Heftige Windströme saugen um die Klippen, und der Flieger wehrt sich um sein Leben. Schüsse prallen rings, von schlagenden Granaten bebt Trafoi. Dada biegt nach Westen, um nicht vom Tiroler Feuerringe gefaßt zu werden. An der Schweizer Grenze wird er durch erdstürzenden Windstrom herabgezwungen. Er landet auf einer Halde über dem Tale von Pontresina, sprengt das Flugzeug und flüchtet in die Klüfte des Corwatsch, denn die Täler sind voll Soldaten. Von Hirten bekommt er Nahrung und Bauernkleider und endlich wagt er sich als deutscher Flüchtling aus Zürich in das Engadin.

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Das obere Engadin mit breiten tiefgrünen Bergseen zu Füßen wohlgeformter Schneegebirge ist eine ungeheure Enzianblüte. Im Anblick der himmlischen Eisdiamanten sucht Dada die Einsamkeit, ewige Frische und Reinheit der Luft von Chasté auf. Das ist kein Karst. Gewaltige Lärchen, Bergfichten, Eichen steigen bis zur Geröllzone in mächtigen Waldungen auf. So war einst Attika von den Hainen des Zeus bedeckt. Nebel und Wolken schweben mit Riesenschatten wandernder Legionen feierlich um die Bergzinnen, und diese tauchen schneeblitzender in der tiefsten Bläue auf.

Dada mietet ein Gehöft am Ufer des grünen Bergsees. „Einsame Zärtlichkeit“ schreibt er über die Tür seines Hauses. Kein Zaun umschränkt es, kein Hofhund stört, und das Gezwitscher der roten Schweizer Wäschermädels tief am grünen See erquickt sein Geborgensein. Der hölzerne Oberbau mit dem giebeligen Dach ist fortgenommen und auf den viereckigen Granitunterbau ein hoher, flächig polygonaler Glasbau gesetzt worden. Das ist der Hauswohnraum Dadas zu ebener Erde, und drüber die gläserne Allwarte in Gestalt eines spitzen Hutes.

Von den Urlauten der Kinder und der Primitiven wendet sich der Dichter dem terrestrischen Magnetismus zu. Er arbeitet an der Herstellung eines absoluten Kristalls, das Feuer, Sprengung und Wasser widersteht. Er schmilzt ein Glas von äußerster Empfindlichkeit für Farben und Schatten der Luft. An heiteren Tagen steigt aus dem Glaspilz am stählernen Gelenk der große Luftspiegel in die Höhe, mit dem Dada bildtelegraphisch Himmel und Firn beobachtet in ihren unerhörten Wandlungen.

Glücklich das kleine Stück Felsland, das vor der unreinen Überschwemmung des europäischen Reisepublikums durch die schützende Lohe des Weltkriegs noch eine Weile bewahrt blieb. Zahnradbahn und Massenwanderungen zum Gletscher verfinstern nicht das Eis der Gipfel, das Schweigen und die herbe Glut der Felsen. Der mächtige Sturzklang der Quellbäche am Granit der Hochwände wird nicht von den Brüllaffen der Mode, des Sports und Flirts zertreten. Der Anblick der Gestirne, elektrisch zitternder Nachtglanz des Alls, Belauschung des stillen Streits kosmischer Todeskräfte, werden nicht roh unterbrochen durch Sprechwerkzeuge, die leider nicht die der Grille und Nachtigall sind.

Dadas Zärtlichkeit: Das Sausen des Windes, des mitternachtgeborenen, in den Seewellen am Hain von Chasté, die heißen Felswände in wechselnden Schatten und der Firn. Den mondrunden Spiegel hat Dada über den kaiserlichen Firn gehängt, um das hohl geschwollene, weggreifende Ich fortzuätzen und die Erde von unreiner tierischer Kruste der fäulenden Ichs zu befreien.

Dadas Freuden: Versenkung, Innendienst mit Herz und Hirn, Beobachtung, freie göttliche Bewegung der schaffenden, messenden, wägenden Hand. Diese Freuden dauern, ohne schal zu werden.

Das neue Vaterland der Idee ist erschienen, das Engadin der Alliebe, die Bergheimat zärtlicher Innquellen, bereit zum Schmuck der Erdrinde mit geschliffenem Kristall. Europas Arbeiter sollen nicht mehr Europas Kriege führen, sondern Europas Berge meißeln und die rauhsten Werke mit Juwelen gottbeseelter Erdheimat schmücken.

In den Gerölleinöden des roten Corvatsch läßt Dada durch Arbeiter einen Stuhl in die Felsen meißeln. Den obersten Teil des Gipfels mit seinem Zinnenriff läßt er in mächtigen kubischen Flächen arbeiten zu einem unregelmäßig polygonalen Riesenblock. Und seine Flächen läßt er mit Platten geflammten Glases bedecken, so hart und dauerhaft, wie die Schweizer Glasfabrik sie nach seiner Vorschrift hat machen können.