»Inwiefern ist der Intellekt beschränkt und unbeschränkt?« lautet die Überschrift des dritten Abschnitts.

Die Erkenntnis ist ein Vermögen neben anderen, und alles, was neben anderem liegt, ist davon beschränkt und begrenzt. Wir können alles erkennen, aber wir können auch alles betasten, sehen, hören, riechen und schmecken; wir haben auch das Vermögen herumzuwandeln und dergleichen Vermögen noch mehr. Eine Kunst beschränkt die andere, und doch ist jede in ihrem Gebiet unbeschränkt. Die verschiedenen menschlichen Vermögen gehören zusammen und machen zusammen den menschlichen Reichtum aus.

Der Verstand des Menschen ist beschränkt, wie sein Gesicht beschränkt ist. Das Auge kann durch eine Glasscheibe hindurchsehen, aber nicht durch ein Brett; gleichwohl werden wir es für keine Beschränktheit irgendeines Auges halten, wenn es die Bretter nicht durchschauen kann. Diese drastischen Gleichnisse sind zeitgemäß, weil es gelehrte Herren gibt, die mit der bedächtigsten Miene von der Welt den Finger an die Nase legen und auf die Beschränktheit unseres Intellekts in dem Sinne aufmerksam machen, als sei das Erkennen, das auf dieser Erde wissenschaftlich produziert wird, nur so ein nominelles, aber gar kein eigentliches Wissen und Kennen. Der menschliche Intellekt wird so zum »Surrogat« irgendeines »höheren« Intellekts herabgewürdigt, der ahnungsvoll in dem kleinen Kopfe eines Heinzelmännchens oder in dem großen eines allmächtigen Wolkenschiebers nicht entdeckt, aber »geglaubt« werden soll. Jetzt ist der Intellekt erkannt als eine begrenzte, beschränkte, natürliche Erscheinung, Kraft oder Potenz, welche nicht unermeßlich, wohl aber gleich allen anderen Kräften und Stoffen ein Teil des Unermeßlichen, Ewigen und Unbegrenzten ist.

Die Kenntnis des Universums, des Unbegrenzten ist uns sowohl angeboren als durch Erfahrung gegeben. Angeboren ist dem Menschen diese Kenntnis, ähnlich wie ihm die Sprache angeboren ist, nämlich in der Keimform, und die Erfahrung gibt uns das Unbegrenzte in negativer Weise; wir erfahren nirgends und von keinem Dinge Anfang oder Ende. Ganz im Gegenteil hat uns die Erfahrung positiv darüber aufgeklärt, daß alle vermeintlichen Anfänge und Enden nur Zusammenhänge des unendlichen, unermeßlichen, unerschöpflichen und unauskenntlichen Universums sind. Gegenüber dem kosmischen Reichtum ist der Intellekt allerdings ein armer Schlucker, was ihn nicht hindert, andererseits das vollkommenste Instrument zu sein, um die begrenzten Erscheinungen des unbegrenzten Naturwesens in klarster und deutlichster Weise konterfeien zu können.

Das Thema wird im vierten Abschnitt »Von der Allgemeinheit der Natur« fortgesetzt:

Was sich in der Natur widerspricht, soll unser Kopf auflösen. Wenn er so viel Selbstkenntnis besitzt, zu wissen, daß er keine Ausnahme von der allgemeinen Natur, sondern ein natürliches Stückchen desselben Stoffes ist (trotzdem er sich »Geist« nennt), so weiß er und muß er zugleich wissen, daß seine Klarheit sich von der natürlichen Verworrenheit, daß sich die Lösung des Rätsels vom Rätsel selbst nur ganz mäßig unterscheiden kann. Nur durch mäßige Unterscheidung lösen sich die Widersprüche, nur durch die erkenntnistheoretische Wissenschaft, daß überschwengliche Grundverschiedenheiten eben nur Überschwenglichkeiten sind.

Behufs dessen müssen wir uns vergegenwärtigen, daß es nur ein Wesen gibt und alle anderen sogenannten Wesen als unwesentliche Formen des Generalwesens zu erkennen sind, welches letztere mit den Namen Natur oder Universum bezeichnet wird.

Ursprünglich also zu Übertreibungen im Unterscheiden geneigt, hat man das menschliche Erkenntnisvermögen für ein Wesen von anderer Natur angesehen als die natürlichen Wesen, welche neben und außer dem Intellekt existieren. Nun ist aber zu bemerken, daß jedes Stückchen der Natur ein »anderes« individuelles Naturstückchen ist, und ferner, daß jeder andere und anders geartete individuelle Teil trotzdem und zugleich auch kein anderer, sondern ein gleichartiges Stück der Generalnatur ist. Die Sache ist gegenseitig: das allgemeine Naturwesen besteht nur mittels der unendlich vielen individuellen Spezialitäten, und diese wieder bestehen nur in dem, mit dem und durch das allgemeine kosmische Gesamtwesen.

Unser Intellekt ist ein Teil des Unerschöpflichen und hat also auch teil an seiner unerschöpflichen Natur. Der Naturteil, welcher den Namen Intellekt führt, ist nur insofern beschränkt, wie der Teil kleiner ist als das Ganze.

Der fünfte Abschnitt »Wie das Erkenntnisvermögen ein Stück der Menschenseele ist« knüpft an die Theorie des Psychophysikers Fechner an, nach der alle leblosen wie lebenden Wesen eine Seele haben: