Mitte Juli 1845 wurde mit dem Bau der Katholischen Kirche in Reichels Garten begonnen, die Maurermeister Purfürst und Siegel und der Zimmermeister Schwabe führten unter einem auswärtigen Baumeister den Bau aus, der anno 1847 am 5. August durch den Bischof Dietrich aus Dresden feierlich eingeweiht und der Gemeinde übergeben wurde.

Aufruhr.

Am Nachmittag des 12. August 4 Uhr traf Se. Königl. Hoheit Prinz Johann von Sachsen (Chef der gesammten Communalgarden des Landes) in Leipzig ein, inspicirte die Communalgarde und nahm Revue über dieselbe ab. Abends 9 Uhr wurde dem Prinzen vor dem am Roßplatz befindlichen, in den achtziger Jahren neugebauten und in seiner jetzigen Gestalt errichteten, alten Hotel de Prusse von dem Musikchore der Communalgarde ein Ständchen gebracht, welches mit dem Zapfenstreich schloß. Natürlich hatte sich eine ungeheure Menschenmenge angesammelt, und als die Musikanten wieder abgezogen waren, johlten und brüllten einige Burschen vor dem Hotel. Verwünschungen gegen den Prinzen, den man für einen Feind der neuen antipäpstlich-deutschkatholischen Glaubensbewegung hielt, wurden laut, die Menge wurde immer aufgeregter und stimmte das Lutherlied »Eine feste Burg etc.« an und dazwischen tönten Hochrufe auf den kurz zuvor in Leipzig gewesenen ehemaligen katholischen Priester Johannes Ronge, der ebenfalls zum Deutschkatholicismus übergetreten war.

Als aber sich einige rüde Burschen, wie solche bei derartigen Gelegenheiten stets vorhanden sind, ohne daß man weiß woher sie kommen, dazu verstiegen, die Fenster des Hotels einzuwerfen, rückte eine Abtheilung Militair (Schützen) zum Schutze des Prinzen vor weiteren Insulten, vor die Front des Hotels.

Nachdem auf dreimalige Aufforderung des Commandanten der Abtheilung sich die Menge, von der man allerdings sagt, sie habe die drei Aufforderungen gar nicht gehört, nicht zerstreute, erfolgte eine Salve aus den Gewehren des Militairs auf das Volk. Schon die Thatsache, daß von den in der Nähe der Truppen befindlichen Personen kein Einziger verletzt wurde, zeigt an, daß die Soldaten angewiesen waren, hoch — also über die Köpfe der Tumultuanten zu feuern; leider hatte man hierbei aber wohl kaum daran gedacht, daß damals Hotel de Prusse bedeutend tiefer lag als die jenseits der Haupttumultuanten befindliche Fahrstraße und der Hauptweg der viel höher gelegenen Promenade. Da nun aber auf der Promenade ebenfalls Leute standen oder spazieren gingen, welche aber mit dem Tumult auch nicht das Geringste zu thun hatten und die damaligen Gewehre auch lange nicht so weit trugen wie jetzt, so kam es, daß gerade von jenen vollständig Unschuldigen zahlreiche Opfer fielen.

Es waren dies zwei auf dem Wege zum Dienst befindliche Postsekretaire, ein Schriftsetzer, ein Markthelfer, ein Polizeidiener, ein Schneidermeister, ein Privatlehrer und ein Destillateur.

Alle acht wurden am 15. August früh Morgens, unter Begleitung des Handelsstandes, der Innungen und betheiligten Gewerke mit ihren Fahnen und Insignien zusammen zur Ruhe bestattet. Vor dem Thore des Friedhofes wurden die Särge in einen Kreis gestellt und Superintendent Dr. Großmann hielt eine ergreifende Grabrede.

Der Prinz reiste am 13. August Morgens 6 Uhr per Wagen durch das Windmühlenthor über Thonberg nach Grimma ab. — — —

IX.
Die letzte öffentliche Hinrichtung in Leipzig.

Anno 1853 am 5. Januar wurde in der Georgenstraße zu Leipzig die Witwe Friese, 57 Jahre alt, eine alleinstehende, daselbst wohnhafte Frau durch Hammerschläge auf den Kopf und Erdrosselung ermordet aufgefunden. Der Mörder hatte die alte Dame nach vollbrachter That fein säuberlich ans Fenster auf ihren Stuhl gesetzt und den Leichnam auf demselben angebunden, so daß man außen die Umrisse des Körpers sehen konnte und wegen ihres Nichterscheinens außerhalb der Wohnung in Folge dessen auch nicht sofort Verdacht faßte. Erst als die Ermordete gar nicht von ihrem Platze weichen wollte, erbrach man die Thür zu ihrer Wohnung und entdeckte den stattgefundenen Raubmord. Ein Mann Namens Eduard Müller, der als Budenwächter sogar in städtischen Diensten stand und welcher öfters für die Dame kleine Wege besorgte, wurde alsbald gefänglich eingezogen, und da man nicht blos eine Masse geraubter Sachen bei ihm fand, sondern ihn sogar im Bett, angethan mit einem Hemd der Ermordeten, antraf, so war man sicher, den richtigen Thäter erwischt zu haben, trotzdem Müller auf das Frechste leugnete. Während der Untersuchung stellte es sich heraus, daß die wenigen Papiere, welche Müller besaß und auf Grund welcher er in Leipzig seinen Aufenthalt genommen hatte, gefälscht waren, und als mehrere Personen, denen Müller vorgeführt wurde, die Meinung aussprachen, er sei mit dem vor zwei Jahren aus dem Gefängniß zu Merseburg ausgebrochenen, wegen mehrfachen Raubmords, verbunden mit Brandstiftung, dort zum Tode verurtheilten Carl August Ebert aus Drossen, 32 Jahre alt, identisch, wurde Müller alias Ebert nach Merseburg transportirt, um seine Recognoscirung zu bewirken. Allein hier erklärte man merkwürdiger Weise, nach Confrontirungen Müller’s mit vielen Leuten, welche den Ebert ganz genau kennen wollten, derselbe sei nicht Ebert, und so brachte man den Gefangenen wieder nach Leipzig. Hier gestand denn endlich derselbe nicht nur seine Thäterschaft bezüglich des Mordes an der alten Dame, sondern auch ein, daß er dennoch Ebert sei, und wurde nun zum Tode durch Enthauptung verurtheilt. Die Hinrichtung sollte mittelst Guillotine, welche damit zum ersten Mal in Sachsen in Gebrauch genommen wurde, stattfinden.