§ 2: Die Operation, welche wir Erkennen, Begreifen, Erklären nennen, soll und kann nichts als diese Welt des sinnlichen, zusammenhängenden Daseins klassifizieren nach Gattungen und Arten, sie soll und kann nichts als das formale Naturerkennen praktizieren. Anderes Erkennen gibt es nicht.

Aber dann kommt der »metaphysische Trieb«, der mit dem »formalen Erkennen« sich nicht begnügt und nun, er weiß selbst nicht wie, erkennen will. Ihm ist es nicht genug, mit dem Verstand die Erfahrungen zu klassifizieren. Was die Naturforschung Wissenschaft nennt, ist ihm nur ein Surrogat, ein armes, begrenztes Wissen; er verlangt nach unbegrenzter Vergeistigung, so daß die Dinge rein aufgehen sollen im Verständnis. Warum will denn der liebe Trieb nicht einsehen, daß er nur eine überspannte Forderung stellt? Die Welt geht nicht aus dem Spiritus hervor, sondern umgekehrt. Das Sein ist keine Art des Intellekts, sondern der Intellekt eine Art des empirischen Daseins. Dasein ist das Absolute, das überall und ewig ist; das Denken nur eine besondere beschränkte Form desselben.

Der Trieb, über die Erscheinungen hinauszugehen bis zur Wahrheit und zum Wesen, ist wissenschaftlicher Trieb. Aber er darf nicht überschnappen; er muß seine Grenzen kennen. Er soll seine Wahrheiten und Wesenheiten nicht separieren von der Erscheinung; er darf nur nach subjektiven Objekten, nach relativer Wahrheit forschen.


X.
Das Akquisit der Philosophie.

Das »Akquisit der Philosophie« ist 1887 – in Dietzgens letztem Lebensjahr – in Chicago geschrieben. In der Vorrede erzählt unser Autor, wie er in den vierziger Jahren aus der Lektüre von Zeitungen und Schriften der extremen Lager – der preußischen Reaktion und der freidenkerischen Revolutionäre – zur Erkenntnis kam, daß »der Geist beider Heerlager aus dem Akquisit der Philosophie, zunächst aus der Hegelschen Schule stammte«. Damit wollte er wohl sagen, daß die fundamentalen Prämissen der Gerlach, Stahl und Leo das historisch Gewordene als Bleibendes zur Voraussetzung hatten, während dasselbe für Feuerbach, Marx und Engels etwas fortschreitend Veränderliches war; das eine wie das andere läßt sich »hegelisch« etikettieren, je nachdem man es mit dem Sein oder dem Werden hält; in Hegel ist Raum für Konservativismus wie für Fortschritt.

Nach Dietzgens Vorhaben sollte das »Akquisit der Philosophie« eine verbesserte Auflage des »Wesens der Kopfarbeit« sein – alter Wein in einem neuen Schlauch; darin hat er sich wohl getäuscht; das »Akquisit« ist zwar eine Fortsetzung und Ergänzung, aber kein Ersatz seines ersten Werkes, das vielmehr sein Hauptwerk geblieben.

Im ersten Abschnitt »Die Erkenntnis als Spezialobjekt« (der Philosophie) sagt er: Im griechischen Altertum hatte das Wort Philosophie (Weisheitsliebe) eine andere Bedeutung als heute. Bei den Griechen war es gänzlich unentschieden, ob der Philosoph (Weisheitsliebender) Mathematiker oder Astronom, ob er sich die Arzneiwissenschaft, die Redekunst oder die Lebenskunst zum Gegenstand seiner Forschungen machte. Die Fächer lagen da ineinandergerollt wie der Embryo im Mutterschoß. Als die Menschheit noch wenig wußte, konnte man schon ein Weiser sein; aber heute muß man sich spezialisieren, muß man sich einer speziellen Wissenschaft befleißigen, weil das Forschungsgebiet zu reich geworden ist. Der Philosoph ist heute kein Weiser mehr, sondern ein Spezialist.

Die Philosophie hat auch heute noch die Erkenntnis zu ihrem Gegenstand; aber nicht mehr die unbestimmte, welche alles erkennen will, sondern – wie soll ich es populär ausdrücken? – sie hat die Erkenntnis als solche, die Methode der Erkenntnis zu ihrem Zwecke erwählt, sie will erkennen, wie es gemacht wird, andere Objekte mit dem Lichte des Verstandes zu durchleuchten. Um es recht deutlich zu sagen: nicht mehr die Erkenntnis, die alles wissen will, wie zur Zeit des Sokrates, sondern der Verstand als Spezialobjekt, das Denk- oder Erkenntnisvermögen ist zum Forschungsgegenstand der Philosophie geworden.