»Nee«, räsonnirte er pustend und an sich herumwischend, »sollte mer so was glooben? Die denken am Ende gar, ich habe geschlafen — s’is e Skandal — nich e mal so e bischen ausruhn gönn’ se Een. Foi Deibel! Un wer wees was se runter gegossen ham!«

Wir umgaben ihn tröstend und mit ihm auf die da oben räsonnirend — — da — — wie ich so hinter ihm stehe, hängt mir sein großes Horn, welches die Nachtwächter sonst nur zum sogenannten »Feuertuten«, also bei ausgebrochner Feuersgefahr benutzten, so verführerisch vor der Nase, daß ich — wie eine geheime Macht zog’s mich dazu — im nächsten Augenblick das unselige Mundstück desselben gefaßt hatte und zwei — drei schauerliche Stöße aus demselben mit aller Macht meiner gesunden Lunge entlockte. Ach! — Kaum war die grause Frevelthat geschehen, so bangte uns auch vor dem nun zu erwartenden Strafgericht und in seltsamer Uebereinstimmung nahmen wir unsre Force zusammen und rissen aus was nur die Beine leisten wollten.

Jetzt war aber offenbar dem guten Nachtrath die Laus vollständig über die Leber gelaufen, das war ihm doch zu bunt!

Da wir viel zu leichtfüßig waren, als daß er uns hätte einholen können, so gab er auf seinem kleinen Horn wiederholt das Nothsignal. Während nun die Anderen sich rechts nach der Nonnenmühle zu glücklich in Sicherheit brachten, flohen der neuernannte Commis und ich quer über die Promenade und auf das Thomaspförtchen zu und hier erreichte uns die rächende Nemesis. — Schon glaubten wir uns gerettet und lachten über den tollen Streich — da — als wir im schnellsten Lauf uns durch das Pförtchen in Sicherheit bringen wollten, sprang inwendig hinter der Ecke ein zweiter Nachtrath vor, senkte quer über unsern Weg seine lange Lanze und — im nächsten Moment rollten wir in süßer Gemeinschaft mit unsern Sonntags-Nachmittags-Vier-Uhr-Anzügen in den durch aufgethauten Schnee und Regen gebildeten zollhohen Schlamm und wurden die leichte Beute des von uns so tief in seiner Würde gekränkten Nachtrathes.

Aber — o Himmel! Wie sahen wir aus! — Von oben bis unten mit einer wahren Schlammkruste überzogen, in meinen nagelneuen Cylinderhut war der eine Nachtwächter in der Hitze seines Ausfalls mit dem Bein getreten — ade Vierthalerhut — indes der Cylinder meines Freundes in den in der Ecke stehenden Wasserkasten vom Wind hineingetrieben worden war und jetzt sanft auf den Wogen desselben dahintrieb. — Ach, die Vorwürfe zu Hause, und nun gar noch polizeiliche Anzeige — Strafe — Herrgott vielleicht gar Gefängniß — — —!!

Mein Freund weinte bittre Thränen und auch mit mir stand die Geschichte so so. —

Da, wie die beiden Verfolger unsern großen Kummer sahen, entfloh ihr Zorn und ihre Wuth und das Mitleid trat an ihre Stelle. »Da sehn se nu was se angericht ham!« sagte der von mir so freventlich Beleidigte — »na ja sie sein eb’n noch halbe Kinder — — komm se mit — ich wohne gleich hier in der Burgstraße — meine Frau mag aufstehn und sie renevirn — denn so kenn se nich zu Hause gehn.«

Und so wurde es; statt uns anzuzeigen und in Strafe und Ungelegenheiten zu bringen, weckte der Gute sein Weib, dieses stand auf, und während wir behaglich in dem kleinen Stübchen einige Tassen schnell bereiteten Kaffees genossen, trocknete der Schmutz an unsern Sachen am heißen Ofen zur dann leicht zu entfernenden Kruste, und gesäubert konnten wir, noch ehe es völlig Tag wurde, unsre eignen Wohnungen wieder aufsuchen.

»Lassen’s nur«, sagte der Alte, als wir ihm unser letztes Achtgroschenstück als Dank überreichten, »dadervor is’s nich geschehn«, und wir hatten alle Noth, daß Mutter Bremme, seine Frau, diese unerhört große Vergütung für Kaffee, Herberge und Reinigung endlich annahm. —

Eine gute alte Sitte war es auch früher, da wo in Restaurants und anderen Etablissements in der Neujahrsnacht Festlichkeiten, insbesondere Gesellschaftsbescheerungen stattfanden, mit dem Glockenschlage 12 Uhr Nachts den Nachtwächter hereinzurufen, der dann im Saale feierlich seines Amtes waltete, in der Regel einen besonders schönen auf den Jahreswechsel bezüglichen Vers sang und in’s Horn stieß. Geradezu Regel war dies z. B. im Schützenhaus (Kristallpalast), wo dies stets geschah. Ein Thaler war dann mindestens der Lohn, der dem Nachtwächter gespendet wurde, oft aber auch bedeutend mehr.