»Hört Ihr Herrn und laßt Euch sagen —

S’hat zehn geschlagen —

Bewahrt das Feuer und auch das Licht —

Daß kein Schaden gesch—iecht —

Lobt Gott den Herrn!«

Bei dem Absingen der späteren Stunden bis zum Ende der Nachtwache, die im Sommer bis Morgens vier, im Winter bis fünf Uhr Morgens dauerte, blieben die Strophen 1, 2 und 5 dieselben, die 3. und 4. Strophe aber war je nach der Stunde eine andere, meist der Dichtkunst und Phantasie der einzelnen Nachträthe (so wurde der Nachtwächter vom Bruder Studio genannt) überlassen. Daß der Eckensteher auch zugleich der Vertraute aller Sorten von Liebespaaren war und vorzüglich mit der studentischen Bevölkerung auf dem verständnißinnigsten Fuße stand, versteht sich von selbst. Er kannte die Uhren und sonstige für das taxirende Auge menschenfreundlicher Gelddarleiher irgend einen Werth habende Besitzgegenstände seiner studentischen Kundschaft genau und wußte mit gefühlvollem Herzen stets Rath, wenn es galt, einen dieser Gegenstände auf einige Zeit an einen Ort stiller Beschaulichkeit zu versetzen, wenn sein Client, was freilich sehr oft vorkam, an der Schwindsucht seines Geldbeutels laborirte. —

Sittigen Bürgerstöchtern und sonstigen mit Schönheit begabten Huldinnen wußte er geschickt die liebesglühenden Brieflein girrender Handlungscommis oder studirender Ganymed’s zuzustecken, mochten auch gegen das Liebesglück ihrer Töchter unempfindliche Väter und eifersüchtige Mütter das ehrsame Jungfer Töchterlein zehnfach bewachen. War man doch damals noch nicht so weit fortgeschritten auf dem Wege der Cultur, um seine Gefühle der Eselswiese der Tagesblätter anzuvertrauen und dieselbe zugleich — wie dies jetzt üblich und jedenfalls gefahrloser ist — als Postillon d’amour zu benutzen. Fanden aber in seinem Rayon Hochzeiten oder Kindtaufen statt, so war es wieder der in sein bestes Gewand gehüllte Eckensteher, welcher der ehrsamen Jungfer Brautführerin oder Gevatterin von ihrem Partner das zierliche Körbchen mit den weißen Handschuhen überbrachte und als Gegengeschenk an seinen Auftraggeber den Rosmarinzweig oder das gestickte Taschentuch mitnahm. — Daß bei all diesen Thaten der biedre Vermittler ebenfalls seine Rechnung fand, ist selbstverständlich. Im Aeußeren sahen sich die Eckensteher so ziemlich gleich, sie trugen dunkle Jacken, Hosen und Westen von starkem baumwollnen Stoff, eine niedrige Mütze, und über die linke Schulter geknüpft das breite Gurtband ihres Schibocks oder Karrens. Im Winter kam noch eine gestrickte Jacke hinzu, die sie dann meist über der Jacke trugen. Ihr unzertrennlicher Begleiter, dem sämmtliche Nasen ein sanftes rosiges Incarnat verdankten, war die »Kümmelbulle«, welche, gleichsam als ihr zweites Herz, in nächster Nähe desselben ihren Platz hatte und deren nie versiegender Inhalt wesentlich zur Unerschütterlichkeit ihres philosophischen Phlegma’s beitrug. Waren nun die Eckensteher in ihrer Eigenschaft als solche wie bereits erwähnt mit der Kundschaft ihres Rayons genau bekannt, so war dies in ihrer Eigenschaft als Nachtwächter, so weit sie diesen Dienst versahen, erst recht der Fall. Sie kannten so ziemlich die sämmtlichen Tugenden und Untugenden sämmtlicher Bürger und sonstigen Bewohner ihres Kreises, so weit sich dies auf deren kleine Liebhabereien bezüglich des Kneipens erstreckte und ließen verständnißinnig bei diesen kleinen Schwächen die weitgehendste Nachsicht walten. Für Manchen aber und hier müssen wir leider immer wieder »Bruder Studio« in erster Linie anführen, waren sie nur zu oft ein wahrer Schutzengel, der für einen sanften Händedruck mit metallischem Klang und ein gutes Zweigroschenstück stets empfänglich, den bezechten und irregehenden Bürger der Stadt oder der Universität, in menschenfreundlichster Weise, die wankenden Piedestale kräftig stützend, unter die Arme griff und sanft heimgeleitete zu Muttern oder der diese Sachen schon etwas ruhiger betrachtenden Wirthin. Nur in seiner amtlichen Ehre, als zum Schutze der Ruhe und Sicherheit verpflichtetes Glied der städtischen Verwaltung, durfte der Gute nicht gekränkt werden und in solchen Momenten, wo ihn Bruder Studio oder andre ulklustige Brüder, auf irgend einem zugstillen Eckchen fanden, wenn er sich einmal auf wenige Augenblicke »innerlich beschaute« und ihm heimtückisch von hinten in’s große Horn bliesen, konnte er sogar die beschworendste Freundschaft total vergessen und »sehre eklig« werden. Leider müssen wir aber bekennen, daß solche Attentate auf die gutmüthigen »Nachträthe« nur zu oft vorkamen, und wenn dann diese Attentäter gar noch behaupteten, er — der würdige und verpflichtete Wächter der Nacht — habe geschlafen, so war es rein aus mit der Freundschaft und mit vorgehaltenem Spieße brachte er die schnöden Verleumder »auf die Wache«.

Das kam aber selten vor, denn der biedre Nachtrath wußte sehr wohl jugendlichen Uebermuth von flegelhaftem Benehmen zu unterscheiden. — Hierbei sei eines heiteren Vorkommnisses gedacht, das Verfasser selbst mit erlebte und das die Gutmüthigkeit der Nachträthe illustrirt. Einer unsrer Freunde hatte nach dem Weihnachtsfest zu Anfang der fünfziger Jahre, früher als er eigentlich zu erwarten hatte, seinen Lehrbrief als nunmehriger Commis nebst einer hübschen runden Summe als Weihnachtsgeschenk bekommen und zur gemeinschaftlichen Feier dieses Ereignisses hatten wir, außer dem Festgeber noch vier oder fünf junge Leute, tüchtig geknippen. Die Folgen dieser für uns damals ungewohnten Kneiperei waren natürlich bei uns allen eine mehr oder mindere Bezechtheit, und in der durch dieselbe hervorgerufenen jugendlich tollen Laune beschlossen wir, der in Lurgensteins Garten wohnenden Angebeteten — natürlich nur per Distanz Angebeteten — unsres Freundes, deren Geburtstag etwa zwei Stunden vorher angebrochen war, ein Ständchen zu bringen. Gesagt — gethan. Einer von uns besaß einen prächtigen lyrischen Tenor, und damit der Lärm nicht zu groß werde, sollte der Tenor das Lied: »Den Frauen Heil« allein singen, während wir andern seinen Gesang mit Brummstimmen begleiteten. Wir schlüpften über die Pleißenbrücke, zogen uns in dem bis an das betreffende Haus reichenden Gebüsch bis an letzteres heran und legten los. Die Geschichte klappte famos. Trotzdem unser Tenor nur halblaut sang, mußten dennoch unsre Stimmen bis in die inneren Gemächer des Hauses dringen, denn eben als wir den zweiten Vers unsres Liedes begannen, sahen wir, wie sich oben an einem Fenster des ersten Stockwerkes eine Gestalt bewegte, das Fenster öffnete und — ach welche Enttäuschung für unsre Gefühle — ein mit irgend einem Etwas gefülltes Gefäß im weiten Bogen nach unserm vermutlichen Standpunkt entleerte. Erschrocken und in allen unsern Gefühlen tief verletzt, brachen wir unser Ständchen Knall und Fall ab und wollten uns eben zurückziehen, da hörten wir, eben aus dem Gebüsch auf die Straße getreten, vor uns an der Hausthür eine pustende räsonnirende Stimme und — ein Nachtwächter, angethan mit Spieß und Horn, stand vor uns. Der Gute hatte den molligen Winkel an der tiefen Hausthür benutzt, um — sich ein wenig inwendig zu besehen — unsern Gesang gar nicht gehört und an unsrer statt die für uns bestimmte nasse Ladung von jenem Undankbaren da oben bekommen.

Nachtwächter.