Ich will Dich gewiß nicht abhalten, wenn Du die Gelegenheit hast, ein eigenes Geschäft zu akquirieren, sondern nur anraten, den unvermeidlichen Drang dahin zu mäßigen durch die Erkenntnis, daß das Kleingetriebe dem Untergang gewidmet ist; der dienende Anschluß an eine große Firma ist freier, leichter, lohnender wie die Kleinkrämerei. Solche Selbständigkeit ist doch eine sehr relative, besonders wenn die Konkurrenz ihr das Leben sauer macht. Ich glaube gern, daß Du von meinem Charakter ein gut Stück geerbt hast, wodurch es Dir schwer wird, auf Gleichberechtigung zu verzichten. Indes ist das nun einmal nicht anders in unseren Tagen des Privatbesitzes und daraus folgenden Standesunterschiedes. Wer kein großes Vermögen hat, kein Kapitalist ist, ist unfrei geboren.

Ich glaube, wir, ich, Du und Deine Geschwister, werden am besten fahren, wenn wir in etwa resignieren und uns als das betrachten, was wir auch in der Tat sind, als Proletarier, die der Regel nach nicht imstande sind, sich aus ihrer Klasse herauszuarbeiten, sondern ein hoffnungsvolles Leben nur finden können im politischen Streben nach der Emanzipation der gesamten Arbeiterklasse. Der Mensch tut gut, nicht zu hoch hinauszufliegen und sein Streben mit seinen Mitteln in Einklang zu halten. Demnach schlage ich vor, daß wir unser kleines Vermögen nicht gebrauchen, um Reichtümer zu erwerben – insofern diese zu den Trauben gehören, die zu hoch hängen –, sondern als Notanker für unabsehbare Unglücksfälle.

Bei solcher Lage der Dinge müssen wir »dienen«. Nun sind nach meiner Erfahrung die Vereinigten Staaten der Ort, wo die Bitterkeiten des Unvermeidlichen noch am leidlichsten sind.

17. März 1884.

Auf Deinen Brief aus Buffalo, worin Du gegen meinen Rat polemisierst, Resignation zu üben wider den Trieb, ein reicher Mann zu werden, hätte ich viel zu sagen, was aber doch überflüssig ist, indem Du, trotz Deiner Polemik, mich doch verstanden hast.

Ich will Dich gewiß nicht veranlassen, absolut zu resignieren, sondern möchte nur, daß der Begriff der ökonomischen Entwicklung diesen Trieb insoweit mäßige, als zu erkennen ist, daß der Regel nach nichts zu holen ist; wenn Dir aber das Glück zwischen die Beine läuft, werde ich gewiß einverstanden sein, wenn Du recht wacker für ein Stück Kapital arbeitest.


Fußnoten

[1] Verlag der Dietzgenschen Philosophie. München 1911.