Die Macht der Idee selbst bei den armen russischen Bauern und Arbeitern ist das Wunder, das Dada rührt, und er wünscht ihnen dazu die Vernunft des — Nordlichts!

Dada ahnt nicht, daß er jene beiden Russen kennen gelernt hat, die nach dem Sturze des Zaren, nach Ausbruch unerhörtester Ereignisse, die günstige Stunde des Weltkrieges benutzten und das Schicksal der russischen Republik in ihre Hände nahmen, jene selben Männer, die noch eine Zeitspanne weiter dieselbe Terroristin und Freundin füsilieren ließen, als sie sich ihnen entgegen stellte.

Der unglückliche Weltreisende muß sich von neuem entschließen zu wandern. Dada soll ebenso sanft wie nachdrücklich nach Deutschland abgeschoben werden, dem Zion aller Juden und Emporkömmlinge Rußlands und Polens.

Mit Hilfe seiner herzoglichen Freibriefe entrinnt er rechtzeitig der russischen Polizei und gelangt nach Deutschland.

DRESDEN.

Dada wendet sich sogleich nach Dresden, um Derobeas Aufenthalt zu erkunden. Siehe da: auch sie ist nach einjähriger Abwesenheit in den Polarländern zurückgekehrt, um von Dresden aus zum Gemahl nach Rom weiterzureisen. Sie hat die Expedition des Herzogs auf der Heimreise in Hamburg verlassen. Es ist ein köstliches Wiedersehen von Taubenzärtlichkeit, und sie beschließen, ganz der Kunst und der intimsten Gesellschaft geweihte Wochen gemeinsam zu verleben. Die reiche, in Künstlerkreisen sehr wohltätige Dame veranstaltet eine Reihe großer Empfangsabende und Feste, um die Künstler Dresdens und Berlins einzuladen. Die glückliche Derobea versammelt Sänger, Komponisten, Dichter, Rezitatoren, Maler, sie ruft Kunstausstellungen hervor, wirbt Zeitungen für den Dienst der neuen Kunst, der sie ihre Salons zur Verfügung stellt. Zusammen sind Derobea mit Dada die berühmten Protektoren. Derobea und ihr Kreis bewundern die Hymnen des großen Istrianers aus Lappland und dem Reiche der Sarmaten und Tartaren: „Das Nordlicht“ sowie die Hymnen und die Philosophie von den Urlauten der kindlichen Rassen. Sämtliche Werke Dadas erscheinen im Druck, an ihrer Spitze die Hymnen an Derobea, der das Ganze in kindlicher Dankbarkeit zu Füßen gelegt wird. Derobea ist glücklich. Dadas Genie ist in Deutschland entdeckt, er wird gemalt, wertvolle Liebhaberausgaben seiner Dichtungen werden subskribiert, seine Philosophie wird die Grundlage einer neuen Richtung der Ausdruckskunst. In kühnen Vorträgen bemächtigen sich Doktoren der Kunstwissenschaft der Dadaschen Dichtung. Gestammelte, gelallte, gestöhnte, gestaunte und geseufzte Empfindungsurlaute des Eskimos in Dadas Rhythmik haben die bisherigen Sprachgrenzen des Kulturmenschen überwunden, kein Verbum, kein Objekt fesselt den Strom der Dichtung, die wohlanständig logische Frisur des Satzbaus ist zerstört, das Subjekt allein bleibt im ewigen Einerlei seiner Abwandlungen bestehen: wunderbar entfesselt, ausgebreitet in einer Welt freier Leidenschaften, freien Liebens, Tötens und Getötetwerdens. Aus den Greueln Europas schreitet Dadas neues Subjekt hervor, um durch die Eisstürze des Polarkreises und die kalte Herrlichkeit des Nordlichts das Absolutum der Kunst zu finden, die letzte demantharte Kristallisierung, die Reinigung der kulturbefleckten Menschheit.

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In ihren Salons hat Derobea eine Reihe Spielzeuge für Kinder aufgestellt: einen Garten mit Arche Noah aus Pappe und bemalten Hölzchen, Postkutschen, Lokomotiven, Müllerwagen, Puppen und Dreiertieren mit mechanischem Antrieb. Alle Spielzeuge sind mit den Urlauten Dadas versehen. Man drückt auf einen rosa Gummipfropfen und die Figur stößt den ihrem Charakter angepaßten Urlaut aus, den Dada einem Lappländer, Samojeden oder Tartaren abgelauscht hat. Mit diesen Spielzeugen erheitert Derobea ihren Kreis, nachdem Dada eine seiner leiernden Hymnen vorgetragen hat. Da erschallen die Säle Derobeas von wunderlichem Geplärr und Geschrei, die Gäste versuchen selbst die Urlaute nachzuahmen, es ist, als ob eine ganze Mädchenschule eingesperrt ist und in allen Stimmlagen ihre Lehrer äfft. Durch Passanten aufmerksam gemacht, erscheint eines Tages die Polizei in Derobeas Hause, um dem revolutionären Lärm nachzuforschen. Alles lacht und der errötende Dada verschwindet hinter Derobeas mütterlicher Statue. Denn ein Plastiker hat Derobea und Dada in Jordaenscher Fülle aus Marmor gehauen.

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Eine neue furchtbare Stimme hat sich aus Berlin erhoben und droht wie einer der sagenhaften Gaskogner der Iliade dem Istrianer mit Herausforderung auf Urlaute. Ein Kreis von tyrtäischen Künstlern hat sich unter Führung von drei auserwählten Männern auf den Marsch begeben: mit dem Programm eines organisierten Orkans der erneuerten Künste und einer löffelartigen Fortbildung ihrer Sprechwerkzeuge. Vor ihnen her geht die neue furchtbare Dichterstimme Hackhacks aus dem Schall einer verstärkten Kindertrompete, neben ihm „denkt“ der Philosoph mit Augen von Tetraëdern, geschliffen aus gewöhnlichem Kiesel und lacht erotisch über den eigenen und Hackhacks Bombast. Der Direktor des Ganzen springt über sie, rührt besessen die Hacken und tanzt in dünnster Luft. An jedes seiner langen langen Haare ist ein Heft des tyrtäischen „Orkans“ geknüpft und fliegt rund mit solchem Babygrinsen, solcher Dummdreistigkeit, als wäre sein Dasein wichtiger als das der restlichen Schöpfungswerke.