Die Petersstraße, damals noch ziemlich still, da sich die Hauptgeschäfte Leipzigs mit Ausnahme des von Gustav Steckner, in der Grimmaischen Straße befanden, zeigte eine Menge ebenfalls sehr alter und großer Gebäude auf. Da war zunächst der »Hirsch« an der Ecke der Magazingasse, dann »Stadt Wien«, halb Hotel, halb Oekonomiehof, bei dessen im Zickzack angelegten Durchgange nach der Schloßgasse man über Pfützen, Löcher und Dunghaufen steigen mußte, dann das finstere alte »Juridicum« mit seiner Halle und der im Hofe befindlichen altberühmten Kitzing und Helbigschen Restauration, dann die »drei Könige« und der »goldene Arm«, alles seitdem umgebaute Häuser. In der Magazingasse stand rechts am Petersthore die thurmlose alte Peterskirche und an der Ecke des Neumarktes der alte Rathsmarstall, ebenfalls ein uralter baufälliger Oekonomiehof, dessen Hauptsehenswürdigkeit ein riesiger Dunghaufen in der Mitte des durch zwei große Scheunenthore nach dem Neumarkt und der Magazingasse zu abgeschlossenen Hofes bildete. In der Universitätsstraße stand rechts neben dem »Bär« das alte rußgeschwärzte »Lutherhaus«. Vom Café Francais resp. Grimmaischen Thor bis zum Eckhaus der Universitätsstraße erstreckten sich die erst 1846 weggerissenen sogenannten Colonaden, die übrigen Straßen und Gäßchen der inneren Stadt haben sich bis auf verschiedene Um- und Neubauten von Häusern nur wenig verändert. Als im Jahre 1845 der Markt neu gepflastert wurde, pflasterte man auch das noch jetzt zu sehende Wappen der Stadt mit farbigen Steinen in die vor dem Rathhausdurchgang befindliche Marktfläche. Am Ende des Brühls nach Osten lag das alte »Georgenhaus«, ein altes finstres burgähnliches Gebäude, welches die Wohnstätte der »Versorgten«, aber auch ein Krankenhaus für Sieche und besonders Irrsinnige, sowie das Waisenhaus enthielt. Ueber seinem Eingangsthore befand sich die Legende des mit dem Drachen kämpfenden Ritters St. Georg in Stein gehauen. Dem Georgenhaus gegenüber, an der Ecke der Ritterstraße lag die »alte Heuwaage«, gewissermaßen eine Copie der damals noch mit einem Treppenthurm versehenen »alten Waage« am Marktplatz.

Die alte »Wasserkunst«, welche am jetzigen Eingange der Mozartstraße, an der Nonnenmühle lag, versorgte die Stadt mit Röhrwasser (Flußwasser) und deshalb befand sich im Hofe fast jeden Hauses ein gewöhnlich hölzerner Wasserbehälter, Röhrtrog genannt. Das Trinkwasser lieferten zahlreiche in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt befindliche Brunnen, von denen einige besonderes Renommée und Zulauf seitens der Bevölkerung hatten. Da war zunächst der noch jetzt stehende »Löwenbrunnen« am Naschmarkt, dann der »goldne Brunnen« am Markte, gegenüber dem Salzgäßchen, dann der »Neumarktsbrunnen« an der »Marie«, Ecke des Neumarktes und Grimmaische Straße; der berühmteste aber war der »Bettelbrunnen« auf dem Augustusplatz, gegenüber der Johannisgasse. Letzterer war von Bänken umgeben und einige Frauen kredenzten dem Durstigen aus bereit gehaltenen Gläsern für einen »Dreier« gern das kühlende Naß.

Die Polizeiverhältnisse waren überaus gemüthliche. Die Bewohnerschaft war den meist lange Jahre im Dienst befindlichen, mit derbem Stock bewaffneten Polizeidienern, nach ihren Revieren, meist genau bekannt und das ehrwürdige Institut der Nachtwächter war auch von Leuten besetzt, die vorzüglich bei dem damals noch völlig unter der Gerichtsbarkeit der Universität stehenden Bruder Studio Spaß verstanden und ihre Kundschaft kannten. Die Handwerksgesellen und Lehrlinge, wie auch viele Handlungsgehilfen wohnten im Hause des Meisters oder Brodherrn; die Bedürfnisse waren geringer wie jetzt, Nahrungsmittel und Wohnungen billiger und die Steuern gegen jetzt kaum nennenswerthe, ihre Eintreibung aber eine so der allgemeinen Gemüthlichkeit Rechnung tragende, daß wir uns nicht versagen können, der Erinnerung an eine solche Episode ein besonderes Capitel zu widmen.

II.
Heiterer Rückblick auf die Steuerbeitreibung in früherer Zeit.

Wenn man als älterer Bürger unserer guten Zukunfts-Millionen-Stadt um vierzig Jahre zurückblickt auf die Steuerverhältnisse der guten alten Zeit und sie mit der Jetztzeit vergleicht, so überläuft Einem einerseits ein gelindes Grausen über die jetzt nie endende Steuerschraube und andererseits ein Lächeln darüber, daß man schon damals über hohe Steuern raisonnirte. Bedenkt man, daß zu jener Zeit der Inhaber des kaufmännischen Geschäftes, in welchem Schreiber Dieses seine Lehrzeit vollbrachte, trotzdem das Geschäft mit einem Commis und mehreren Verkäuferinnen betrieben wurde und also kein unbedeutendes war, Alles in Allem noch nicht 10 Thaler, also 30 Mk., Steuern im Jahre bezahlte, ein Betrag, den jetzt schon ein Arbeiter mit etwa 900 Mk. Einkommen zu erlegen hat, so bekommt man ungefähr einen Begriff von dem Unterschied zwischen jetzt und damals. Und dabei war die Eintreibungsmethode damals eine so gelinde, daß dieselbe für die Jetztzeit eine wahre Freude wäre, und bei dieser Methode kam es fast niemals zu tragischen Episoden, wie jetzt leider oft genug, wohl aber häufig zu den heitersten Vorkommnissen. Es existirte damals nämlich, als es noch nicht so genau darauf ankam, ob einige Tausende ihre Steuern bezahlten oder nicht, denn das Land war ja reich genug, noch das Mahnen durch dazu von der Steuerbehörde vom Garnisoncommando erbetene Soldaten. Zu diesem nicht unlucrativen Geschäft commandirten nun in der Regel die Hauptleute sogenannte, meist verheirathete, Stellvertreter, d. h. solche Soldaten, welche für dreihundert Thaler, außer ihren eignen sechs Jahren, noch weitere sechs Jahre freiwillig dienten. Diese alten Soldaten nun wurden dazu auserlesen, die säumigen Steuerzahler zu ihrer Pflicht zu bringen, und wenn es in Leipzig hieß »Der Schütze kommt«, so wußte jedes Kind, was dies zu sagen hatte.

Wenn also irgend Jemand mehr als billig mit den Steuern im Rückstand war und die erste Mahnung eines Rathsdieners, an welchen die Mahngebühr im Betrage eines Sechsers (sechs Pfennige) zu entrichten war, unberücksichtigt ließ, so erhielt er nach einigen Wochen den mit Schwert und Patronentasche umgürteten »Schützen« (in Leipzig standen Schützen und Jäger) zum Besuch. Derselbe mahnte wieder und hatte einen Betrag von 25 Pfennigen oder zwei gute Groschen zu erhalten. Blieb auch diese Mahnung ohne Erfolg, so erschien der Krieger wieder, diesmal aber mit dem Gewehr, und mußte nunmehr 75 Pfennige Mahngebühr erhalten, vorausgesetzt natürlich, daß sie der Säumige hatte oder bezahlte. Lud aber auch auf diese Mahnung der Schuldige nicht schleunigst ab, so erschien — der kriegerische Mahner mit Ober- und Untergewehr, den Tornister feldmäßig gepackt, den Kriegshut (Tschacko) auf dem Haupte, zum letzten Mal und forderte den Tribut der Landesverwaltung sofort! — Erhielt er aber denselben wiederum nicht, so — — — quartirte sich der edle Krieger ganz einfach bei dem Schuldner ein, verlangte Bett und reichliche Atzung und — blieb so lange, bis — eben gezahlt wurde. Daß bei dieser Methode mancherlei sehr komische Intermezzi mit unterliefen, ist selbstverständlich, und da mir aus meiner Jugendzeit eines derselben, weil es in unserem eigenen Haushalte passirte, besonders erinnerlich ist, so sei es den Lesern dieses Heftes mitgetheilt.

Meine Eltern bewohnten damals für den Miethzins von 80 Thaler die ziemlich geräumige erste Etage (Was würde dieselbe wohl jetzt Miethe kosten?) eines Hauses in der Petersstraße und bei uns hatte ein Zimmer mit Alkoven der akademische Maler O. M. als Chambergarnist inne. Das persönliche Besitzthum dieses ebenso talentvollen wie leichtlebigen jungen Mannes bestand aus einem sogenannten guten Anzug, der aber auch eigentlich sein einziger war; denn einige sonst noch vorhandene Unaussprechliche besaßen derartige Defecte, daß er, wenn er dieselben für den häuslichen Gebrauch anlegen wollte, oft ernstlich im Zweifel darüber war, zu welchem Loch er hinein schlüpfen sollte. Außer diesem Anzug besaß der Edle noch einen alten menschenfreundlichen Schlafrock — menschenfreundlich in der Beziehung, als er dem Besucher die vorerwähnten Defecte wenigstens einigermaßen verhüllte, obwohl dieselben den glücklichen Besitzer durchaus nicht genirten. Nennen wir nun noch einige, nicht zweifellose Hemden, Strümpfe, ein halbes Dutzend Vatermörder, ein Paar niedergetretene ehemalige Hausschuhe, vulgo Laatschen, einen türkischen Fez, eine lange Tabakspfeife und einen Stiefelknecht, sowie ein Paar roh zusammengeschlagene Latten (stolz von ihrem Besitzer Staffelei genannt), Pinsel und eine Anzahl meist zerbrochener Farbentöpfe, so glauben wir von seinem Reichthum nichts vergessen zu haben. Halt! Etwas haben wir doch vergessen! Seinen unverwüstlichen Humor, welcher ihn befähigte, das Leben stets nur von seiner Lichtseite zu betrachten, sowie eine Beredsamkeit, die jede andere absolut zum Schweigen brachte und ihn oft genug siegreich aus Situationen zog, welche peinlich zu werden drohten. Brachte er es doch fertig, einst seinem als sehr grob bekannten Schneider, nachdem derselbe Jahr und Tag auf die Bezahlung seiner Rechnung gewartet hatte und mit seiner massivsten Grobheit anrückte, durch seinen bald schmeichelnden, bald herzbrechend klingenden Zungenschlag nicht blos zu noch längerem Warten zu vermögen, sondern ihm — ach derselbe wußte nicht, was er that — — noch um zwei Thaler anzupumpen. Niemand vermochte eben dem lustigen und luftigen Gesell ernstlich oder gar dauernd Gram sein. Selbst mein Vater, der in Geldsachen etwas skeptischer Natur war, unterlag seinem Zauber, von meiner Mutter mit ihrem guten mitleidigen Herzen gar nicht zu reden. Hatte er Geld, so kamen allerdings seine Wirthsleute zuerst daran, dann aber flog es in alle Winde — und Steuern? — Lieber Gott! Steuern betrachtete er als ihm widerrechtlich auferlegten Tribut, gegen welchen sich, wie er sagte, seine innerste Natur empörte — deshalb bezahlte er solche schon aus Prinzip nicht. — — Diese letztere löbliche Eigenschaft war denn auch sowohl der Steuerbehörde wie den mahnenden Soldaten hinreichend bekannt, und wenn daher auch der Name O. M. bei jeder neuen Steuerrate mit größter Pünktlichkeit stets wieder auf der Restantenliste figurirte, so strichen erfahrene Mahner eben denselben einfach an und ersparten sich ein für allemal den für sie und den Staat vollkommen unnützen Weg. Nur wenn einmal unter den militairischen Plagegeistern neue, mit ihrer Kundschaft nicht Vertraute eingestellt worden waren, passirte es wohl, daß ein solcher, getrieben von löblichem Pflichteifer, eine neue Attaque auf den leider stets leeren Geldbeutel des Malers machte, mit welchem Erfolg, wird der Leser gleich erfahren. — — —

Es war in der Dämmerstunde eines regnerischen Herbsttages, als wir Zwei — ich war nämlich ein Specialfreund von O. M. — in dessen Stube zusammen waren. Er lag, in den Schlafrock gehüllt, den Fez auf dem lockigen Haupte, in keineswegs malerischer Pose auf dem Sopha, ich saß auf dem hölzernen Tritt an den Fenstern. Zwischen uns herrschte momentanes Schweigen und zwar aus gutem Grunde, denn wir waren Beide mit der Vertilgung je einer riesigen Fettbemme eifrig beschäftigt, wie dieselben in solcher Größe und Dicke nur meine sparsame Mutter uns Kindern servirte. Diesmal aber war, wie schon oft, unter »uns Kindern« auch wiederum unser Chambergarnist gewesen, denn Mutter hatte seine beredten Blicke bei Austheilung der Bemmen an uns sehr richtig verstanden und ihm ebenfalls eine geschmiert, die er nun mit dem Appetit eines gesunden sechsundwanzigjährigen Mannes verzehrte. Sein Geldbeutel befand sich eben wieder einmal im Zustande vollständiger trostloser Leere, was Wunder, daß ihn das knusprige Bauernbrod von der Größe eines mäßigen Wagenrades, sowie das delicate Schinkenfett auf das Verführerischste in die Augen lachten?

Eben war der letzte Bissen unter dem vollen, blonden Schnurrbart meines Freundes verschwunden, und er angelte mit der Rechten nach der herabgerutschten langen Pfeife, da erklangen auf dem Flur draußen harte Tritte, eine derbe Hand pochte an die Thür, und ehe noch M. »herein« rufen konnte, öffnete sich dieselbe. Herein trat in oben beschriebener vollständiger Ausrüstung ein Schütze. Derselbe schloß die Thür hinter sich und begann seinen Vers herzusagen: