Ein toskanischer Herzog soll dies Schiff zum Nordpol führen und jene Länder der Antarktis entdecken, von denen der Italiener im Namen der lateinischen Rassen Besitz ergreifen wird. Dada, dem Sack und den Knütteln entronnen, der Patriot, der letzte Italiener Ostlatiums, der Redakteur des istrianischen Proletariats, ist auserkoren zum Berichterstatter für jenes umworbene Polarland, das seinen silbernen Gipfel über dem erstaunten Europa mit der italienischen Flagge schmücken wird. Anstelle seiner verlorenen Mütze wird Dada ein mit langen Truthahnfedern geschmückter Bersaglieri-Hut auf die starke Stirnlocke gedrückt.
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Eine gelehrte Aristokratie ist im Saale des Schiffes versammelt, als der Istrianer vorgestellt wird. Professoren, Literaten, Politiker und vereinzelte Damen gehören dem Unternehmen an, das in Schwung gebracht worden ist, um ein Ereignis von ebenso wissenschaftlichem wie weltpolitischem Charakter heraufzubeschwören.
Der kühne Dada hat sich nach einer allgemeinen Verbeugung, und nachdem die schönsten, ausgezeichnetsten Namen von Rom an ihm vorübergebeugt sind, sogleich in den nächsten Ledersessel sinken lassen, danach rutscht er ein wenig nach vorn, streckt die Beine lang von sich und spreizt die Knie, aber keineswegs, um die Zierde der Stiere unter seinem Kleide der Zivilisation zu zeigen, sondern um jenes Wort Frau Italias zu erfüllen: „Wenn du sitzt und ruhst, laste mit Italias vollen weiblichen Gliedern, massig, dick, Leib meiner Demokratie!“
Dada blinzelt aus dem Eck seiner lockenverhangenen Stirn zu den glänzenden Uniformen und den prächtigen Damen. An der Seite des Herzogs ruht eine ungewöhnliche korpulente, busengefildete Frau von hochrotem Angesichte, die Dada mit Lorgnon in Augenschein nimmt. Einen Augenblick lang will Dada sich beleidigt fühlen, er fährt von der Tiefe des Sessels auf, und indem er mit seiner gewaltigen Leibesmasse gebieterisch aufrecht steht, zieht er die Blicke des ganzen Publikums auf sich.
Er tritt frei vor das herzogliche Paar und bittet ihre gnädige Laune, zu gestatten, daß er eine seiner Hymnen auf die nationalen Aspirationen zum besten geben dürfe. Die Lorgnons senken sich langsam, wie die Fittiche des Albatros, um den Schaum der Welle zu berühren, und Dada rezitiert seine istrianischen Hymnen.
Im Mahagonirahmen des mit Gold bedeckten Salons ist dieser eintönig leiernde Lateiner eine Wohltat, eine Sanftheit und Trägheit langen Verdösens. Die Professoren sind eingenickt und die Damen in tiefste Korbsessel geflüchtet zum Schlummer. Nur die unermüdliche Begleiterin des Herzogs bleibt wach und bewundert Dada. Sie steht plötzlich auf, tritt zum Lesenden und legt den Arm in den seinen. Erst jetzt bemerkt der ganz in die Darstellung seiner urgefügten Laute gespannte Dichter die überaus vollblütige, starke Weibesgestalt, die ihn mit lustigem Zwinkern aus dem Saale und an Deck schiebt. Indem sie auf die rings um die herzogliche Hoheit Schlummernden deutet, sagt sie: „Dada, Sie sind schon jetzt ein berühmter Mann, der Herzog ist unterrichtet von Ihrer politischen Kühnheit und den gegen Sie geplanten Anschlägen. Aber die von ihren wissenschaftlichen Vorbereitungen zur Reise überanstrengten Häupter dürfen Sie nicht im Sturm für Ihre tiefsymbolischen Dichtungen zu gewinnen hoffen. Lieber Freund —! so darf ich Sie wohl schon jetzt nennen, denn Sie sind doch auch ein wenig Österreicher, und ich bin eine Deutsche — ich will für Sie werben, junge Dichter sind so außerordentlich unbeholfen. Geben Sie sich nur ganz in meine Hände, in Freundeshände —!“
Sie lächelt verliebt und ihr hochrotes Angesicht flammt vor ihm auf. Mit einem Blick umfaßt der feurige hübsche Silen den mächtigen Leib, den wuchtigen Busen dieser germanischen Fruchtbarkeit, und sie, von der Karstglut seiner Hymnen versengt, streicht über seine Stirnlocken. Und Dada erinnert sich des Augenblicks, in dem die Göttin Italia ihm ihren Segen und ihre Sendung gab. Er hat noch kein Weib gefunden, das so sehr der Vollendung Italias gemäß gebildet ist, als diese Deutsche neben ihm. Ein glühendes Hinneigen zu diesem Weibe bemächtigt sich des Dichters, er preßt den vollsten und stärksten aller Weibesarme an seine heroische Hüfte, die nicht zu den Beinen flach entflieht, sondern rund auf dem Gewölbe seines Bauches ruht. Sein braunes Silensgesicht wird noch dunkler von einer stolzen Erobererfreude, und er senkt den unverhüllten Blick in das Auge der vollblütigen Aphrodite, die fest an seiner Hüfte ruht, denn sie ruhen beide an die Reeling gelehnt, und sie flüstert träumend: „Mein Herr von Casanova!“ Ihren Augen entschwindet die Küste Italiens.
Es ist Dada nicht möglich, den mächtigen Rücken neben sich mit dem Arm zu umfangen, schließlich biegt sie langsam seinen Kopf zu dem ihrigen und sie geben sich gründlich einen Kuß. Dann lassen sie einander los. Die Professoren erscheinen, die Hoheit hat ausgeschlafen, und die beiden dicken neuen Freunde bilden den Mittelpunkt für alle Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien. Jetzt erfährt Dada auch den Namen seiner Göttin: sie wird Derobea genannt und ist die Frau eines königlich sächsischen Kommerzienrats, der Konsul in Rom ist. Als Freundin des Herzogs hat sie die Erlaubnis, die Nordpolfahrt zu seiner Linken mitzureisen.
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