Noch länger als elf Jahre lebte der alte Soldat, und da es seine Tochter verstand, kunstvoll zu sticken und zu nähen, so hatten Beide im Verein mit seiner Pension ihr einfaches, aber genügendes Auskommen.

Im Jahre 1834 starb der Alte, und die junge Frau stand nun ganz allein auf der Welt. Da ihr leichter Irrsinn vollständig harm- und gefahrloser Natur war, so ließ man sie ruhig gewähren, sie fand unter den vielen reichen in Leipzig wohnenden katholischen Glaubensgenossen willige und gutbezahlende Abnehmer für ihre Stickereien und außerdem reiche Unterstützung durch Geld und Ueberlassung bereits getragener, oft noch sehr werthvoller Kleidungsstücke. Daher kam es auch, daß sie oft solche trug, deren Eleganz und Werth in keiner Weise mit ihrem Stand als Stickerin harmonirte. Im Laufe der Jahre aber bildete sich noch ein anderer Erwerbszweig bei ihr aus, der ihr zwar, wie man sagt die Kundschaft der Damen bis zu den höchsten Gesellschaftskreisen Leipzigs verschaffte, sie aber auch leider mehrfach in Conflict mit den städtischen Behörden brachte; sie wurde nämlich eine bekannte und sehr gesuchte Kartenschlägerin, und manche als feingebildet und besonders geistreich bekannte Dame — man sagt sogar, daß auch die Herrenwelt diese Dienste der Hiersemusen gern in Anspruch nahm — lauschte heimlich im verschlossenen Gemach den Glück oder Unglück aus den bunten Blättern verkündenden geheimnißvollen Worten der stets kalt und düster blickenden Sybille. — — —

So trieb die Hiersemusen ihr stilles Wesen viele Jahre lang. Ob Alles sich auch nach und nach um sie herum veränderte — sie blieb sich gleich, und wenn man sie auch einmal monatelang nicht gesehen hatte und sie als todt betrachtete, so belehrte Einen der oft plötzliche Ruf auf der Straße »De Hierschemusen« eines Andern.

Aber in ihren Verhältnissen trat mit dem zunehmenden Alter doch allmählich eine große Veränderung ein, ihre alten Freunde und Kunden starben dahin, andere Kartenschlägerinnen, die vielleicht besser lügen konnten als sie, machten ihr auch hier erfolgreich Concurrenz, und so trat nach und nach die bittre Noth an sie heran, ihr Geist verwirrte sich mehr und mehr, dazu kam körperliches Leiden, und es war somit ein Glück für sie, als sich der Rath ihrer als Bürgersehefrau annahm und sie als Versorgte Anfang der siebenziger Jahre im städtischen Georgenhaus unterbrachte. Fast noch ein volles Jahrzehnt lebte sie hier still und friedlich, bis sie am 31. August 1879 im hohen Alter von 73 Jahren verschied.

XX.
Der Judenbrühl.

Wenn auch der Leipziger Brühl zum Theil jetzt noch ein lebhaftes Verkehrsleben und in seinem östlichen Theile eine vorwiegend orientalisch-israelitische Färbung zeigt, so hält die Jetztzeit doch nicht im Geringsten bezüglich dieses israelitischen Charakters des Brühls einen Vergleich mit der Zeit vor fünfzig Jahren und länger aus. Die schroffen Gegensätze zwischen Christen- und Judenthum sind wesentlich mildere geworden. Die Zeiten, in denen außerhalb der Messen den Juden der Handel, ja selbst der Aufenthalt in Sachsen untersagt oder wenigstens sehr erschwert war, sind längst einer milderen Gesetzgebung gewichen. Die Messen sind in ihrem riesigen Verkehr aller Völker unter einander ungeheuer zurückgegangen, der früher freie jüdische Meßhandel in allen Straßen der Stadt ist eingeschränkt worden, und so ist es kein Wunder, daß auch der alte frühere Judenbrühl, der früher allein eine hervorragende Sehenswürdigkeit Leipzigs zur Meßzeit bildete, den Charakter als Mittelpunct des specifisch jüdischen Handelsverkehrs längst verloren hat. Früher theilte man unsern Leipziger Brühl in drei Theile. Der westliche, von der Hain- bis zur Katharinenstraße, hieß der obere, der mittlere, von Katharinen- bis Nicolaistraße, der Herrenbrühl und der untere östliche Theil, bis zum damaligen Georgenhause, hieß der Judenbrühl. Zur Meßzeit aber wurde der ganze Brühl in der Regel »Judenbrühl« genannt. Der Brühl sah damals noch etwas anders aus als jetzt. Er bildete an seinem östlichen Ende, also nach der jetzigen Goethestraße zu, eine Art Sack-Gasse, welche auf der einen Seite das alte finstere Georgenhaus, ein altes burgähnliches Gebäude und rings umgeben von hohen Mauern, abschloß. Das Georgenhaus sprang ziemlich weit in die Straße hervor; über seinem Thore sah man die Legende des weiland Ritter Georg, wie derselbe einen Lindwurm fein säuberlich aufspießt, in Stein gehauen. Das Georgenhaus selbst bildete früher einen hervorragenden Theil von Leipzigs Befestigungen; zur damaligen Zeit aber war es Arbeitshaus. Man erzählte damals, daß hier in jenen stillen Räumen der Stock gar namhafte Erziehungs- und Besserungsresultate geliefert habe. Außer diesem Erziehungsinstitut befand sich im Georgenhaus noch das städtische Waisenhaus und die damals nur primitiven Anstalten zur Aufnahme Blöder und Irrer.

Als die Eisenbahnen im Entstehen waren, gab es unter den jüdischen regelmäßigen Meßbesuchern solche, welche mit Ausnahme ihrer in Leipzig zu den Messen verlebten Zeit fast die ganze übrige Zeit auf der steten Reise von und nach Leipzig begriffen waren. Denn da diese Handelsjuden den Grundsatz hatten, möglichst billig zu reisen, so kam es bei ihnen weniger darauf an, daß dies auch möglichst schnell geschah. Die Gelegenheiten, die sie deshalb theilweise benutzten, um von und nach Leipzig zu kommen, waren denn auch sehr verschieden, oft originelle. So kannte ich einen alten Juden aus Russisch-Polen, der länger als 30 Jahre seine Reise zur Neujahrsmesse nach Leipzig thatsächlich auf der Pritsche des Schlittens eines besser situirten Glaubensgenossen gemacht hatte. Wenn man bedenkt, daß der Schlitten in Eis und Schnee, Sturm und oft bedeutender Kälte Wochen zu seiner Tour bedurfte, und daß die Lebensweise des Pritschenfahrers dabei in der Regel eine sehr spärliche war, kann man eine solche Leistung wohl als eine hervorragende betrachten. Andere Juden kamen mit gewöhnlichen Frachtwagen, sie warfen ihr bescheidenes Reisebündel auf dieselben und liefen bergan nebenher, bergab saßen sie hinten auf. Es war schon eine Art Aristokratie der Judenschaft, welche sich dazu verstieg, in Gemeinschaft einen mit elenden Brettersitzen ausgestatteten gewöhnlichen Leiterwagen zu nehmen, der dann mit Menschen aufs Aeußerste vollgepfropft wurde. Den höchsten Adel aber bildeten diejenigen, welche sich bis zu einem gemeinschaftlichen, altersschwachen Omnibus aufgeschwungen hatten, bei welchem dann sogar die äußeren Wagentritte je einen zahlenden Passagier aufnehmen mußten.

So kamen sie an — jeden Donnerstag vor der Vorwoche einer jeden Messe, und auf dem Plauenschen Platz, vor dem damaligen alten Leihhause, wo jetzt die Pferdebahnwartehalle an Tscharmann’s Hause steht, da lud der glückliche Fuhrmann, meist selbst ein polnischer Jude, seine glänzenden Passagiere ab. Glänzend in des Wortes verwegenster Bedeutung, denn die langen bis zu den Füßen reichenden Kaftane, wie die langen Schafpelze und die runden Käpsel, die gerollten langen Haarlocken, Prösen genannt, die scharf gezeichneten Gesichter und die listig blickenden Augen — Alles glänzte — erstere vor Fett und Schmutz, letztere von der Hoffnung auf »ä faines Geschäftche!«

Und die außer den Messen meist leeren Räume der Hinterhäuser des Judenbrühls füllten sich. — In einer einzigen Stube, oft nur auf Strohsäcken und Decken als Lagerstätte, »logirten« oft zehn und mehr dieser erwerbsbeflissenen Kinder Israels, und kaum war der Montagmorgen der ersten Meßwoche angebrochen, so stürzten sich alle mit Todesverachtung ins Geschäft, und der melodische Ruf der Handelsjuden tönte durch alle Straßen unseres guten Leipzigs. Die sparsamen Hausfrauen Leipzigs kramten in allerlei abgelegten Sachen, legten nicht mehr repräsentations- und nicht mehr die Reparatur vertragende Kleider- und Wäschestücke, zu eng gewordene Westen des gutgepflegten Ehegatten, Beinkleider mit den unmöglichsten Defecten, verbogenes Zinn- und Kupferzeug, sorgsam zu diesem Zwecke aufgesparte Hüte und was nur noch einigermaßen verwerthbar erschien, auf einen Haufen zusammen, dabei beflissen, jeden Gegenstand in ein möglichst günstiges Licht zu stellen, und erwarteten nun ihren alten Bekannten aus Polen mit klopfendem Herzen. Sie wußten, Veilchen Rosenduft kaufte zwar Alles, was nur überhaupt noch verwerthbar erschien, aber — er war auch zäh, zäh wie Hosenleder, und unglaubliche Zungenschlachten, bei denen von Seiten der zarten Frauen nicht immer salonfähige Worte fielen, die aber Veilchen Rosenduft, jeder Zoll ein Grande Seigneur, stets mit größter Honigsüße vergalt, wurden geschlagen, bis Veilchen den Sieg behielt und die erbeutete Trophäe in Gestalt eines Hosenpaares etc. seinem Museum derartiger Sachen einverleibte.

Seine intime Freundschaft mit Bruder Studio haben wir bereits geschildert, und so beschränken wir uns darauf, zu constatiren, daß auf diese Weise durch die sich innerhalb vier voller Meßwochen riesig anhäufenden Massen von alten und ältesten Kleidern die ohnehin aufs Aeußerste beschränkten Logis der Kinder Israel allmälig so vollgepfropft wurden, daß ein Anderer als diese Leute es für eine blasse Unmöglichkeit erklärt haben würde, in denselben auch nur eine Stunde zuzubringen. Die glücklichen Bewohner aber schienen sich sehr wohl dabei zu befinden. Nun entwickelte sich aber auf dem Judenbrühl der Handel der Trödeljuden wieder unter sich um die den Leipzigern erst abgekauften Sachen. Hier war vom lebensmüden, bis zur Entstellung mit Beulen versehenen Cylinder bis zum hocheleganten, wenn auch etwas verblaßten seidenen Schuh der Prima Ballerina und vom zinnernen Löffel mit verbogenem Griff bis zum schweren silbernen Eßbesteck und gigantischen Armleuchter Alles zu sehen, was nur überhaupt transportabel war. — Es fanden sich auch Käufer aus der Bürgerschaft bis zum Gelehrten, der auf irgend ein altes hierher verschlagenes seltenes Buch bot; ein allgemeines Handeln, Feilschen, Schachern vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht entwickelte sich auf diesem Theile des Judenbrühls. Die meisten der eingekauften alten Sachen gingen nach Rußland und Polen, wo dieselben entweder gereinigt und reparirt ihrer ursprünglichen Bestimmung aufs Neue wieder zurückgegeben oder zu allen nur möglichen andern Sachen umgearbeitet wurden. — Wie der verbogene Kupferkessel als goldglänzender preußischer Dreier vielleicht dieselben Hände wieder passirte, die ihn gefertigt und als unbrauchbares Möbel verschleudert hatten, so erschienen hunderterlei Gegenstände auf der nächsten Messe wieder in totaler Umgestaltung, und nichts gab es für den Trödeljuden, das nicht wenigstens zu Etwas gut gewesen wäre. So konnte es beispielsweise vorkommen, daß der frühere glückliche Besitzer einer defekt gewordenen Hose, welche er froh war einem Juden »aufgehalst« zu haben, nächste Messe auf dem Brühl eine Anzahl in den verschiedensten Façons schwungvoll gearbeiteter Mützen, an dem besonderen Stoffmuster, als aus den Beständen seine frühere Hose deutlich wiedererkannte; und der Häringsbändiger, dessen Locken jetzt eine solche Mütze bedeckte, ahnte nicht, daß gerade ihre Bestandtheile früher das Hintertheil der Hose seines erbittertsten Nebenbuhlers in der Gunst irgend einer Schönen gebildet hatte.