So entstanden und schwirrten die Gerüchte über die Hierschemusen in unserm Leipzig hin und her, eins immer unsinniger als das andere — bald sollte sie die Tochter eines russischen Fürsten, bald die verlassene Geliebte irgend eines exotischen Prinzen sein — und woben allmählig um die arme Person einen Nimbus, der in keiner Weise gerechtfertigt war. Auch der Name Hiersemus war ihr vom Volksmunde verliehen, kein Mensch kannte sie unter einem andern, außer einigen Eingeweihten des Polizeiamtes. Und was verbarg sich schließlich hinter diesem Namen und dem um sie gewobenen Sagenkreis? Die alte, einfache Geschichte einer armen, verlassenen Frau, die sich ihr Unglück in den Kopf gesetzt und ihren harm- und gefahrlosen, zeitweiligen Irrsinn nur dadurch documentirte, daß sie consequent im Sommer Winterkleidung und im Winter Sommerkleidung trug. Von schlanker Gestalt, mußte sie trotz einiger Sommersprossen im Gesicht in ihrer Jugend sicher nicht unschön gewesen sein, und fast dreißig Jahre lang bemerkte man fast keinerlei Veränderung an ihr.
Wer aber war sie und wie war ihr Lebensgang?
Frau Amalie Auguste Stalzer, dies war der richtige Name der Hiersemusen. Ganz merkwürdiger Weise läßt sich auch nicht der allergeringste Anhaltepunkt darüber finden, wie der Volksmund darauf gekommen ist, gerade den seltsamen Namen Hiersemus für sie zu wählen. Zwar war in früheren Zeiten diese jetzt fast ganz von der Volksspeisekarte verschwundene Speise ein Leibgericht der Leipziger, und auf der Menukarte der städtischen Speiseanstalt fungirte »Hirsemus mit Syrup« oder »Hirsemus mit Pflaumen« früher fast jede Woche einmal und ist auch jetzt noch dann und wann auf ihr zu finden; allein in welche Verbindung der Volksmund jene Unglückliche mit seinem alten Leibgericht gebracht hat, ist unerfindlich und wird wohl nun auch niemals ergründet werden.
Die Hiersemusen war im Jahre 1806 in Breslau geboren und in der katholischen Religion erzogen worden. Ihr Vater war Stadtsoldat, hieß Josef Sattler und war aus Olmütz gebürtig. Er wurde nach Auflösung der Truppe der Stadtsoldaten pensionirt und starb in Leipzig im Jahre 1834.
Jungfrau Amalie Auguste Sattler soll von hervorragender Schönheit und Lieblichkeit gewesen sein, worauf selbst ihr Aussehen noch als Vierzigerin und Fünfzigerin hindeutet, insbesondere sollen ihr ein Paar prächtiger blauer Augen und eine Fülle goldblonden Haares schon sehr frühzeitig Massen von Bewunderern zugeführt haben. Unter all diesen Bewerbern zeichnete sich besonders der damalige junge Bürger und Cigarrenhändler Anton Stalzer aus, und da er trotz der Armuth und des niederen Standes des jungen Mädchens seine Bewerbungen auf das Eifrigste betrieb und als Bürger — welche Eigenschaft damals eine gewisse höhere gesellschaftliche Stellung bedeutete als jetzt — der Vielumworbenen eine gesicherte Existenz bieten konnte, so sagte Amalie Auguste, zumal da auch ihr Herz dem jungen hübschen Mann freudig entgegenschlug, gern ja und wurde bereits 1822, also kaum 16 Jahre alt, das Weib des geliebten Mannes. Glückstrahlend zog sie am Arme des Geliebten in das ihr von demselben bereitete Heim, und auch ihr alter Vater war glücklich, sein einziges Kind wohl versorgt zu wissen. — —
Aber Vater und Kind hatten sich in dem jungen Ehemann bitter getäuscht. Seine Verhältnisse waren längst total zerrüttet, und nur um die Geliebte zu besitzen, hatte er Alles aufgeboten und es wohl verstanden, diese Zerrüttung vor Jedermann sorgfältig zu verbergen. Aber als er sein Ziel erreicht hatte, ward er zum offenbaren Schurken, und kaum ein Jahr nach der fröhlich gefeierten Hochzeit verschwand Stalzer für immer aus Leipzig, Alles mit sich nehmend, was er nur konnte, sogar die geringen Sparpfennige des alten Soldaten, und seine junge kaum 17 jährige Frau in tiefster Noth und Verzweiflung zurücklassend.
Er blieb für immer verschollen.
Die junge Frau fiel in eine langandauernde, schwere Krankheit, und als sie endlich von des alten Invaliden väterlicher Hand sorgsam gepflegt vom Krankenlager wieder erstand, da war nicht blos der größte Theil ihrer körperlichen Schönheit vernichtet, sondern auch ihr Geist umnachtet oder doch für immer getrübt.