Die Chaisen oder Sänften ersetzten früher die jetzigen Droschken. Es waren einsitzige, viereckige Holzkasten, innen mehr oder minder elegant eingerichtet, denn es gab sogenannte Staatssänften und einfachere. Sie hatten rechts und links, wie die Droschken, Thüren mit zum Herunterlassen eingerichteten Fenstern, ebenso Glasfenster nach vorn, welche aber sämmtlich durch innen angebrachte Zugvorhänge verdeckt werden konnten. Zwei lange, lackirte Stangen, welche rechts und links unter angebrachte Halter geschoben wurden, dienten zum Tragen der Sänften und diese Stangen trugen vorn und hinten an kreuzweise über die Brust fallenden weißlackirten Ledergurten je ein Mann der uniformirten Sänftenträger-Compagnie. Die Uniform der Sänftenträger bestand in einem langen blauen Livréerock mit blanken Knöpfen und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts in Kniehosen, weißen langen Strümpfen, Schnallenschuhen und dreieckigem Hut, später trugen sie lange Beinkleider und blaue Dienstmützen mit weißem Rand, der Rock aber blieb derselbe, doch erschienen sie auch später noch manchmal, bei besonders festlichen Gelegenheiten, in ihrer alten Galakleidung; so z. B., als sie am 5. August 1847 den zur feierlichen Einweihung der katholischen Kirche nach Leipzig gekommenen Bischof Dietrich aus Dresden zur Kirche trugen. Wie mancher andere Comfort waren auch die Sänften eine ins Deutsche übertragene französische Einrichtung, und wenn sich im vorigen Jahrhundert die geputzten, hochfrisirten und mit Schönheitspflästerchen versehenen Leipziger Damen in den Staatssänften zu den Vergnügungen oder zu Besuchen in Richter’s, Reichel’s oder Bosen’s Garten tragen ließen, so schritten oft die zierlich und stutzerhaft gekleideten und mit dem Paradedegen bewaffneten jungen Kaufleute oder sonstigen Verehrer neben her und suchten eifrig ein Wort oder doch wenigstens einen Blick der Angebeteten zu erhaschen. Auch bei Bällen und Gewandhausconcerten spielten die Chaisenträger mit ihren Tragen eine große Rolle, denn Equipagen wurden mit Ausnahme ziemlich schwerfälliger Reisewagen selbst von reichen Familien nur wenig gehalten, auch war das damalige Pflaster derart, daß man seinen Körper, besonders bei schlechtem Wetter, lieber einer von den wohlgeübten Trägern sanft (daher auch der Name Sänfte) behandelten und ohne alle Erschütterungen getragenen Chaise, als dem schweren Wagen anvertraute, dessen Federn nur mangelhaft waren und der oft aus einem Loch in das andere fiel. Bei solchen Fahrten wurden die damals hohen Frisuren und Reifröcke der Damen oft bedenklich erschüttert und die Perrücken oder zierlichen Zöpfe der gepuderten Herren derangirt, und da waren denn die Sänften sehr an ihrem Platze. Außer mancher anderen Vergünstigung hatten die Sänftenträger auch noch bis zu ihrer Auflösung das Vorrecht, das Klafterholz, welches sich Private für ihren Hausbedarf anfahren ließen, auf der Straße vor dem betreffenden Hause zerkleinern zu dürfen, und vielen alten Bürgern wird noch diese Thätigkeit dieser Leute, bei welcher auch die Frauen derselben mit eingriffen, erinnerlich sein. Es war dabei Sitte, ihnen außer dem Lohne noch das größte Holzscheit, gleichsam als Trinkgeld, zu überlassen.
Die Sänften und ihre Benutzung bei Gewandhausconcerten.
Mit dem Eintritt des Fiaker- und Droschkenwesens verschwanden auch allmälig die Sänften aus dem öffentlichen Gebrauch und nur Kranke, welche jede Erschütterung durch das Fahren im Wagen vermeiden wollten, benutzten dieselben noch ab und zu. Trotzdem bestand aber die Compagnie noch manches Jahrzehnt fort, und zwar wurden die Sänftenträger amtlich als Träger der Siechkörbe bei eingetretenen Unglücksfällen oder bei schwer Erkrankten behufs deren Transportes in’s Krankenhaus verwendet. Außerdem behielten sie ihren Spritzendienst und ihre Holzhauerarbeiten und fanden so immer noch ihre bescheidene Existenz.
Hierzu kam aber noch mancherlei weitere Thätigkeit und zwar zuerst die als Fabrikanten des seiner Zeit vorzüglich bei Leipzigs Frauen vielgepriesenen, ja bis zum heutigen Tage noch nicht ganz vergessenen, auch weit über Leipzigs Grenzen wohlbekannten »Chaisenträgerpflasters«, dessen heilkräftige Wirkung sich so ziemlich auf alle bekannten und unbekannten inneren Krankheiten erstrecken sollte. Gegen Gicht und Rheumatismus, Verrenkungen durch Hebung zu großer Lasten, verursachte Leibesschäden, gegen Knochenfraß, alte Wunden, Hexenschuß und Kreuzschmerzen half dasselbe, der Tradition nach, mit absoluter Sicherheit; ja als wir Kinder uns einst bei einem mehrtägigen Besuche auf dem Gute unseres »Buttermanns« in Bösdorf im Essen übernommen hatten und daran nach erfolgter Rückkehr tüchtig laborirten, brachte unsere alte gute Großtante allen Ernstes für jedes von uns ein halbellengroßes fettgeschmiertes Chaisenträgerpflaster herbeigeschleppt, welches das Innere kräftig zertheilen und uns wieder herstellen sollte. Tantchen nahm es denn auch furchtbar übel, als die Mutter ihre Pflaster dankend zurückwies und uns mittelst einiger Tassen aufgelösten Bittersalzes und der Leistungen einer mächtigen Familienklystirspritze, welch letztere damals in keiner Familie zu fehlen pflegte, einer schnellen Radicalcur unterzog und binnen zwei Tagen wieder vollständig herstellte. Erst am nächsten Aschermittwoch, wo wir Kinder pflichtgemäß, wie es damals Sitte war, mit bänder- und blumengeschmückten Tannenzweigen sämmtlichen Pathen und Verwandten aufs Quartier rückten und in handgreiflicher Weise »die Asche abkehrten«, versöhnten wir die gute Alte wieder vollständig, und jedes von uns erhielt einen mächtigen »Vierpfenniger« als gebührende Belohnung für unsere »Arbeit.«
Thatsache ist, daß die Fabrikation dieses Chaisenträgerpflasters, dessen Zusammensetzung von den Mitgliedern der Compagnie streng geheim gehalten wurde und welches dieselben für »einen Sechser« bis zu »zwei guten Groschen« je nach dem Umfang desselben verkauften, eine ganz beachtenswerthe Einnahmequelle der Compagnie bildete.
Vom Anfange ihrer Errichtung bis zu ihrer gänzlichen Auflösung hausten die Chaisenträger unter den vier Bogen der »Börse« am Naschmarkt. Im Hintergrunde derselben standen die Sänften und weiter vorn an den Eingängen standen Stühle, an deren Seite an der Wand kleine Spiegel angebracht waren, denn die Chaisenträger waren in der That Tausendkünstler und ebenso vielseitig als solche.
Sie waren nämlich nicht blos Sänften- und Siechkorbträger, Spritzenleute, Holzzerkleinerer und Fabrikanten ihres berühmten Pflasters, sondern huldigten auch dem Schönheitsgefühle, indem sie — man staune — Jedermann und jederzeit gegen den Obolus von »einem Sechser« kunstgerecht die Haarfülle verschnitten, wobei allerdings das Wort »verschneiden« oft genug in des Wortes verwegenster Bedeutung zu nehmen war. Dies hinderte aber verschönerungssüchtige Handwerksgesellen und Lehrjungen, ja selbst sparsame Handwerksmeister nicht, ihre Frisur ruhig den Scheerenleistungen der Sänftenträger anzuvertrauen und ihre Locken stufenweise in den solchergestalt auch der Kunst geweihten Hallen der Börse fallen zu sehen. Wir Herren Jungen waren natürlich Stammgäste der biederen Leuteverschönerer.
»Junge — nee — deine Haare! — Gleich gehst de zu’n Chaisenträgern, un — — runter damit — hier hast de ’nen Sechser!«
Das war dann für uns ein gefundenes Fressen, wie wir damals mehr bezeichnend als sprachlich schön uns zu äußern pflegten, denn die Alten wußten immer etwas Hübsches bei der Procedur der Haarabsäbelung zu erzählen.