Der Anachoret Paulus hat mir viel Vergnügen gemacht, aber auch die Episode zwischen Polykarp und Vater und Mutter.

Die freiwillige Armut und Abstinenz hat gewiß ihre gute Seite, nur mußt Du Dich erinnern, daß sie aus der heidnischen Völlerei hervorgegangen, und daß die Armut so einseitig ist wie die Völlerei, die Wahrheit oder Vernunft nun aber die Umfassung beider Extreme erfordert, nicht: entweder – oder, sondern: sowohl – als auch. Sowohl reich wie arm. Wir wollen unsere Begierden mäßigen, unsere Lebensart auf das einfachste reduzieren, ohne zu vergessen, daß solche Reduktion den Zweck hat, uns reicher zu machen, reicher sowohl an materiellen wie an geistigen Gütern. Beide Güterarten gehören durchaus zusammen und sind nur Formen oder Arten eines Guts, des Guten schlechthin.

16. Januar 1882.

Ich wünschte besonders, daß der Eindruck, den »Homo sum« auf Dich gemacht, etwas haften bliebe, das heißt die Erkenntnis, daß eine gewisse Abstinenz zur Erreichung einer befriedigenden Seelenstimmung unumgänglich ist. Du sollst die Welt und das Vergnügen nicht meiden, aber auch die Einsamkeit nicht. Der Wechsel zwischen beiden gewährt den höchsten Genuß.

Der Kunstsinn liegt bei Euch drüben in Amerika noch im argen; hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch sehr gehoben und wird voraussichtlich in den nächsten Jahrzehnten riesig steigen, weil nirgends der Reichtum so zunimmt wie dort. Und Reichtum muß und wird immer danach streben, seinen Genuß durch die Kunst zu erhöhen. Deshalb glaube ich, daß eine kunsthandwerkmäßige Ausbildung für eine amerikanische Zukunft zweckmäßig sein könnte …

20. Februar 1882.

Möchte jetzt gern einmal von Dir hören, ob Du auch schon das erworben hast, was ich immer als mein bestes Akquisit von meiner ersten amerikanischen Tour betrachtet habe: das Gefühl, mit einem Lande und mit Verhältnissen bekannt geworden zu sein, wo man die hier allgemein so schwer drückenden Sorgen für das tägliche Brot auf die leichte Schulter nehmen kann. Wenn das ist, dann hast Du viel, unendlich viel, etwas gewonnen, was ein Vermögen wert ist.

3. April 1882.

Deine letzten Nachrichten haben mir nicht nur viel Sorge gemacht, sondern waren mir besonders unerfreulich, weil ich sehe, daß Du einen so großen Leichtsinn hast, wie ich nie vermutet habe. Die zwölf Dollar pro Woche, die Du errungen, waren nötig zur Existenz, und so das Notwendige aufs Spiel setzen, um ein übriges zu gewinnen, ist unverantwortlich. Ich wünsche nur, daß die Sache sich besser gestaltet, wie meine Liebe zu Dir mich fürchten läßt. Also fünfzig Dollar Schulden hast Du schon bei Sorge und zehrst wahrscheinlich auf Kredit! Das kann nur gut enden, wenn Du nicht manchen Tag nach einem neuen Unterkommen zu suchen brauchst. Denke und hoffe optimistisch, aber handle pessimistisch. Wenn Du etwas von meiner Kraft hättest, dann würdest Du sofort Deine Ausgaben auf das Allernotwendigste einschränken, buchstäblich von Brot und Wasser leben und möglichst schnell in Arbeit treten, gleichviel ob man zwanzig oder nur drei Dollar dafür zahlt. Solche Handlungsweise würde von Verstand zeugen, aber große Ansprüche machen, die man nicht zu erringen und zu bestreiten weiß, ist eine törichte, eitle Kaprice. Weißt Du auch, daß ich froh wäre, wenn ich den Wert von zwölf Dollar wöchentlich nicht nur für mich, sondern für uns alle hier zu verzehren hätte? Solange Du mir nicht sagen kannst: »ich habe hundert Dollar für einen Notpfennig zurückgelegt«, so lange schelte ich dich leichtfertig.

18. April 1882.