… In solchen Lebenslagen wie gegenwärtig mußt Du auf die gewohnheitsmäßige Befriedigung Deiner Lebensbedürfnisse verzichten können, nach Pittsburg und dem Westen per Emigrantenzug fahren und aus der Tasche von Wurst und Brot zehren. Ich habe das xmal wochenlang getan und bin dabei so heiter geblieben, als wenn ich an der Table d'hote gespeist hätte. Im Gegenteil. Die Kraft der Entsagung ist ein wirksames Gegenmittel gegen die Bedrückung des Gemüts, welche die sorgenvolle, prekäre Lage notwendig mitbringt.

26. April 1882.

Wir haben die Karte empfangen, worin Du Dein neues Engagement anzeigst. Es hat also gut gegangen; aber doch wünschte ich, daß Du so viel Freiheit über Dich selbst gewönnest, um einzusehen, daß man zeitweise seinen Gefühlen mehr Zwang antun muß.

… Dein stolzer, unabhängiger Sinn ist mir sehr lieb und wert, aber um ihn zu realisieren, um wahrhaft unabhängig zu werden, mußt Du auch das dialektische Gegenteil, den unterwürfigen Sinn üben und pflegen. Es ist das wohl ein Widerspruch, aber ein durchaus sinniger, wie das reale Leben ihn überall fordert.

Dafür, daß Du mich so fleißig über die Einzelheiten Deiner Krisis unterrichtet hast, bin ich Dir noch besonders dankbar. Es hat mich das wohl für einzelne Tage und Stunden recht besorgt gemacht, auch wohl eine schlaflose Nacht verschuldet, aber im ganzen sehe ich doch, daß die Situation nicht so schlimm ist, daß Deine Aussichten mannigfaltiger sind, wie ich sie mir anfangs vorstellte. Laß uns nur recht fest zusammenhalten, und wir werden alle Hindernisse überwinden …

14. Juni 1882.

Herrschaft über die Natur ist der Adel des Menschen. Ursprünglich Tier, wird er Mensch und Herr erst dadurch, daß er dem Naturwalten hinter die Schliche kommt. Der Zweck aller Kultur geht dahin, die natürliche Abhängigkeit zu besiegen und Herr zu werden. Nur innerhalb gewisser Schranken kann das gelingen. Auch wenn die Menschheit das Errungene in der Zukunft verzehnfacht und verhundertfacht, verbleibt sie in natürlicher Abhängigkeit. Die menschliche Herrschaft kann immer nur eine vernünftig beschränkte sein.

Was also die Aufgabe des ganzen Geschlechts, ist auch Deine persönliche, individuelle Aufgabe: Du willst und sollst Herr Deines Geschicks werden. Obgleich Du Momente hast, wo Du Dich jetzt schon als solcher fühlst, wirst Du auch Momente haben, wo Du Deine Untertänigkeit empfindlich merkst. Also bist Du soviel Knecht wie Herr, jedes relativ, das heißt einer, der sich emporarbeiten will, der dies Streben als hoch und hehr erkennt, ohne zu verkennen, daß er nie einen absoluten Gipfel erreichen kann.

Wenn nun die Menschheit des geistigen Scharfsinns zum Kulturfortschritt bedarf, so kannst Du im Verkehr mit den Widerwärtigkeiten der List nicht entraten. Weder der Wunsch, frei, noch das empfindliche Gefühl, Knecht zu sein, kann Dich aus Stricken und Banden erlösen: es gehört die »kluge« Tat dazu.

Die Sklaverei (im wörtlichsten Sinne) nennt Hegel eine »List der Vernunft« und meint damit, sie sei notwendig gewesen, um die Menschen mit der Peitsche zur Arbeit anzuhalten, weil sie ursprünglich eben Tiere sind, die der Zuchtrute bedürfen. Und Aristoteles erklärt bekanntlich, daß erst, wenn die Weberschiffchen ohne Menschenhand und von selbst hin und her schnellten, an Abschaffung der Sklaverei zu denken sei. Jetzt erst, wo die Weberschiffchen angefangen haben, von selbst zu laufen, und die Ziegelsteine fast ohne Arbeit gebacken werden, heute also, wo der Reichtum überhandnehmen will und die tierische Plackerei immer mehr durch die Kultur beseitigt werden kann, ist die Forderung nach allgemeiner Freiheit berechtigt.