So gab es kein Haus der Stadt, in welches nicht wenigstens einer oder der andere der Handelsjuden eingedrungen wäre, und überall sah man den stets demüthigen und bescheidenen Mann gern, so daß Viele, als dieser Hausirhandel verboten wurde, die alten Geschäftsfreunde sehr vermißten.

Dabei war es oft rührend und erhebend, auch für Andersgläubige, mit anzusehen, mit welcher Strenge gerade diese alten, oft so schmierigen Juden, trotz ihrer Sucht, um jeden Preis Geschäfte zu machen, ihre religiösen Feste feierten und streng die für dieselben vorgeschriebenen Satzungen hielten.

Wie bekannt, fallen gerade in die Hauptzeit der Michaelismesse die höchsten Festtage der Israeliten.

Zuerst das Neujahrsfest mit seinem zweiten Tage, dann das Versöhnungsfest, das Laubhüttenfest und dessen zweiter Tag, dann das Fest Laubhüttenende und zuletzt das Fest Gesetzesfreude.

Da sah man, was man sonst nie sah, auch den Aermsten und Unscheinbarsten der Juden die Geschäfte vollständig ruhen lassen und nicht blos die besten Kleider hervorsuchen, sondern — — in weißer Wäsche erscheinen. Privatsynagogen mit zum Theil theuren Eintrittspreisen wurden eröffnet. Auf dem damals ebenfalls noch nach der Promenade zu abgeschlossenen Eselsplatz (jetzt Ritterplatz) und in vielen Höfen der Ritterstraße und des Brühls erstanden die Laubhütten, und ungeachtet des öfteren Zudranges Andersgläubiger und deren nicht immer tactvollen Benehmens verrichteten die strenggläubigen Juden hier ihre Gebete. Manchem, der herzugekommen war, sich lustig zu machen, erstarb angesichts der Glaubenstreue und ruhigen Ausübung ihrer Religionsgebräuche das lose Wort auf der Zunge. — — — Wer nun aber, sowohl aus der Sparsamkeit, wie aus dem übrigen Benehmen dieser Handelsjuden etwa geschlossen haben würde, daß dieselben alle arm oder mittellos gewesen wären, der würde sich sehr getäuscht haben und erstaunt gewesen sein, wenn er erfahren hätte, daß viele dieser Leute mit Tausenden von Thalern in ihren schmierigen Brieftaschen hierher nach Leipzig zur Messe kamen und außerdem oft noch über bedeutende Credite bei den hiesigen Bankiers verfügten.

Durch das Zuchthaus- oder, wie es eigentlich hieß, das Georgenpförtchen gelangte man an eine steinerne Treppe, welche auf den Wall der früheren Stadtbefestigungen führte. Hier stand auf der rechten Seite bis an das Grimmaische Thor eine Reihe ganz gleicher einstöckiger Häuschen — genau wie von der Magazingasse bis zum Petersthor. Nur ein sehr schmaler Pfad zog sich vor den Häuschen, Peters- und Grimmaischer Zwinger genannt, hin, auf der andern Seite fiel der Stadtgraben, damals schon durch den Schwanenteich hier beim Brühl verdrängt, steil hinab.

Dem Georgenhaus gegenüber stand die alte, mit einem an der Ecke der Ritterstraße vorspringenden Thurm versehene Heuwaage. Auch die unteren Theile der Ritter- und Nicolaistraße waren zur Meßzeit fast durchgängig Massenquartiere von Handelsjuden.

Die meist noch im alterthümlichen Kreuzbogenstile gebauten Gewölbe, sämmtliche Höfe und alle Straßen steckten voll Verkäufer und zwar dominirte zwischen Nicolai- und Katharinenstraße die noch jetzt bedeutende Rauchwaarenbranche, von dort an kamen die Manufactur-, Seiden- und Weißwaaren, und im oberen Brühl, mit der Leinwandhalle, dominirte die Leinenbranche. Auch Buden waren auf dem Brühl aufgestellt, und das Gewühl war zur Meßzeit oft geradezu lebensgefährlich. Am Ende des Brühls gen Westen, da wo jetzt die Tuchhalle steht, stand bis Mitte der vierziger Jahre ein lebhaft frequentirter Gasthof mit Ausspannung, »die goldene Gans«. Der Besitzer derselben hieß Peter und wurde daher von Jedermann »Gänsepeter« genannt.

Das melodische »Nix zu handeln« des polnischen Trödeljuden tönt schon längst nicht mehr durch Leipzigs Straßen — auch der Trödeljude ist vornehm und sässig geworden, die öffentlichen Laubhütten zur Michaelismesse sind verschwunden — verschwunden das alte Meßtreiben auf dem Judenbrühl und der Stadt überhaupt, wie lange wird’s noch dauern und die ganze Leipziger Messe wird, wie der alte Judenbrühl, zur Mythe?

XXI.
Unter den Buden.