Er hat die Genugtuung, unter den Schwibbögen des Rosendomes die große weiße Glastafel aufgehängt zu sehen, auf der Dadas Aufruf an die künftige Brüderschaft freier Architekten Europas geprägt ist. Kein Gerät befindet sich in der weiten Halle aus rosenfarbigem Glas, das Licht dämmert sanft durch die Wände, und das Blau des Himmels dringt allein durch die klaren Glasflächen im Zenith des Domes. In den Wänden sind die Glaszeichnungen Dadas eingelassen, er, der sich selbst in diesem Dome als Präsidenten der Menschheit bezeichnet, hat hier seinen wunderlichen kaukasischen Glastraum niedergelegt. Das ist der Traum von Pyramiden, Domen, Olympias und hängenden Gärten aus Glas, vom Schliff des Matterhornes, des Monte Cristallo. Alle Bergwände sind geplättet, jede Kante ist stilisiert, jeder sanfte Abhang zur Terrasse ausgespreizt, Klüfte, Schründe, Höhlen, Abgründe werden von Glasbögen mit Windharfen überspannt, darauf der Föhn Urlaute spielt. Die Täler werden zu geöffneten Enzian- oder Oleanderblüten oder gespaltenen Granatäpfeln aus Glas. Die heroischen Hochalpen zieren Versailler Rosenlauben mit Rokokogärten aus Glas, die nachts von elektrischem Innenlicht zu feenhaften Girlanden aufstrahlen.

Auf die Blöcke und Zacken uralter Wildgletscher sind Glasfelsendome gebaut. Über die Seen des Engadins und des Kantons Luzern sind Feststädte und Tempel auf Glassäulen bis zu den Berggipfeln erhöht, über den Bodensee bis zum Säntis hängende Gärten und Festterrassen mit türmenden Söllern und Sälen für Zusammenkünfte ganzer Städte und Provinzen. In diesen Tempeln und Festpalästen wird die Musik Mozarts von verborgenen mechanischen Instrumenten jederzeit tönen: alles ist leicht, spielend, heiter, still. Es gibt nur die Pflicht, zu schweigen und das Glas zu verehren.

Dada ruft die Architekten zu den Entzückungen des Glases und Europas Arbeiterheere zu dem männlichen, rauhen Werke der Erdbezwingung. Gemeinsame Opfer, Qualen, Kämpfe, Arbeiten, gemeinsame Werke, Frucht, Belohnung, Genuß in den Glasdomen der Alpen.

Danach dehnt Dada den Zauberkreis aus. Die Erdrinde erscheint, die Südsee, das farbige aber dunkle Asien. Die Nächte dieser kosmischen Meere sind durchglüht von riesigen Lingams oder Hörnern. Otaheiti, Neuseeland, Guinea sind durch Glasbögen auf Feuertürmen im Meere verbunden. Im Meere schweben Glastürme, denen Äroplane sich nähern.

Über den Erdball von Nord nach Süd sind gestaltete, farbige Weltnebel gewölkt, um nächtlich diejenigen zu erfreuen, die der Plakate von Liebigs Fleischextrakt und Zuntz’ Kaffee müde geworden sind. Aufschießende Sternkristalle, rote Diskusse, grüne Saturne, gelbe Oktoëder aus sphärischem Quarz bindet Dada magnetisch zwischen Pol und dem Gleicher und furcht den Tageshimmel mit dem Fluge kubischer Projektile, anderer, als die der Zerstörung! Sie streuen aus den Lüften farbige Flugblätter zur Verherrlichung gemeinsamer Arbeit, gemeinsamen Genusses im Park Europa.

Dada verheißt Wunder dem armen Menschenwurm des Erdsternes, ihm, der von härtester Fabrikfron erschöpft ist und sich in Kriegen zerfleischt, die seinen Fabriken entspringen. Der Präsident der Menschheit ist an den Rand des schäumenden Wahnes gelangt, die Menschen durch Glas zu erlösen. Verarmt, unfähig, das Glaswerk fortzusetzen, ohnmächtig vor der gepanzerten Gleichgültigkeit demokratischer Regierungen, die schließlich nur der abgesonderten vaterländischen Selbstsucht zu leben verstehen.

Dada muß den Firndom dem Verfall überlassen. Langsam, aber unbezwinglich ist die Rache des kastrierten Bernina. Die Schnee- und Eisgeschiebe erneuern sich, die Verankerungen lockern sich, Eisbäche sprengen die Glastunnels, der Sturm bricht die Glasbögen, und die Glasplatten werden vom Eis bedeckt und stürzen in die Tiefe ab.

Neugierige Fremde aus St. Moritz kommen und starren auf die unermeßliche Narrheit aus finstrer Kriegszeit und spotten ihrer. Eines Tages steigen Bewohner des Engadin zum Corvatsch auf und verjagen Dada mit Steinwürfen von seinem Felsensitz wie einen räudigen Hund und zertrümmern seinen Spiegel.

GRAUBÜNDEN.

Selbst die republikanische Schweiz mit ihrer zwieschlächtigen Seele und ihren innerpolitischen Fehden ist nicht die Stätte jener Freiheit, die Dada vergebens sucht. Er hat Hymnen auf ein Vaterland gedichtet, das Slowaken und ähnliche Halbslawen unter sich teilen. Er hat Glasdome für ein Europa bauen wollen, von dessen Rumpf köstliche Glieder abgeschnitten wurden, und dem der Jugendsaft verluderte und giftig wurde. Sein Ruf nach einer antiseptischen Glasarchitektur der Alpen verhallt ohnmächtig vor dem Empörergeschrei der von Kriegsknechtschaft befreiten Völker. Wo wird Dada eine Nation finden, die seine magnetische Erleuchtung und Erwärmung der Erdrinde zur Reife bringen würde! Wo soll er Helfer werben, um den Plan der Ausgleichung der kosmischen Klimate und der Vermondung des Erdkörpers zu verwirklichen.