Die Katharinenstraße zur Messe Anno 1850.
Im großen Joachimsthal, Stern und Hotel de Pologne standen die Tuch- und Buckskinhändler aus Aachen, Verviers, Quedlinburg und Berlin, in den anderen Häusern und Straßen, sowie auf dem Neukirchhof die Fabrikanten aus Cottbus, Spremberg, Forst, Sorau, Crimmitschau und Werdau. Die kleineren Fabrikanten feiner Tuche standen seltsamerweise weit von ihren Collegen entfernt und zwar auf dem Neumarkt und im Gewandhaus. Es waren dies die aus Roßwein, Leisnig und Döbeln. Auf der oberen Hälfte des Neumarktes standen die Antiquare, in den Höfen und Hausfluren die Gemäldehändler. Die Petersstraße war damals nur wenig geschäftlich belebt, es saßen deshalb rechts und links auf derselben die Obsthändler. Auf dem Marktplatz fanden sich Spielwaaren, Geigen- und Instrumentenfabriken, Annaberger geklöppelte Spitzen, Marmor-, Glas- und Meerschaumwaaren und tausenderlei Anderes, im Thomasgäßchen Pariser Bijouterien, Schweizer Weißwaaren und Spielwaaren. Auf dem Thomaskirchhof befanden sich die Eisen- und Kurzwarenhändler.
So waren in der inneren Stadt die Branchen vertheilt, dabei fand ein fortwährendes Gewühl und Gedränge statt: vor den Geschäftslocalen standen trotz der die Straßen ohnehin sehr beengenden Buden noch Pyramiden von Kisten und Waarenballen, und auf dem schmalen, nun noch übrigen Fahrweg schlängelten sich hin- und herschleudernde Schleifen, Roll- und Lastwagen, Droschken und Handwagen im bunten Knäuel durcheinander. Arbeiten — feste arbeiten! war die Losung während der Vor- und Engroswoche, und wenn Abends spät in den Geschäften endlich die Läden vorgesetzt wurden und der Andrang der Käufer für den Tag zu Ende war, dann ging das Zusammenstellen der Commissionen, das Registriren, Facturiren, Copiren, Vergleichen und Verpacken los, denn am Tage war dazu keine Zeit, und oft schliefen die Ermüdeten die wenigen verbleibenden Stunden auf den Ballen. Aber »der Alte« ließ sich in dieser Zeit schwerer Arbeit »nicht lumpen«, es gab Bier, Kaffee, Punsch und kalte Küche im Ueberfluß, und die »Meßgratification« war auch nicht zu verachten.
Wo sind jetzt jene Zeiten? Längst und wohl für immer vergangen! — — Die Buden verschwanden von den Straßen, die sonst so belebten Höfe stehen meist leer, die Regaleinrichtungen in den Hausfluren verfallen, und die früher so beschäftigten Ballenaufzüge in den großen Durchgängen strecken betrübt ihren Arm in die Luft. Daß bei solchem Verkehr und den kolossalen Geschäftsumsätzen natürlich auch eine Menge Menschen ihre Existenz fanden, ist einleuchtend. So kamen speziell aus den ärmeren Gegenden des Erzgebirges und Vogtlandes zu jeder Messe Hunderte von Leuten mit ihrem Schiebebock (einrädriger Handwagen) und der hölzernen Trage zu Fuß nach Leipzig, lösten sich für wenige Groschen bei der Behörde einen Arbeitsschein, wurden registrirt und erhielten nun eine um den linken Arm zu tragende Blechmarke mit ihrer Nummer. Diese Leute traten nun als Packer oder Meßhelfer bei den Fremden in Dienst, erhielten zwei Thaler pro Tag und kehrten nach der Messe ebenso wieder zu Fuß, diesmal aber mit einem hübschen Sümmchen ersparten Verdienstes, in ihre Heimath zurück. Sie waren treu und ehrlich und meist viele Jahre bei demselben »Meßfremden« thätig. Solcher Existenzen aber gab es vielerlei, und so verbreitete die Leipziger Messe ihren Segen tausendfältig bis weit in die Ferne. Aber auch die Leipziger Gewerbe fanden durch die Messe und ihren riesigen Verkehr reichlichen Absatz. Zimmerleute zum Aufbau der tausenden von Meßbuden, Tischler und Schlosser zu den Regalen, Firmenschreiber, Schneider und Schuhmacher, alle, alle mußten zur Messe mit verstärkten Kräften oft Tag und Nacht arbeiten.
Vom Bäuerlein, das zur Messe mit seinen Gäulen kam, um bei Spediteuren oder dem Rollfuhrverein in den Dienst zu treten, bis zum Rußbuttenmann und dem Verkäufer des »Wach—holder—beer—saft«, von der armen Wittwe, die zur Messe mit Kind und Kegel in der ärmlichen Küche auf der nur nothdürftig mit Stroh bedeckten Diele schlief, um ihre Stube einem »Meßfremden« einzuräumen, bis zum Hotel I. Ranges — Alle fanden Brot und Nahrung von der Leipziger Messe.
XIV.
Der damalige Meßfremde.
Der »Meßfremde«, in keiner Weise identisch mit dem jetzt gleich einem flüchtigen, oft nur scheinbar glänzenden Meteor nur auf Tage die Messe besuchenden »Meßonkel«, war im Gegensatz zu diesem leichtlebigen, anspruchsvollen, über alles raisonnirenden, oft nur dem Vergnügen huldigenden und ebenso schnell, wie er gekommen, wieder verschwindenden, unbeständigen Meßbesucher — ein Mann von soliden Grundsätzen. Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit bezüglich der Meßquartiere und Toleranz gegen mäßige Meßpreise und entsprechend verkleinerte Beefsteaks, sowie den damals noch weitberühmten sächsischen Kaffee war seine lobenswerthe Eigenschaft. Er nahm es nicht übel, wenn er für das Bett in einem Zimmer des 4. Stockes, welches Zimmer außer ihm noch zwei, drei andre »Meßfremde« zur Nachtzeit bewohnten, für die Nacht drei Mark bezahlen mußte, und fiel nicht vor Schreck auf den Rücken, wenn er des Morgens seine Stiefel nur mit Studentenwichse (Speichel) nothdürftig gewichst fand. Wußte er doch, daß im Uebrigen seine »Wirthsleute« Alles thaten, was sie ihm an den Augen absehen konnten; und war erst der ärgste »Meßtrubel« vorüber und die Masse der großen Einkäufer wieder abgereist, dann avancirte er ohne Preiserhöhung zum Selbst- und Alleinherrscher in seiner Stube, die Wirthin kochte ihm seine Lieblingsgerichte. Der Kaffee wurde nicht mehr gar so sehr »in die Länge« gezogen, er trat in den Alleinbesitz eines pfundschweren Hausschlüssels, den er sich wegen der Größe und des Gewichtes desselben in den auf seiner Kehrseite befindlichen Hosenriegel schnallte, und schäkerte gern mit den ihn »Onkel« anredenden Kindern seines Gastfreundes, selbst wenn dieselben nicht weiblichen Geschlechtes und jünger als 16 Jahre waren. Schon sein ganzes Aeußere bei seiner Ankunft machte einen vertrauenerweckenden, soliden Eindruck. Seine Hauptkennzeichen waren im Sommer langer Gehrock und hochgeschlossene Weste mit massivgoldener Uhrkette nebst daran hängendem Petschaft, niedrige Reisemütze mit breitem Schild, Regenschirm, Cylinderhutschachtel, Geldkatze, bescheidene Vatermörder mit schwarzseidenem Halstuch und dickbauchige Reisetasche mit den aufgestickten Worten »Bon voyage« oder »Au revoir«; im Winter kam ein mächtiger Reisepelz, Pelz- oder lange Filzstiefel oder Fußsack (letzterer wieder mit Stickerei versehen), sowie ein dicker, 3—4 Ellen langer gestickter Shawl hinzu, dessen Enden ihm malerisch bis auf die Knie herabfielen. Den Platz der Sommermütze hatte dann eine runde Pelzmütze eingenommen. So entstieg er pustend, aber munter und beweglich, dem Post- oder Eisenbahnwagen, mit nie fehlender Pünctlichkeit empfangen von seinem über das ganze Gesicht lachenden erzgebirgischen »Meßhelfer«, der nun hinter seinem »Herrn« mit dem Gepäck ins »Logis« trabte. Hier fand nun feierlicher Empfang statt, der »Meßfremde« schälte sich aus und hörte nun ebenso gewissenhaft den Rapport seines »Wirthes« über etwaigen neuen Familienzuwachs oder sonstige intimere Familienereignisse mit an, wie er selbst gewissenhaft über die Seinen zu Hause rapportirte; denn der »Meßfremde« wohnte oft wieder in derselben Familie, in welcher schon sein Vater gewohnt hatte, und oft verband die beiden Familien langjährige, enge Freundschaft. Nachdem sich der »Meßfremde« von den Strapazen der Reise erholt hatte, ging es sofort an die Arbeit, denn obwohl er meist schon Mittwoch oder höchstens Donnerstag vor der »Vorwoche« eingetroffen war, gab es doch scharf zu thun. Da mußte der »Meßzoll« (pro Centner 25 Pfennige) erlegt, die Ballen und Kisten angenommen und controlirt und dann — zunächst hinter verschlossenen Ladenthüren — ausgepackt werden. Daneben gab es die langjährigen Nachbarn, welche ebenfalls aus allen Richtungen der Windrose eintrafen, zu begrüßen, um Abends todtmüde in den »Kahn« oder »Gondel« zu fallen. Freitags und Sonnabends trafen bereits die »Einkäufer« ein, machten ihre Runden, drangen bis in die dunkelsten Winkel der Höfe, und Montags ging das Geschäft los. Da wurde geprüft und untersucht, geschachert und gefeilscht, die dickleibigen Brieftaschen der Einkäufer wurden schlanker und zusehends dünner, dagegen füllten sich die Geldkatzen der Verkäufer. Alle Quartiere waren doppelt und dreifach belegt, die Hotels und Gasthöfe bis auf den letzten Vorsaalplatz besetzt, und in den Judenherbergen in den Hinterhäusern des Brühls und der Ritterstraße lagen die Söhne Israels schichtenweise zur Nachtzeit neben- und aufeinander. Alles arbeitete, hastete, lachte, scherzte, denn Alles verdiente Geld, und »Leben und leben lassen« war der allgemeine Wahlspruch. Waren aber die »großen Einkäufer« wieder verschwunden und die Vorwoche zu Ende, so stellte sich zur nun kommenden Meßwoche die »kleine Kundschaft aus der Provinz« ein. Diese treuesten aller Kunden brachten ebenfalls straffe Beutel mit, beglichen ihre alten Conten und belasteten dieselben durch neue Einkäufe. Das Geschäft war hier ein glattes, auf gegenseitigem, durch langjährige Verbindung begründetem Vertrauen basirend. Immer noch war die Arbeit eine scharfe, angestrengte, denn wenn sich auch die zweite Woche ihrem Ende zuneigte, die »Kunden« seltener wurden, fehlte es doch nicht am Geschäft. Es stellten sich die Männer mit der scharf ausgeprägten Physiognomie ein. Sie fragten nach »ä Pöstchen Waare« oder »ä Ramschpöstchen, er kann sein groß oder klein« — und dann neigte sich die Engrosmesse ihrem Ende zu, und die Arbeit ließ bedeutend nach.
Jetzt ging aber auch mit dem »Meßfremden« eine bedeutende Umwandlung vor. Er häutete sich geradezu.
Er steckte eine unternehmende, ja kecke Miene heraus; kam der Abend heran, so legte er »den guten Anzug« an, steif gestärkte Vatermörder, von einer leichtfertigen bunten Halsbinde lose umschlossen, schauten über die großgeblumte seidene Weste mit dem breiten Kragen; in der Mitte des Vorhemdchens prangte eine ungeheure Busennadel, der langschößige solide Rock verschwand, und ein »Schniepel« (Frack) oder kurzer Rock mit breitem Revers umhüllte nur flüchtig seine Hüften. Breite Galons und straffe Stege zierten die hellen Hosen, ein schwindelhaftes Fischbeinstöckchen ersetzte den soliden Familienregenschirm, und der nach oben kühn geschweifte Cylinderhut hielt aus der Tiefe seines Futterals seine Auferstehung. Haupthaar und Backenbart erhielten durch Brenneisen und Bürsten sanfte Kräuselungen und einen kühnen Schwung, der Trauring marschirte in die Tiefen der Westentasche und — — — der »Meßfremde« stürzte sich — in den darauffolgenden Tagen am chronischen Kater leidend — mit Todesverachtung in die Freuden und Genüsse der Messe, heute hier — morgen da »den Affen loslassend« bis das allmälige Verschwinden fast aller Einkäufer und auch etwas »moralischer Katzenjammer« ihn wieder solideren Bahnen zulenkte und er — den Trauring wieder ordnungsgemäß placirend — dem verführerischen, aber, ach, so gemüthlichen Leipzig wieder einmal Ade sagte, schon im Voraus die Wochen berechnend, welche vergehen mußten, ehe er hier wieder seinen Einzug halten konnte.