Am 16. April wurde die neue Halle für die Landfleischer eröffnet und dem Verkehr übergeben. — Jetzt Gebäude der permanenten Industrie- und Gewerbeausstellung am niedren Park, gegenüber der neuen Börse.
Omnibusse.
Am 12. August trat die Omnibusgesellschaft »Heuer« ins Leben und wurde dies Unternehmen allgemein mit hoher Freude begrüßt. Die ersten eröffneten Linien waren Reudnitz (grüne Schenke), Lindenau (Drei Linden) und Plagwitz (Insel Helgoland), später entstand noch als Concurrenzgesellschaft die »Fiacer-Compagnie«, welche nach jahrelanger erbitterter Concurrenz schließlich das Feld allein behauptete, bis auch sie vor der 1872 erscheinenden Pferdebahn den Betrieb einstellen mußte. Die Touren erstreckten sich zuletzt auf alle jetzigen Vorstadtdörfer. Der Preis pro Tour betrug 15 Pfg.
Pulverhäuser.
Am 17. August wurden die alten Pulverhäuschen vom damaligen Judengottesacker im Johannisthal — (jetzige Sternwarte) — entfernt und auf das Feld gegenüber dem Napoleonstein verlegt.
Hagelwetter.
Am 27. August, Abends 7 Uhr, kam ein großes Hagelwetter über unsere Stadt. Nachdem am Nachmittag eine sengende Gluth geherrscht hatte, färbte sich der Himmel plötzlich in beängstigender Weise roth und gelb und ebenso plötzlich ging das Unwetter los. Es erstreckte sich von Corbetha bis Wurzen und zwei Stunden in der Breite. Obwohl das Unwetter nur wenige Minuten anhielt, waren dennoch seine Folgen ungeheure. Auf den östlichen Seiten der Leipziger Straßen und Plätze waren die sämmtlichen Fensterscheiben zerschlagen, und die Dachziegel und heruntergefallenen Essenköpfe lagen über eine halbe Elle hoch auf den Straßen. Fiacer und Droschken mußten in die erste beste Hausflur hineinfahren, um nur die Pferde vor den faustgroßen Hagelstücken zu retten, die Wagenleder aber waren meist durchgeschlagen. Allein in dem damals noch sehr kleinen Dörfchen Lindenau zählte man 16955 zertrümmerte Fenster. Auf den Straßen sah es aus als ob Revolution gewesen wäre. Aus den Fenstern wehten die ebenfalls theilweise zerfetzten Gardinen heraus, die durchlöcherten Firmen hingen in Fetzen herab und die Keller waren mit Wasser angefüllt, das sogar in den Verkaufsläden der innern Stadt theilweise über eine Elle hoch stand. Die Schloßenstücken wogen bis zu 10 Loth (170 grm.). Da die Michaelismesse unmittelbar bevorstand, so mußte der Schaden, ohne Rücksicht auf die bedeutenden Kosten, so schnell wie nur irgend möglich, reparirt werden und Glaser, Schiefer- und Ziegeldecker erhielten sechs- und achtfache Löhne. Von allen Seiten der Windrose eilten auf diese Kunde die Arbeitskräfte herbei, aber trotzdem bedurfte es wochenlanger Arbeit, um die Schäden wenigstens einigermaßen zu ersetzen.
XXIV.
Eckensteher und Nachtwächter vor 40 Jahren.
Mit dem Jahre 1860 erlosch auch das denkwürdige Institut der sogenannten privilegirten »Eckensteher«, der Vorläufer unsrer jetzigen Dienstmänner. Wer hätte wohl noch nicht wenigstens traditionsweise von den Eckenstehern mit ihrem unverwüstlichen, an Faulheit grenzenden Phlegma, ihrer denkwürdigen »Bulle« und ihrem meist sehr schlagfertigen Mutterwitz gehört. Sie hatten ihre Standorte, wie schon ihr Namen ergiebt, an den Ecken der Straßen und Plätze, waren vom Rathe der Stadt verpflichtet und trugen am linken Arm das Zeichen ihres Standes, die ihnen vom Rathe zugetheilte Nummer. Naturgemäß gab es gute und mindergute sowie schlechte Plätze und auch hier war der Gewerbebetrieb genau geregelt, dergestalt, daß neue Anfänger stets zuerst die schlechtesten Plätze nehmen mußten. Wurde ein besserer Platz durch Tod oder sonstigen Abgang seines bisherigen Inhabers vacant, so rückten die Andern genau in ihrer Reihenfolge nach. Doch gab es auch Eckensteher, welche ihre alte liebgewordene Ecke um keinen Preis vertauschten. Diese wurden dann ein für allemal übersprungen. Dadurch kam es, daß diese Eckensteher sich nicht nur im Laufe der vielen Jahre, in welchen sie meist ihre Stellen inne hatten, eine feste Kundschaft herangebildet hatten, sondern auch jeden einzelnen Bewohner ihres Rayons genau kannten, mit seinen Verhältnissen oft genauer vertraut waren als manchem lieb war und daß auf diese Weise die Eckensteher sowohl eine Art lebendigen Adreßbuches wie ziemlich zuverlässigen Auskunftsbureau bildeten. Wahrhaft bewundernswerth war ihre außerordentliche Vielseitigkeit in Leistungen. So waren eine große Anzahl jener Eckensteher am ganz frühen Morgen »Milchmädchen«, am Tage dann Eckensteher und Abends »Kegeljungen«, bei besonders stillem Geschäftsgang nahmen sie auch wohl an kegelfreien Abenden den Hebekorb mit Brezeln und durchschritten unter dem melodischen Rufe »Warme weeche Brezeln — warme weeche!« die Straßen. Noch andre von ihnen hatten sich sogar zu Amt und Würden aufgeschwungen, indem sie Abends halb zehn Uhr zum Naschmarkt zogen, wo sie die Attribute ihrer amtlichen Würde — Mantel, Spieß und Horn empfingen und nun hinauszogen in das ihnen angewiesene Revier, um daselbst für die Nachtzeit als Auge des Gesetzes zu fungiren und als ehrsame Nachtwächter über Schlaf und Eigenthum ihrer Mitbürger zu wachen.
Würdevoll — die Beine gespreizt, den langen Spieß in der Rechten, das kleine Horn an der linken Seite, während noch ein großes Horn auf ihrem Rücken herunterbaumelte — schritten sie, wenigstens so lange die Straßen belebt waren, dahin und regelmäßig bei jedem Stundenschlag gaben sie der aus irgend einem Grunde noch wachenden Bewohnerschaft ein lautes Zeichen ihrer Wachsamkeit, indem sie ins Horn stießen und je nach der Stunde einen Vers sangen, worauf wiederum ein Hornstoß ihre Kunstleistung beschloß. Der punkt Zehn Uhr zu singende Vers war so ziemlich überall derselbe — er lautete: