Daß wir Herren Jungen in dem hoffnungsvollen Alter von 12—13 Jahren natürlich über das Wann? und Wo? dieser öffentlich stattfindenden Execution auf das Genaueste informirt waren, verstand sich von selbst, ebenso, daß jeder von uns alle Mittel daran zu setzen gelobte, das Schauspiel, denn als solches und als nichts Anderes wurde der Act der Gerechtigkeit allgemein betrachtet, mit anzusehen. Meine Aussichten standen in dieser Beziehung ziemlich schlecht; Mutter war zwar auf einige Tage verreist und konnte mich also nicht hüten, Vater aber war ein ernster Mann von wenig Worten, welcher erklärte, er würde keinen Schritt nach jener Execution gehen. Unter keinen Umständen aber hätte ich es gewagt, ihn für mich um die nothwendige Erlaubniß zu bitten, da dies allein schon wenig erfreuliche Folgen für mich gehabt hätte, und so verzichtete ich bereits unter tiefem Bedauern, als am Abend vor der Hinrichtung plötzlich mein Oheim mütterlicher Seite aus Chemnitz eintraf, um dieselbe mit anzusehen. Trotz seines Widerwillens konnte oder mochte nun doch mein Vater dem nahen Verwandten, welcher in Leipzig nur wenige Straßen kannte, seine Bitte, ihn an Ort und Stelle der Execution zu begleiten, nicht abschlagen, und klopfenden Herzens hörte ich, wie mein Vater, als wir Kinder eben schlafen gingen, seine Einwilligung gab und ihren Aufbruch auf nächsten Morgen halb vier Uhr festsetzte.
Ich lag schon im Bett, in der an unser Wohnzimmer stoßenden Kammer, als ich durch die halboffene Thür die Abmachung der beiden Herren mit anhörte, und da ich mir ausrechnete, daß ich gegen sieben Uhr, zu welcher Stunde meine um ein Jahr ältere Schwester aufstand, um in Abwesenheit der Mutter den Morgenkaffee zu bereiten, längst wieder zu Hause sein konnte, so beschloß ich, lieber die ganze Nacht kein Auge zuzuthun, als die Zeit von Vaters Weggang zu verschlafen, denn — daß ich dann ebenfalls hinauswollte, war fest bei mir beschlossen. Indeß — was sind eines Kindes Vorsätze — und noch dazu die eines Bengels, dessen Fuß den ganzen geschlagenen Tag über in Bewegung ist, und der sich natürlich auch am Abend einer entsprechenden Müdigkeit erfreut. Ich sank deshalb, auch diesmal, trotz aller heroischen Anläufe, mich wach zu erhalten, gar bald in meinen üblichen festen Schlaf, während welchem man mich ruhig mit sammt dem Bett hätte forttragen können und würde also unbedingt die Zeit verschlafen haben, hätte nicht Vater bei seinem Weggehen meine Schwester, ebenfalls erst nach längerer Bemühung, aufgeweckt, damit dieselbe hinter ihm die Wohnung wieder verschlösse und dann wieder zu Bette ginge. Fünf Minuten nach dem Weggange der beiden Herren lag meine Schwester wieder in den Banden des Schlafes, und weitere fünf Minuten darauf befand ich mich auf der Straße. Der Frühling des Jahres 1854 war rauh und regnerisch, wir befanden uns zwar im Juni, aber trotzdem war das Wetter wie sonst im April. Es war noch nicht vier Uhr und durch den herrschenden Nebel noch nicht hell genug, um weithin sehen zu können, auch nisselte es ab und zu ein wenig, nachdem es die ganze Nacht über geregnet hatte. Die Hinrichtung fand auf den sogenannten Gerberwiesen, welche sich zwischen dem Händel’schen Bad in der Parthe und dem jetzigen Güterbahnhof der damals noch nicht existirenden Berlin-Anhalter Bahn ausdehnten, statt, und trotz der Frühe des Morgens und der naßkalten Witterung strebten bereits Tausende demselben Ziele zu. Damals, wo Leipzig noch kaum 60 000 Einwohner hatte, war auch die Bevölkerung betreffs des Straßenpflasters und anderer Einrichtungen noch nicht so verwöhnt wie jetzt und die Hauptpflege des Pflasters erstreckte sich auf die zur Meßzeit mit dichtem Menschengewühl bedeckten Straßen der inneren Stadt. Ein geradezu schauerliches Pflaster mit vielen Löchern hatte nun gerade die Gerberstraße, obwohl damals weder Blücher- noch Löhrstraße existirten und der ganze kolossale Verkehr nach dem Norden nur durch sie bewerkstelligt werden konnte. Auch an jenem Tage hatten sich in den vielen Löchern Pfützen gebildet. Nun kam, eben als ich von der Windmühlenstraße, wo wir wohnten, im Dauerlaufe am alten Leihhause — einer dem Zusammenbrechen nahen alten Baracke auf dem jetzigen Blücherplatz — angekommen war — ein zur Execution als Bedeckung commandirtes Bataillon Communalgarde in Parade-Uniform und also — in weißen Hosen — mit Musik anmarschirt, dem ich mich anschloß. Zu beiden Seiten der Colonne der ritterlichen Vertheidiger der Stadt marschirten, ebenfalls in vollem Wichs — Pikesche und hohe Stiefeln — eine Unmasse, meist Corpsstudenten, und wenn nun die guten kriegerischen Bürger oder bürgerlichen Krieger gewissenhaft und wegen ihrer weißen Unaussprechlichen ängstlich bemüht waren, den zahlreichen Pfützen, selbst auf die Gefahr des militairischen Tactes, sorgsam aus dem Wege zu gehen, so waren die durch ihre hohen Stiefel geschützten Studenten erst recht bemüht, in diese Pfützen mit größter Gewissenhaftigkeit und Todesverachtung hineinzuspringen und zu patschen, so daß der schmutzige Inhalt derselben mannshoch aufspritzte und sich zum Ergötzen des ganzen begleitenden verehrlichen Publicums über die weißen Beinkleider und die schmucke Uniform der ärgerlichen Gardisten ergoß. Wohl fluchten die Letzteren laut ob dieser Handlungsweise der studirenden Jugend, allein kaltblütig bliesen dieselben den Raisonnirenden den Rauch ihrer langen Pfeifen in das Gesicht und — es blieb beim Alten. Endlich war unter lebensgefährlichem Gedränge die ebenso uralte wie schmale Gerberbrücke und das dicht dabei befindliche Gerberthor passirt und der Weg führte rechts die jetzige Berliner Straße, welche damals außer der Scharfrichterei und den kleinen Häuschen der Damenbadeanstalten im Gerbergraben kein einziges Wohnhaus aufzeigte, hinaus, über die Gleise der Magdeburger Bahn — auch die Thüringer Bahn existirte damals noch nicht — hinweg und dann lagen wiederum rechts die Gerberwiesen vor uns. Das Schaffot, zu welchem drei Stufen in die Höhe führten, war vielleicht vier- bis fünfhundert Schritt von dem Ufer der Parthe errichtet und die Communalgarde schwenkte, die bereits zu Tausenden versammelte Zuschauerschaar durchbrechend, auf dasselbe zu und nahm von einem um dasselbe gebildeten Viereck die Parthen- und rechte Seite, eine Abtheilung Jäger der Garnison bildete die anderen beiden Seiten des Vierecks. Leider gelang es mir nicht, mit der Communalgarde zugleich nach vorn zu kommen, die kolossale Menschenfluth drängte mich zurück, und so hatte ich wider Willen Gelegenheit, das Treiben auf dem riesigen Platze mit anzusehen. — Wie sehr wohl hat doch die Gesetzgebung gethan, wenn sie jetzt das Walten der strafenden Justiz, bei ihrer höchsten Strafe, in die engen Mauern der Strafanstalten verweist, wo sich der schauerliche Act wenigstens in würdiger Feierlichkeit abspielen kann, und wie sehr Unrecht man früher mit der Meinung hatte, daß die öffentliche Hinrichtung berufen sei, abschreckend zu wirken, das begriff an jenem Tage sogar der Knabe. Denn all die Tausende hier schienen nicht zu einem Acte tiefernster Lehre, sondern zu einem Schauspiel, ja Volksfest versammelt zu sein. Wagen und Stände mit Kaffee-, Bier- und Schnapsverkäufern; Händler mit Semmeln, Kuchen, Brod, Fleischwaaren und Wiener Würstchen wechselten mit Colporteuren, welche Ebert’s und andere Mordthaten und Hinrichtungen in Poesie und Prosa laut zum Verkaufe anboten, ab. Alles lachte, drängte und machte mehr oder minder rohe und zweideutige Witze. Mehrere industriöse Leute waren mit ganzen Wagen voll Stühlen und Holztischen erschienen, welche sie an die Zuschauer vermietheten und wobei sie reißenden Absatz fanden — — —
Plötzlich — — ein allgemeines »sie kommen« und alle Augen richteten sich auf die etwas höher gelegene Straße, von welcher eben einige Wagen, umgeben von berittenen Gendarmen, nach dem Viereck einbogen. Ich drängte mit Macht nach vorn, schlüpfte hier einem schimpfenden Bürger zwischen den Beinen und dort einem anderen unter dem Arme durch, nahm Püffe und Schimpfworte in den Kauf und kam ein gutes Stück vorwärts, jetzt aber stak ich in der Mitte eines festgekeilten Menschenstroms, sah nichts als Röcke und Hüte und den von Wolken umzogenen Himmel — es war zum Verzweifeln! — Da stand vor mir auf einem Holzstuhl ein Student, vor sich hielt er, als Partnerin desselben Stuhles, ein rothbackiges, mit weißer Schürze angethanes Dienstmädchen.
»Knirps —« sagte er, mich gewahrend, »steig auf die Stuhllehne und halte Dich an meinen Schultern fest!«
Im Moment war ich droben. Tiefe Stille herrschte, eben stieg der Verurtheilte, ein kräftiger Mann mit rothem Vollbart, die Stufen des Schaffots hinauf. Jetzt aber kam es über mich wie ein Gefühl unendlicher Angst, ich sah das schräge Fallbeil, hörte in der Ferne die Worte des Richters, welcher dem Mörder nochmals das Urtheil vorlas, sah, wie die Gehilfen des im Frack dastehenden Scharfrichters den Verbrecher ergriffen, dann aber legte es sich wie ein Nebel über meine Augen, ich vermochte es nicht, nach jenen verhängnißvollen zwei Säulen, zwischen denen das Beil hing, zu sehen, meine Füße wankten und krampfhaft hielt ich mich an der Schulter des Studenten fest, da — ein klatschender Schlag vom Schaffot her — ein tiefer Seufzer aus der Brust des Studenten — »es ist geschehen«, sagte er mit bleicher Wange, »Gott sei dem Sünder gnädig!«
»Ist es nicht gerade, als ob die Sonne mit ihrem Erscheinen gezögert habe, bis der Elende gebüßt hat?« sagte ein vor mir herschreitender Herr zu einem anderen. Ich blickte auf und — in der That — drüben über Händel’s Bad stieg sie, leuchtend und strahlend die Wolken durchbrechend, in die Höhe, während noch das Blut des Verbrechers durch die Bretterritzen des Schaffotes sickerte, wo Hunderte von Abergläubischen bemüht waren, einige Tropfen desselben mit Tüchern und Lappen aufzufangen.
Die Sonne gab aber auch mir meine Courage zurück, und als mein Vater gegen sieben Uhr heimkehrte, lag ich schon länger als eine Viertelstunde wieder in den Federn, mir aber doch gelobend, ein solches Schauspiel niemals wieder aufzusuchen.
X.
Die Leipziger Sänftenträger-Compagnie.
Mit Errichtung der Fiaker erlitt ein bis dahin blühendes, unseren Tagen und Geschlechtern gewiß eigenartig erscheinendes Institut einen Stoß, der sein völliges Eingehen nur noch zu einer Frage der Zeit machte. Es war dies die ehrsame Corporation der Leipziger Chaisenträger, wie sie im Volksmunde genannt wurde, oder die »Sänftenträger-Compagnie«, wie sie sich selbst nannte und wie auch ihr amtlicher Titel lautete.
Diese Corporation, welche länger als 150 Jahre bestand und sich einst nicht blos hoher Blüthe, sondern auch der Gunst der ganzen Leipziger Bevölkerung, besonders aber der Honoratioren im höchsten Grade erfreute, trug einen halbamtlichen Charakter und zwar insofern, als ihr der Rath von ihrem Inslebentreten an, am Anfang des 18. Jahrhunderts, bis zu ihrer Auflösung, am Ende der sechziger Jahre oder Anfang der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts, die Chaisen gegen entsprechende Miethe stellte und die Mitglieder, welchen außerdem noch die Pflicht oblag, bei Feuersgefahr mit einer ihnen besonders zugetheilten Spritze helfend einzugreifen, von Amts wegen feierlich bei ihrem Eintritt in die Compagnie in Pflicht nahm.