Unser Gehilfe Knöfel ist nach der Heimat gewesen. Hat von dort geschrieben, ob er zurückkehren könne. Ich habe ihm dann einen annehmbaren Vorschlag gemacht. Er ist wiedergekommen, hat vier Tage gesoffen und zwei gearbeitet, und sich nun entschlossen, nach Amerika zu gehen. Wahrscheinlich wird er nach sechs oder acht Tagen von hier abreisen. Wenn er nach New York kommt, wird er Dich jedenfalls aufsuchen. Sein Geist ist stark, aber das Fleisch ist schwach. Ich glaube, daß er drüben seine paar hundert Mark verduseln und dann ein guter Arbeiter sein wird.

22. Dezember 1881.

… Daß die Amerikaner angespannter arbeiten wie die Leute hier, weiß ich wohl aus eigener Erfahrung; aber was die Entschädigung durch Vergnügen anbelangt, dünkt mir doch, daß diese Sucht hier noch schlimmer ist. Die Bierbank und öde Gesellschaft ist wohl nirgends mehr gepflegt wie in unserem deutschen Philisterium. New York und die Großstädte machen eine Ausnahme, sonst im Innern des Landes ist nach meiner Erfahrung der Amerikaner ein sehr ernster Mann, der mehr die Einsamkeit liebt und pflegt wie irgendeine andere Nation.

Leider lebt in aller Welt die Volksmasse noch immer in einer geistigen Wüste. Mit der Tatsache, daß Du an Deiner inneren Ausbildung mehr arbeiten möchtest, als Dir die Stellung vergönnt, mußt Du Dich eben abfinden, so gut es angeht. Es ist das ein Weltleiden. Darum war bisher auch alle geistige Entwicklung hauptsächlich das Werk der bevorzugten Klassen, und fand die aristokratische Konstitution der Gesellschaft früher auch ihre Berechtigung darin, daß die Masse arbeiten mußte, damit die wenigen Muße hatten zur Förderung der Kultur. Jetzt darf auch die Masse Muße fordern, weil eben die Kultur so weit gediehen ist, daß der nötige Proviant in einem Viertel der alten Zeit beschafft werden kann.

Das Reisen im Staate New York muß Dir doch Vergnügen machen. Die Natur ist da ja wirklich besonders schön, namentlich zwischen Albany und Buffalo sind sehr schöne felsige Gebirgspartien. Aber auch die Gegend am Hudson hat mir gefallen. Empfehle Dir, Washington Irvings »Sketchbook« zu lesen, und wenn Du etwas Ernstes studieren willst, rate Dir sehr an, Dich mit der Literaturgeschichte aller Zeiten und Völker zu beschäftigen. Die englische Literatur, die Dir am leichtesten zugänglich, ist wohl die schönste von allen; aber natürlich hat jedes Volk seine besonderen reizvollen Eigentümlichkeiten. Mit Zeitungen und dergleichen rate ich Dir nicht, die schöne gute Zeit zu vertrödeln.

1. Januar 1882.

Lege auch einen Abschnitt aus der »Kölnischen Zeitung« bei, aus dem Du lernst, wie überfüllt alles und wie schwer hier das Fortkommen für die jungen Leute ist.

Du kannst Dir kaum denken, wie deprimierend das auf den Charakter der jungen Leute wirkt, so bis an die dreißig Jahre herumzulungern, äußerlich den hoffnungsvollen Mann spielen zu müssen, und inwendig einen Placken an den anderen setzen, um nur die Blöße decken zu können. So sind viele Siegburger Apotheker geworden und finden sich nicht besonders wohl dabei. Ohne die Fonds, eine eigene Apotheke erwerben zu können, soll das Fach sehr schlechte Stellungen bieten.

»Homo sum«[19] habe in den Weihnachtstagen gelesen und mich recht dabei amüsiert. Verstand dadurch auch um so viel besser die Philosophie Deines letzten Briefes. Es ist mir sehr lieb, wenn Du Dich derart über Deine innersten Gedanken öfters aussprichst. Dergleichen vermindert den Raum, der zwischen uns liegt.