerer, weil seit den Forderungen des vierten Standes unsere offiziellen Gelehrten angewiesen sind, eine konservative, reaktionäre Politik zu verfolgen.

Wenn nun die zeitgenössischen Philosophen mit dem Geschichtschreiber des Materialismus (F. A. Lange) an der Spitze herankommen und sagen, die Welt bietet Erscheinungen, das sind die Objekte des Naturerkennens; letzteres hat es mit den Veränderungen zu tun, wir aber suchen an einer höheren Erkenntnis oder an ewigen, wesenhaften Objekten, dann ist klar, daß es mystizistisch Unersättliche sind, welche mit sämtlichen Körnern eines Sandhaufens sich nicht begnügen wollen, sondern hinter allen Körnern extra noch einen körnerlosen Sandhaufen suchen.

Wer mit dem Jammertal der Erscheinungswelt so durchaus zerfallen ist, mag sich mit der unsterblichen Seele in einen feurigen Wagen setzen und gen Himmel fahren. Wer aber hier bleiben und an das Heil des wissenschaftlichen Naturerkennens glauben will, soll sich mit der materialistischen Logik vertraut machen. Da lautet

§ 1: Das intellektuelle Reich ist nur von dieser Welt.