Neue Speise­anstalt.

Anno 1849 wurde die frühere Getreide-Expedition am Königsplatz (jetzt Ecke Königsplatz und Markthallenstraße) in eine städtische Speiseanstalt umgewandelt. Die Portion Gemüse und Fleisch kam 12 Pfennige. Die Anstalt wurde am 1. Februar 1849 eröffnet.

Revolu­tion und Straßen­kampf in Leipzig.

Am 6. Mai ging auch in Leipzig die Revolution los, nachdem dieselbe bereits am 3. Mai in Dresden zum Ausbruch gekommen war. Vom 3. bis mit den 5. Mai passirten viele Freischaaren nach Dresden hier durch, darunter allein 900 Mann aus Werdau und Crimmitzschau. Am 6. Mai sammelten sich Volksmassen auf dem Roß- und Königsplatze an, welche die Escadron der Communalgarde durch Einreiten zu zerstreuen suchte. Hierbei fiel ein Schuß, wodurch ein Mann aus dem Volkshaufen verwundet wurde. Nun begann der Kampf zwischen dem Volk und den Bürger-Gardisten. Die Aufständischen erbauten Barrikaden an der Ecke des Marktes und des Thomasgäßchens, ferner am Neumarkt, gegenüber der Reichsstraße und die höchste und stärkste am Café Francais in der Grimmaischen Straße. Hierbei plünderten die Aufständischen den Meißnerschen Gewehrladen im Thomasgäßchen. Die Bürger-Gardisten nahmen die Barrikaden am Thomasgäßchen und Neumarkt schnell, wobei auf Ersterer der Souffleur Wrede vom Stadttheater erschossen wurde; aber bei der Barrikade am Ausgang der Grimmaischen Straße fanden sie so lebhaften Widerstand, daß sie sich am 6. Mai zurückziehen mußten, wobei Gardist Müller erschossen und die Gardisten Böttchermeister Herrmann und Bäckermeister Ottilie verwundet wurden. Erst am Morgen des 7. Mai zwischen 5 und 6 Uhr gelang es der Bürger-Garde auch die letzte Barrikade zu nehmen, wobei Gardist Seidenwaarenhändler Gontard todt blieb und auf Seiten der Aufständischen der Schmiedegesell der Leipzig-Dresdner-Bahn Merkisch fiel. Auch ein armes Dienstmädchen Namens Emilie Dreßler, welche im weißen Engel diente, wurde hierbei beim Milchholen auf dem Grimmaischen Steinweg durch eine Kugel getödtet. Hiermit war der Aufstand in Leipzig zu Ende.

Am 9. Juli starb noch an seiner Wunde Gardist Böttchermeister Herrmann und wurde gleich den Gardisten Müller und Gontard mit militairischen Ehren beerdigt.

Alter Friedhof.

Am 1. November wurde die Gottesackermauer, welche die um die Johanniskirche liegende Abtheilung des alten Friedhofes umgab, niedergelegt und der Platz bis an den Spittel eingeebnet und freigemacht.

XIII.
Die innere Stadt zur Messe vor 40 Jahren.

Bei den jetzigen Anstrengungen, welche man in anerkennenswerther Weise macht, um die Leipziger Messen wieder zu heben und den früheren Verkehr, wenn auch nur annähernd, wieder herbeizuführen, dürfte es gewiß Jedermann interessiren, einen Blick auf das Leben und Treiben innerhalb unseres Leipzig zur Meßzeit um 40 Jahre zurückzuwerfen. Wer den damaligen Verkehr, der bis zum Anfang der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts fortwährend stieg, um allerdings dann durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes und andere gewichtige Factoren, bis zur Mitte der siebziger Jahre erst allmälig, dann aber, hauptsächlich wohl mit veranlaßt durch allerlei verkehrte und den freien Verkehr hemmende Maßregeln, rapid abzunehmen, nicht mit eigenen Augen gesehen hat, vermag sich wohl kaum noch einen Begriff von demselben zu machen, und deshalb soll eine möglichst genaue Schilderung desselben in diesen Blättern den jetzigen und vielleicht auch späteren Generationen ein Bild von demselben geben. Wenn wir sagen, daß in der inneren Stadt z. B. jedes Haus bis in seine entferntesten Winkel dazu eingerichtet war, Meßzwecken zu dienen, so mag Mancher dies jetzt für arge Uebertreibung halten, und doch war es nicht blos in der That so, sondern — was die Hauptsache ist — diese entferntesten Winkel waren auch mit Verkäufern besetzt und wurden mit horrenden Miethpreisen bezahlt. Es ist natürlich, daß zu jener Zeit die Besitzer von Häusern der inneren Stadt thatsächlich im Besitz der »goldene Eier« legenden Henne waren und an jene Zeiten mit Wehmuth und voller Groll auf die Jetztzeit zurückdenken. Gab es doch Grundstücke, welche durch ihre Meßvermiethungen riesige Erträge abwarfen, und wenn z. B. zu jener Zeit Auerbach’s Hof zu jeder Stunde, Tag und Nacht, das ganze Jahr über gerechnet, einen Doppellouisdor eingebracht haben soll, was ungefähr jährlich 300 000 Mark beträgt, so ist dies ganz sicher nicht das einzige, ja höchst wahrscheinlich noch gar nicht das einträglichste Grundstück gewesen. Gab es doch Häuser, in denen sich, wie im Hotel de Pologne, Elephant, goldnen Hahn, Anker, gr. Joachimsthal, Mauricianum etc. etc. Hunderte von Ständen und Verkaufsgewölben — ferner das alte Gewandhaus mit seiner riesigen Anzahl von Tuchständen auf den sogenannten Tuchböden — befanden, und einfache Hofstände wurden mit 4—500 Mark pro Messe, kleinere Läden mit 8—1200 Mark und große Gewölbe mit 1500 bis 2000 Mark für die Hauptmesse bezahlt. Ja selbst in der nie zu der Größe der Hauptmessen gekommenen, nur zwei Wochen währenden Neujahrsmesse war der Verkehr immer noch ein vielfach stärkerer, als jetzt zu den Hauptmessen. Aber alle diese Hausstände und Läden genügten noch bei Weitem nicht für den riesigen Engrosverkehr, denn es waren noch alle Straßen und Plätze mit Buden für die kleineren Fabrikanten und Grossisten besetzt, und in den Hauptstraßen befanden sich Waarenlager bis in die dritten und vierten Stockwerke der Häuser. Dabei hatte jede Branche ihre bestimmten Straßen inne. Die Grimmaische Straße, in welcher Verkaufsstände und Buden fast die Hälfte der Straßenbreite vom Grimmaischen Thor bis zum Markt einnahmen, enthielt die Lager der Damenconfection, der Herrenconfection, Blumenfabriken, Gold- und Silber- und Bijouteriewaarenfabrikanten, sowie Hüte, Mützen und Kunsthandlungen (Bilder). Im Mauricianum hielten Hunderte von Lederhändlern, ebenso im rothen Colleg und der ganzen Ritterstraße, welche noch Buden für Kunstleder, Schäftefabriken, Nähnadeln und Zwirngrossohändler trug. Der Nicolaikirchhof und die Nicolaistraße waren mit rheinländischen und Lausitzer Posamenten, Apoldaer Strumpf- und Phantasie-Wollartikeln, sowie sächsischen Baumwollwaaren besetzt. Im Salzgäßchen domicilirten sächsische Cravatten-, Cachenez- und Taschentücherfabriken und Grossisten, im Goldhahngäßchen Chemnitzer Damaste und Berliner Chales und Tücher. In der Reichsstraße standen die großen Firmen der Manufacturwaarenbranche aus Greiz, Gera, Glauchau, Meerane, sowie solche, die englische und sächsische Lüsters und Orleans führten; in den Höfen und Durchgängen, sowie im Böttchergäßchen wurden Hohenstein-Ernstthaler Westen, Bett- und Tischdecken, Teppiche und Läuferstoffe, baumwollene Cords und Hosenstoffe, Lamas und Flanelle, sowie Möbelplüsche feilgehalten. In der Katharinenstraße waren die großen Lager Eilenburger und Berliner Kattune und Piqués, die Lausitzer Leinwand-, Gedeck- und Handtuchfabrikanten, Shlipse und Cravatten, Drelle und Bettzeuge zu finden. Im Brühl von der Reichsstraße bis zur Hainstraße befanden sich schweizer und englische, sowie sächsische Gardinen, Crefelder und Berliner Seidenwaaren und Sammete, Jupons und Schürzen, sowie Breslauer und Berliner Futterstoffe, im untern Brühl bis zur Ritterstraße der riesige Rauchwaaren-, Fell-, Borsten- und Därmehandel, sowie der jüdische Trödelmarkt, letzterer auf hunderterlei Ständen mit ebensovielerlei alten und neuen Gegenständen. Einen geradezu riesigen Complex aber nahmen die noch jetzt zahlreichen Tuch- und Buckskin- und Confectionsstofffabriken und Grossisten damals ein. Alle Höfe und Durchgänge von der Katharinen- nach der Hainstraße, von dieser bis zur Fleischergasse und wieder von dieser bis zum Neukirchhof, auf welchem sich noch Hunderte von Ständen in Buden befanden, sowie sämmtliche Läden der genannten Straßen waren mit dieser Branche bis in die kleinsten Winkel besetzt. In den großen Läden der Hainstraße dominirten die Berliner Weltfirmen der Confectionsstoffbranche, welche oft mit einem Apparat von über einem Dutzend Leuten, bestehend aus Chef, Procurist, Buchhalter, Commis, Lehrlingen und Markthelfern, zu denen sie aber noch ein anderes Dutzend Packer und Meßhelfer hier engagirten, zur Messe kamen. Das Gewicht der Waaren, welche diese Häuser, wie Jacob Landsberger, Reinhold Wolff und Co., Rosenstiel Söhne, Morgenstern Söhne etc., hierher mit zur Messe brachten, betrug Hunderte von Centnern, und bereits Wochen vor der Messe trafen Ladungen derselben hier ein. Vor uns liegt die Specificirung der Meßspesen eines solchen Geschäftes, dieselben betrugen für eine einzige Michaelismesse in ihrer Gesammtheit 3215 Thaler 28 Neugroschen, also fast 10 000 Mark; dabei ist jedoch ausdrücklich bemerkt, daß in dieser Summe die Gehalte des mitgebrachten Personals nicht mit inbegriffen waren. Diese Geschäfte führten Alles, was zur Herren- und Damenconfection (die Confection erstreckte sich damals bei Damen nur auf Mäntel etc., nicht auf Kleider) gehörte: Buckskins aller Art, Tuche, Ratiné, Double, Krimmer, Plüsche etc. bis herab zu den Cloths. Welchen Meßumsatz ein derartiges Haus machen mußte, um nur erst die Spesen zu verdienen, kann sich wohl Jeder leicht vorstellen. Sie verdienten aber nicht blos die Spesen, sondern mehr.