Aus den wilden Eitelkeiten des Rosendomes mußte er zurückweichen und zu spät einsehen, daß für die Erhabenheit eines Gebäudes seine Höhenlage unwichtig ist. Der Azursaal des Rosendomes hätte dasselbe Blau des Himmels gezeigt, wenn er auf einer geringen Anhöhe am Vierwaldstättersee oder am Rhein bei Basel gebaut worden wäre. Das Parthenon brauchte keinen alpinen Sockel, und für Paestum genügte das Mittelmeer. Nachdem Dada den Bernina zerstört hat mit der Gedankenlosigkeit, die kein Bewußtsein hat von dem innigen Zusammenhange des ganzen Naturlebens, machte er es sich von neuem bequem auf einer Geröllhalde des Steinreichs, inmitten der verkarsteten Riesenalpen Graubündens. Eine Herde von Ziegen, Hammeln und Rindern, sowie allerlei nützliches Kleinvieh und Hunde nennt er sein eigen, er hütet selbst seine Arche und nährt sich von ihr. Er hat eine Almenmatte und ein Felsenhaus aus Geröllsteinen, für Hirten hergerichtet, gepachtet und betreibt Viehzucht und Milchhandel. Inmitten seiner Tiere führt er täglich das genüßlich phallische Dasein eines „Ketzers von Soana“, das ein modischer Dichter erotisch-geistlich seiner großstädtischen Lesewelt dargestellt hat.

Dada liegt den ganzen Tag ausgestreckt herkulischen Leibes im saftigen Würzgras der Alm. In den Alpenkräutern blüht der tiefäugige Enzian, und starke Felsen über ihm halten dichte Kissen von Sonnenglut um die regungslose Halde, auf der die Hammel fressen. Der istrische Apoll im blauen Leinenkittel liegt träg auf dem Bauche und bestaunt seine eigenen vom Sonnenlicht goldgefärbten Beine und Arme. Die Schwingung des tiefen Tals ründet sich sanft empor gleich dem Bauch seiner guten sattgefressenen Rinder, die nach ihm brüllen, um ihm die Lasten anzukündigen, die sie im Leibe für ihn tragen. Dada liebt dankbar und zärtlich seine ernährenden Freunde, und stärker als je von Italias und Derobeas Gnaden hüllt seine Glieder schwelgerisch mästende Fülle in der Sommerfrische Graubündens.

Dada bewundert die Tiere, und ihr Leben wandelt als ein endloses Schauspiel an seinem müßigen Gaffen vorbei: Sie fressen, darum müssen sie sich regen, spielen, sich vertragen oder sich bekämpfen. Sie lagern sich, flüchten, begatten sich, sind grausam und leidenschaftlich, ungestüm und feurig boshaft. Dada liebt besonders das unverschämte Glück und die sachliche Einfachheit der Begattung seiner Tiere. Er hört das schwere Ruhegebrüll der Rinder, die den Schatten in der Mittagsglut und das klare Bächlein lieben.

Dada spricht mit den Tieren, gemäß dem verschiedenen Charakter ihrer Laute, und folgt mit seiner Erkenntnis den Bahnen ihrer instinktiven Bewegungen, um die Rätsel ihrer Sprechzeichen und vielgestaltigen Stimmen zu entziffern. Er hat einmal jeder großen Sprache des europäischen Menschen wahlverwandt angehört, und er meidet fortan die Menschenworte und was ihresgleichen, um in den Tierlauten gleichen Sinn und Trieb zu erkennen, nur mütterlich traulicher und treuer. Dada lebt entzückt in den hymnisch-orphischen Kräften der Tiere, in der strahlenden Energie ihres natürlich Bösen, in der furchtbaren Schöpferkraft, die frißt, tötet, zeugt und schweigt. Er lebt ihren Alltag, ihre Feiern, ihre herdenhaften Beziehungen, die er mit denen des antiken Menschen vergleicht. An kalten oder regnerischen Tagen schließt er sich mit den Tieren in dem gemeinsamen großen Wohnraum des Felsenhauses ein, und diese in Jahrtausenden familienhafter Hausgenossenschaft erzogenen Tiere sind Tag und Nacht sein Trost, mitleidsvoll und sorgend lebt er in ihren Augen, ihren Freuden, ihrem Kranksein und Sterben.

Über die Laute der Felsen und Bäume und Erdtiere werfen Habicht, Geier, Adler und Falke ihre Mordschreie empor in die Lüfte bis zum Bereich, wo die tierischen Laute verlöschen vor dem freien Genius des Schweigens, der im stillsten Glanze der feinsten Bindung ferner Erdkräfte schwebt. Die magnetische Rinde hält wohltätig die Sonnenstrahlung in ihrem Bereich gesammelt, hüllt sich mit ihr, und läßt sich durchdringen und wärmen von ihr zu immer erneuerter Fruchtbarkeit, um das Traulich-Wohlbewohnte zu begründen.

Erde und Gebirge haben lange auf den Menschen gewartet. Das Tier, das zärtlich geliebt wird, hat die Felsen mit warmen Vliesen bedeckt, um sich in der Sonne liebkosen zu lassen. Die Felsen träumen gern von den guten glücklichen Tieren und beschwören Gemse und Steinbock, Albatros und Adler zu ihren Wächtern und Spähern. Vor der Frühe bedecken sie sich mit Tau und sie fürchten die eisige Vernichtung und den Haß der Menschheit. Dada ist unter den letzten einer sterbenden Erdrasse, die Tiere genannt werden, weil die Menschen ihren Haß auf sie abgeladen haben.

Die Gipfel Graubündens nehmen die Formen riesig ruhender Tierhäupter an. Übertierische Gestalten von Kranich, Hund und Widder stehen hochaufgerichtet in die Felsen gemeißelt. Über den Felsen erheben sich die Göttergestalten der großen Tierrassen, sitzend über dem Erdkreis gegründet: Löwe und Stier. Das brummende Moo der Stiere, das erzene Geschmetter der Böcke, die Urstimmen aller Geschöpfe, die von den Seen bis zu den Schneezinnen Graubündens schweifen, dichtet Dada, und bildet in ihren Lauten die Veden und die ägyptischen Gebete, die Stier und Widder als Götter anriefen. In die milden Hammellaute übersetzt Dada die Brünste, Ängste, Untergänge der Tiere in Urwut und Urklang.

DER ROTE WIDDER.

Der feurige Widder, der trotzende Liebling der Herde, der Gott seiner Rasse wird in Dadas Felsenhaus geboren. Zur Kraft erwachsen, tritt er eines Morgens rot und stark auf die letzte Felsenstufe und geht auf über Dadas Felsgipfel: Sonne der Tierheit, die nicht mit Blut gemästet und nicht von den düstren Flecken der Verwesung angefaßt ist. Sein Gehörn ist edel geschweift, der Bart feurig und züngelnd, die feinen, bergharten Gelenke sind zum Sprung gestrafft.

Sorglich schreitet Dada mit der gewölbten Brust und den milden Armen des Vaters der Tiere auf dem Grate und tritt dicht zum Widder. Er legt beide breiten Hände auf das honigglänzende Geweih und spricht ruhig und stark in den wenigen Urlauten, in denen er das Geheimnis der Tiersprachen gefunden hat. Dada bringt langgezogene, wohltönende, weibliche Laute hervor, denen der Bock mit gemessen kriegerischem Geschmetter antwortet. Die harte Trompete des Bockes beherrscht den Gipfel, marschiert, befiehlt, hält Ordnung, während Dada hineinzutönen versucht und mit verschämtem Verlangen um Gleichberechtigung wirbt, nicht etwa für den Bock, sondern für sein Menschen-Ich. Hier folgt das Gespräch übersetzungsweise, das Dada kunstgemäß mit wenigen, aber immer verschieden gefalteten Tierlauten durchgeführt hat.