Das Schiff verläßt England und steuert zur skandinavischen Küste. Dada führt das Tagebuch des Herzogs und hat sich vorgenommen, den Walfischen und Seerössern der Polarzone ihre Urlaute abzulauschen und ein Epos von den Pinguinen zu verfassen. Er ist begeistert von seiner ersten Weltfahrt, die ihn zwar Italias Sendung, Europa die Freiheit aus ihrem Schoße zu bringen, abwegig macht, ihn als Freiheitsboten aber jenen düsteren Horden der Eskimos zuführt, die in ihren Erdhöhlen die holdesten Kulturreize Italiens fühlen sollen. Dada hat Derobea für die nationalen Aspirationen in Niemandsland geworben. Wie die Jordaenssche Lebensfülle beider die Plötzlichkeit, Offenherzigkeit ihres Liebesverständnisses simultan durchsprüht, so sind sie auch für ihre künftigen Eroberungen eine Hand, eine Seele.

Sie nähern sich nördlicheren Breitengraden, Bergen, Trondhjem, als Dada jene Taktlosigkeit begeht, derzufolge die Hoheit glaubt, Derobea von ihrem neuen Freunde befreien zu müssen. Seinem eigenen feurigen Ungestüm ist die schuldige Entdeckung zuzuschreiben, die die Hoheit macht, als sie zufällig Dada beim Verlassen von Derobeas Schlafzimmer betrifft.

Dada wird bedeutet, sich an einem Küstenorte Norwegens ausschiffen zu lassen, und trotz Derobeas entrüsteten Thränen, die für ihren dicken Schützling mehr fürchtet als für das Wohl und Wehe der ganzen hoheitlichen Expedition, muß sie sich in die ernsten Vorhaltungen der Professoren fügen, die nur das Ärgernis entfernt wissen wollen.

Ohne Gepäck, mittellos, wie er vom Karst gekommen, nur mit einigem Reisegeld, dem Reisepaß und den hoheitlichen Empfehlungsschreiben ausgerüstet, steigt Dada in Hammerfest ans Land. Vom Nordkap schwenkt der Verlassene seinen wallenden Bersaglierihut, während Derobea vom weißen Schiffe ein zartes Tüchlein weht, und es immer wieder an die Augen führt. Das einzige, teure Wort, das ihm geblieben, murmelt Dada immerfort vor sich hin: Derobea! „Dada! wo hast du deine Derobea?!“

DAS NORDLICHT.

Ewige Feuchtigkeit, graue Wolken, jäh vorbrechende Stürme. Die Meereswüste wird nur selten von einigen die kimerische Dämmerung durchbrechenden Sonnenstrahlen gefärbt. Den Tagen folgen wunderliche Nächte von gleicher Helligkeit.

Eines Abends sitzt Dada wie gewöhnlich am Meere, das ihm Derobea genommen hat und erwägt einen Satz aus dem Buche, das seiner Hand entglitten ist: „Die Überwindung der unsozialen, richtungslosen Ekstase durch die soziale Ziel-Ekstase, das himmlische Jerusalem aus irdischen Bausteinen.“ Es ist ihm, als unterhielte er sich mit Derobea über den Sinn dieses Satzes.

Der Wind schläft ein, die Wolken stehen reglos, und das Meer verändert fern hinaus seine Düsternis zur tiefsten Schwärze. Nur der Schall der gegen die Blöcke des tiefen Strandes vorbrechenden Flut donnert im Gleichmaß fort. Unheimliche Finsternis der Antarktis steht undurchdringlich vor Dada. Nur das Land bleibt schattenhaft in seinem gespenstigen Eigenlicht sichtbar. In Höhe des Meeres beginnen einzelne gelbe Streifen ein zuckendes Spiel hinter einem unermeßlichen Vorhang finstrer Geschiebewinde, einzelne ferne Fanfarentöne, dann tiefste Stille. Dicht überm Meere wird es in endloser Ausdehnung vom Licht lebendig, der Horizont glüht an von geisterhaftem ruhigem Blau und Grün und strahlt auf, während ungeheure Fächer, Gardinen, schwere Vorhänge sich hell färben und aus durchsichtigem Kristall werden, um ein unerhörtes lohgelbes Flammen mit tiefstem Schweigen auszustrahlen. Endlich erhebt sich hinter den starren Falten der purpurne Riesenfächer eines ungeheuer starken Kernfeuers, das mit blutigem Licht durch die flammenden Kristalle hinaus aufs Meer in breiten Strömen rieselt. Ein unermeßliches Blutergießen überflutet den geheimnisvollen Polarkreis. Die wilde Schönheit purpurner Grotten und Eismeere, ungeheurer Pflanzen und Wale und Berge von Eis, vom zartesten Splitter bis zu den Kristall-Stalaktiten antarktischer Riesendome in düsteren Gluten errötend und elektrisch funkelnd schauert tief in Dadas Herz und tötet mit Geisterhänden sein Liebesleid. Das Miramar des Nordpols steht vor seiner Seele, und von seinen Zinnen spricht Gott in tiefster Stille das Wort des neuen Jahrtausends aus.

Es graut Dada vor dem erhabenen Nordlicht, von schrecklicherer Kälte als alle grausamen Kulte Mexikos, Indiens und Karthagos. Das kälteste und feurigste Wunder des Erdballs hat der Italiener geschaut. Das grausigste der Schöpfungswerke, das der äußersten Finsternis die blendendste Pracht des Lichtes beigesellte.

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