19. September 1883.
In Ermangelung eines sozialen Staates wollen wir (Vater und Kinder) wenigstens unter uns Kommunisten sein in beschränktem Maße, für den Notfall, und nicht utopistisch. Du sollst – nach meiner Denkart – im allgemeinen, im großen ganzen egoistisch für Dich und Deine Zukunft sorgen, aber nebenbei auch der allgemeinen Menschenliebe Rechnung tragen. Die faktischen Weltverhältnisse beruhen noch auf dem Egoismus gar ausschließlich, und über das Faktische darf sich auch kein Idealist hinwegsetzen, sonst ist er Utopist …
16. November 1883.
Du sprichst von dem unmoralischen Ton in der Familie M., der Dich und auch Eduard S. chokierte. Ich kann mir dabei nichts anderes denken, als daß die Ablösung der Bande, welche Bürgermeister, Pastor und Nachbarschaft dem Dorfmenschen auflegen, verstärkt durch die Fesseln ökonomischer Dürftigkeit und das Gefühl niedriger sozialer Stellung, daß der Wegfall dieser Banden die Emporkömmlinge dort drüben außer Rand und Band bringt. Ob sie sich da nun mit äußerem Flitter behangen, bleibt ihnen doch das Gefühl der Niedrigkeit, welches sie sich durch Anmaßung ausreden möchten. Ist es so? Nun, das sollte Dich nicht antipathisch stimmen. »Alles erklären, heißt alles verzeihen.« Wenn Du von Dir ein höheres Bewußtsein hegen kannst, so freue Dich dessen, aber halte auch gewärtig, daß Du in dieser so sehr verbesserungsbedürftigen Welt immer Resignation üben und Dein Licht in etwa unter den Scheffel halten mußt.
6. Dezember 1883.
… Wenn ich nicht gerade dem Elend ins Auge sehen muß, und nur eben, wenn noch so arm, leben kann, bin ich durch mein heiteres Gemüt ungemein reich und besitze eine unverwüstliche Munterkeit.
Auch Deine entschiedene Sprache, mit der Du von neuen Geschäftsunternehmungen abrätst, hat mir wohl getan. Mir tut nichts wohler, als wenn Ihr alle mitratet bei Gestaltung der Zukunft; nur muß es kein Rat sein, wie ihn Deine Schwestern gewöhnlich im Vorrat haben, die alles abweisen, aber nichts Neues an die Stelle setzen; immer bleiben wollen, wie sie sind, ohne der Zukunft Rechnung zu tragen. Sie raten nur negativ: »Tu nicht! Tu nicht!«
Im Briefe vom 22. November sagst Du: »Bin schlimmsten Falls niemals um mein Brot verlegen.« Dies Wort hat mich sehr erfreut. Wenn Du Dich etwas mit der politischen Ökonomie bekannt gemacht hast, wirst Du einsehen: was heute ein Kapital ist, ist morgen keins mehr. Ich bin Kleinbürger von Geburt und Stand. Wenn ich kein Betriebskapital habe, bin ich am Ende meines Lateins. Darum möchte ich sehen, daß meine Kinder sich nicht auf ein kleines und unzulängliches Kapitälchen, das mit der Entwicklung der Dinge immer noch unzulänglicher wird, stützen sollten, sondern auf ihre Arbeitskraft. Im Anschluß an konkurrenzfähiges Kapital sich eine günstige Lohnstellung suchen, ist zeitgemäßer als die kleine unzulängliche Selbständigkeit. Ich spreche Dir ja meine Gedanken in den »Logischen Briefen« aus.
25. Januar 1884.