Die heutige Erkenntnistheorie ist eine wirkliche Wissenschaft. Die Altväter zum Beispiel suchten die Erkenntnis à la Sokrates und Platon, mit Verachtung der äußeren Erfahrung, in den Eingeweiden des Menschenkopfes. Sie glaubten durch Grübeln die Wahrheit zu erforschen.

Schon Aristoteles hatte mehr Sinn für die äußere Welt.

Mit der alten Kultur ging natürlich auch die alte Philosophie unter, bis sie vor einigen hundert Jahren, im Anfang der neueren Zeit, endlich wieder frisch auflebte.

Von Aristoteles bis Bacon hat die Philosophie geschlafen, wenigstens kein merkliches Akquisit gefördert. Erst nachdem die gesamte Kultur die menschliche Erkenntnis so weit gefördert hat, daß nunmehr das intellektuelle Licht von allen Disziplinen der Wissenschaft ausstrahlt, wird sich die Philosophie ihres Spezialobjektes bewußt und vermag ihr Akquisit aus dem Wuste der Vergangenheit herauszuschälen.

Das Akquisit der Philosophie, die erforschte Erkenntnis oder das erforschte Erkenntnisvermögen, ist daher neben den Gütern der Wissenschaft ein ebenso wertvoller Schatz der Menschheit wie die Methodik der modernen Produktion neben den materiellen Gütern des Nationalreichtums.

Im zweiten Abschnitt wird Dietzgens aus den früheren Schriften bekannter Hauptlehrsatz »Das Erkenntnisvermögen hängt mit dem Universum verwandtschaftlich zusammen« erörtert:

Die Technik der Erkenntnis wurde von der gesamten Kulturbewegung zutage gefördert – als philosophisches Akquisit. Die gesamte Kulturbewegung hat den Philosophen auf die Strümpfe geholfen.

Die Geschichte der Philosophie ist ein saures Ringen mit der Frage: was ist und was tut, aus welchen Teilen besteht und welcher Natur ist die Erkenntnis oder Intelligenz, die Vernunft, der Verstand usw?

Das vornehmlichste Akquisit bei der Lösung dieses Problems ist die sich in unseren Tagen immer heller und präziser geltend machende Erkenntnis, daß die Natur des menschlichen Intellekts mit der Gesamtnatur von einer Gattung, von einer Art oder einem Geschlecht ist; der Menschengeist ein bestimmter, begrenzter Teil des unbegrenzten Kosmos, der Natur oder des Universums ist.

Wie ein Stück Eichenholz die zwieschlächtige Eigenschaft besitzt, neben seiner eichenen Spezialnatur nicht nur an der allgemeinen Holznatur, sondern auch an der unendlichen Allgemeinheit der Generalnatur teilzunehmen, so ist auch der Intellekt eine begrenzte Spezialität, welche zugleich die Eigenschaft besitzt, als ein Teil des Universums selbst universal zu sein und sich seiner und aller Universalität bewußt zu werden. Die unendliche universelle, kosmische Natur steckt im Intellekt, im menschlichen sowohl als im tierischen, wie sie im Eichenholz, in allen anderen Hölzern, in allen Stoffen und Kräften steckt. Die weltliche, monistische Natur, welche vergänglich und unvergänglich, begrenzt und unbegrenzt, speziell und generell zugleich ist, befindet sich in allem und alles befindet sich in dieser Natur – die Erkenntnis oder das Vermögen der Erkenntnis macht davon keine Ausnahme.