Freilich, großen Staat machten sie nicht mit uns und der »Comfort« war gerade nicht übermäßig, aber das machte nichts aus, wir Bengel waren damals eben noch nicht so von der Cultur beleckt, wie jetzt die »jungen Herren«, wie heutzutage der Friseur jeden »dummen Jungen« anredet.

Der eben anwesende Chaisenträger steckte uns, nachdem wir rittlings auf dem uralten Polsterstuhle Platz genommen hatten, vorn und hinten, zum Schutz für unsere »Kutte«, je ein blaugewürfeltes, in Folge mancher Prisenspuren nicht ganz »zweifelsohne« Taschentuch rings in die Halsöffnung der »Kutte« und nun ging die Procedur frisch, fromm, fröhlich vor sich. Erwachsenen, von deren Aeußerem der haarschneidende Künstler stillahnend, leider sich aber oft mit dieser Ahnung selbst betrügend, vermuthete, daß sie sich zu der horrenden Leistung von einem »Neugroschen« aufschwingen würden, wurden weiße Tücher vorgesteckt, bei uns Jungen war dies überflüssig und uns auch vollständig gleichgiltig.

Während nun in diesen heiligen Hallen, vor den Augen des zahlreich vorüberziehenden verehrten Publicums, unsre oft arg zerzausten und meist etwas struppigen »Locken« unter der Scheere des Alten fielen, erzählte uns derselbe gewissenhaft alle Neuigkeiten des Tages, denn die Alten erfuhren Alles und waren eine lebendige Chronik — oft auch chronique scandaleuse, ja sie führten sogar länger als ein volles Jahrhundert ein ziemlich genaues Tagebuch über alle Stadtereignisse irgendwie bemerkenswerther Natur und waren nicht böse, wenn wir diese ihre Leistungen als Chronisten bewunderten und durchstöberten.

War die Procedur des Haarschneidens vorüber und hatte auch der aus gewissen hier besser verschwiegenen Gründen nunmehr in Function gesetzte »kleine Kamm« seine Pflicht gethan, so schüttelten wir Tücher und Haare ab und überreichten feierlich dem Alten den Lohn für seine Arbeit. Dieser prüfte dann das Geldstück genau, denn, es gab damals auch Sechser, die darnach waren, und dann erfolgte große Betrachtung im Handspiegel, worauf uns der Gute mit einem »So, nu siehst de wieder wie e Mensch aus«, feierlich entließ. Mutter schlug dann wohl bei unserem Anblick ab und zu entsetzt die Hände zusammen, aber Vater sagte dann beruhigend und lachend »Na — laß nur — se wachsen schon wieder!« Und damit war die Sache abgethan.

In der damaligen Zeit, wo noch nicht einmal die in den sechziger Jahren fest organisirte städtische Feuerwehr existirte, sondern nur die Bürgerschaft, soweit sie nicht Dienst in der Communalgarde that, und die sogen. »Schutzverwandten« (eine Art Bürger 2. Classe, die aber kein Wahlrecht hatten) zum Spritzendienst bei ausbrechendem Feuer, je nach den Stadtvierteln, herangezogen wurden, hatte natürlich eine Corporation wie die Sänftenträger, von denen die Hälfte Tag und Nacht auf ihrem Posten war, auch als Feuerwehrleute großen Werth, und die Fälle, in denen die Spritze derselben bei Schadenfeuern zuerst auf dem Platze war und die für diesen Diensteifer ausgesetzte Prämie empfing, sind sehr zahlreich. Die Compagnie hat bei großen Bränden wiederholt Hervorragendes, sowohl beim Löschen, als beim Retten und Bergen der bedrohten Mobilien etc., ja selbst von Menschen, geleistet, und da die strenge Ehrlichkeit ihrer Mannschaften wohlbekannt war, so wußten die vom Feuer Betroffenen da, wo die Spritze und Mannschaft der Sänftenträger-Compagnie erschien, das Ihrige in guten Händen, zumal da in jener Zeit sich oft schnell herbeigeeiltes Gesindel die Gelegenheit zu Nutzen machte, um zu stehlen, und die Feuerversicherung noch bei Weitem eine nicht so eine allgemeine war, wie zur Jetztzeit.

Selbst auswärts war in solchen Fällen die Compagnie öfters thätig, und als halb Oschatz in Flammen stand, ging auch die Spritze der Sänftenträger mit einiger Mannschaft, begleitet von Deputirten des Rathes, mit Extrazug dahin ab und trat dort in Action.

So war die Compagnie länger als 150 Jahre eine volksthümliche, beliebte und hochgeachtete Corporation, bis die Alles unterminirende Zeit endlich auch sie erst zum Wanken und dann zum Falle brachte und die folgenden undankbaren, flüchtigen Geschlechter in wenig Jahrzehnten dieselbe vergaßen.

Legte schon das Erscheinen der Droschken ihre ursprünglichen Functionen als Sänftenträger lahm, so daß eine Sänfte nach der anderen die Halle am Naschmarkt räumen mußte, so machte später die Organisation der städtischen Feuerwehr auch ihre Hilfe bei Feuersgefahr entbehrlich. Der aller Handarbeit feindliche Dampf treibt jetzt sogar holzspaltende Maschinen, und Brandt’sche Pillen, Glöckner’sches Pflaster und andere Mixturen und Salben haben längst das alte gute Chaisenträgerpflaster aus der Zahl der heilkräftigen Hausmittel verdrängt. Barbiere und Friseure bearbeiten jetzt die Köpfe und deren Haarfülle kunstgerecht mit Walzenbürste, amerikanischer Douche und — — Haarschneidemaschinen; leer und verwaist sind die einst so traulichen Hallen am Naschmarkt, nur in einer derselben sitzt jetzt eine menschenfreundliche ältliche Dame und giebt dem Bedürftigen — — — verschämt dabei lächelnd — einen gewissen Schlüssel zu einer gegenüberliegenden stillen Klause, gegen Einlegung — — eines Sechsers — — wollte sagen — — eines Fünfpfennigers deutscher Reichswährung.

Die Alten sind heimgegangen, nur einer noch, der alte »Vater Wolf«, haust in seiner kleinen freundlichen Wohnung im »Königshaus« am Markt, vorn heraus »fünf Treppen« hoch, dem Himmel oder doch den Wolken ebenso nahe als der undankbaren Erde.

XI.
D. L. M.