Den Sitz seines Felsenstuhles läßt Dada aus Glas in der Form einer gewölbten Schildkrötenschale befestigen, und die hohe Lehne ist ein Mantel starr gefalteten Glases von tiefer Blaustrahlung. Über dem Mantel steht der mondrunde Spiegel. Habicht, Falke, Steinadler umkreisen das hohe Auge, und vor dem blauen Mantel sinken in die Tiefe mitbürgerlicher Argwohn und tödlicher Haß gegen den Eindringling auf uralten Heimatfels.
Reiner, tiefer, prächtiger sind die Farben der Erdtiefe. Das mächtige Weltherz pulst in den Bildern des Spiegels. Massensterben in Gräben, qualenbedecktes Getrümmer, blutiger Tierjammer wutzerrissener Millionengesichter, Todesfratzen mit schrecklichem Wundtod. Die Katharsis nimmt den bedingten tragischen Lauf ihrer Greuel.
Aber wer vermag zu ertragen, wie auch nur ein menschliches Herz bricht — und muß ohnmächtig daneben stehen! Dada lenkt seinen Spiegel über den Firn, machtlos, die Wut der Menschenschlächterei anzuhalten, und diejenigen zur Freiheit zu lenken, die noch immer nur das Opfer vor den Göttern des Blutes kennen. Dieselben, die Flugzeuge lenken, Bomben werfen und Menschen töten.
DER SPIEGEL EUROPAS.
Dem Monde ist eine magnetische Kraft zu eigen, deren Strahlung die Meere der Erde folgen. Ein Flutberg steigt zu gemessener Zeit empor und überrollt den Ozean auf seinem zum Horizont hinangewölbten Rücken.
Ein Flutberg menschlicher Seelenkraft erscheint über dem Meer der Völker: die Idee für die Omnes ruft die Seelen zur unlöslichen Verschmelzung. Der verbindende sanfte Mond der Völker erscheint und wandelt hin im Strahlenkleid der menschlichen Ekstasen. Mit seinem allgegenwärtigen Licht umfaßt er die Landschaft der Kräfte und Bezauberungen. Leidenschaftlich empfunden, stark erlebt ist die Idee nur wenigen geistig sichtbar. Ein Haupt denkt diese Idee: der zornige rote Christus betritt die Wolken zum Gerichte und stürzt die Gäste der Welt in die Tiefe. Auf der Flut von Morgen gen Mitternacht drückt sie ihre leuchtende Spur in die Millionen Geistigen. Und aus der Flut erhebt sich die Tat, die den Erdball in ungewisse Zukunft schleudert und die Freiheit in ihrem blutigen Wirbel beschwört.
Ein unsichtbarer Flutberg bricht aus den feindseligen Fronten empor, aus Krampf und Leid von Millionen Todbedrohter und Verdammter. Er rollt von Osten heran und pflanzt seine schwarzen Wimpel auf Deutschland und Frankreich, und bedeckt die Götzenbilder der zerbrochenen Völker mit seiner stillen, mächtigen Woge: den russischen Pantokrator, die Kriegsgötter Germaniens und den Gladiatorenhelm Frankreichs. Vergeblich haben die Götter schrankenlosen Wahnes Kriegsmaschinen in die Finsternis eingebaut: Die Idee des einen Hauptes, die Idee im mächtigen Schweigen, in dem unauflöslichen Licht von Millionen Geistigen lebt fruchtbar und wirkt.
Ewige Blutnacht Bartholomäi über Europa! Die Idee steht reinster Sonne in dem einen Herzen auf, im gemeinsamen Herzen der tödlich Gelockerten und Opfergekrümmten. Weihnacht des künftigen Europa, du beschwörst die Schande der Völker, du wehklagst und tötest.
Ruhelosigkeit, geheime Furcht, fieberige Schrecken bewältigen die Mächtigen. Sie wechseln die nächtliche Schlafstätte, sie verlieren den ursprünglichen Stolz der Überzeugung, sie fürchten gewaltsamen Tod, sie haben die persönliche Ehre verloren, sie gleichen dem gehetzten Napoleon, der den Giftbecher nimmt, ihn aber fortstößt und sich ergibt, um Ruhe zu haben. Auch sie, die jetzt Furcht haben, ergeben sich den Giftmischern, um Kirchhofsruhe zu haben, um den Qualen zu entrinnen. Der Gladiator Frankreichs, der Dilettant des Thrones, der sich selbst als Friedensfürst bezeichnete, samt seinen Teutonen, Emanuele, der König der heiligen National-Selbstsucht — vor ihnen erscheint der makellose Spiegel Dadas und zeigt ihnen im weißen Rund das Bild des armen Zaren, der unter einer Salve von Narren „glücklich“ verscheidet.
Mit kundiger Macht sendet Dada die Strahlung in die Nächte der Machthaber und Ehrsüchtigen. Auf Tribünen, im Auto, inmitten öffentlicher Ansprachen, bei der Fahrt durch die Städte, bei militärischen Schaustellungen, bei städtischen Prunkaufzügen, inmitten von Banketten, Militärs und Deputierten: erscheint die Grimasse des glücklich Verschiedenen. Das Scharren eines Stuhles im Saale, das Knirschen eines Schuhes oder seidenen Kleides, ein elektrischer Schlag, schauernd vom Ganglion des Großhirns bis in die Eingeweide — das Gottesauge schaut auf den Gladiator. Das Fieber des Tigers wird weiß und kalt. Die Teutonen tauschen im starren Krampf Puppenbewegung der steifen quadratischen Häupter. Allen, die Feinde sind, Feinde sich, dem All, allen, allen Soldaten, die dem Schlamm des Krieges entronnen sind, selbst den Kindern des neuen Raubtiers aus Atlantis erscheint die schreckliche Idee im Spiegel: die Drohung der Selbstzerstörung.