Der alte Petersschießgraben.

Einige dieser Abenteuer sind vielleicht nicht unwerth der Vergessenheit entrissen zu werden, wobei wir bemerken, daß wir nur streng als Wahrheit verbürgte Thatsachen anführen.

Im »goldenen Horn« (jetzt Stadt London) in der Nikolaistraße waltete damals ein drolliger und jovialer Mann, Namens Schwabe, als Wirth, der gern einen Jux mitmachte und z. B. einstmals auf seinem Pferde, infolge einer Wette, dreimal um sein Billard ritt. Dieser Schwabe hatte nun eine ebenso schöne, wie lebenslustige und heitere Frau und da auch ihr der »Dr. Ewald« in deutlichster und dabei aufdringlichster Weise die Cour schnitt, so beschlossen beide Eheleute, indem sie noch einige Gäste ins Vertrauen zogen, mit Ewald einen derben Ulk auszuführen.

Frau Schwabe ließ demselben, es war im Winter, merken, daß sie für seine Huldigungen nicht unempfindlich sei und versprach ihm für den andern Tag ein Plauderstündchen, zumal da ihr Mann verreist sei. Ewald stellte sich nun auch pünktlich ein und lachend ließ die schöne Frau seine Liebesbetheurungen über sich ergehen, indeß im Nebenzimmer ihr Mann versteckt war. Plötzlich aber schrie sie auf »Ach um Himmelswillen! Da kommt mein Mann — eben ging er am Fenster vorbei! — Ach! gewiß hat der Verdacht — der bringt uns alle Beide um!«

Ewald vor Schreck halbtodt, hörte gleich darauf, wie Schwabe wüthend an der verschlossenen Stubenthür rüttelte und mußte sich nun im Waschhaus in dem großen Waschkessel verstecken, wobei er zu seinem namenlosen Entsetzen hörte, wie der Wirth mit Pistol und Säbel überall »den Verführer« suchte und dabei wiederholt ins Waschhaus kam und schwor, den Verführer kalten Blutes zu ermorden. Viele Stunden bis zum späten Abend mußte der Bethörte bei großer Kälte in seinem unbequemen Versteck zubringen, bis Abends der Hausknecht erschien und in der Finsterniß, ohne ihn angeblich zu sehen, mehrere Fuhren Wasser über ihn in den Kessel goß. Erst da zwangen ihn Kälte und Nässe sich dem Hausknecht auf Gnade und Ungnade zu ergeben, und er war froh, als ihn derselbe heimlich lachend entwischen lies.

Ein anders Mal hatte er sich in das Töchterlein des Gohliser Müllers verliebt. Diese — sich ebenfalls mit ihrem Schatz verabredend — ladet Ewald zum Stelldichein in die Mühlräume. Da auch hier der Schatz erscheint, läßt ihn die Jungfer in einen großen Mehlkasten kriechen und nimmt mit ihrem Geliebten kosend auf dem Deckel desselben Platz. Zu seiner Angst hört er im Kasten, wie der Andere plötzlich Ewalds Hut findet und nun schrecklich zu toben anfängt und ihn mit Mord und Todtschlag bedroht; schließlich schleudert der Wüthende den Hut auf einen hohen Holzstoß im Hofe und entfernt sich angeblich. Ewald, über und über mit Mehlstaub bedeckt, ersteigt auf einer Leiter den Holzstoß, ist aber kaum oben, als ihm die Leiter weggenommen wird und er nun zu Jedermanns Gaudium stundenlang in seinem verstaubten Costüm dort oben zubringen muß, bis man ihn mit einer Tracht Prügel auch hier endlich entließ.

Im Laufe der Zeit kam Ewald immer mehr und mehr herunter und wurde häufig Bewohner von »Sct. Stich« (Georgenhaus). Man fand ihn in den vierziger Jahren eines Morgens sterbend an der »Gothischen Pforte« (da wo jetzt das Harkort-Denkmal steht) im Gebüsch liegend, trug ihn ins Georgenhaus und daselbst starb er nach wenigen Tagen.

XXVI.
Leipzigs Südosten vor 40 Jahren.

Ebenso viele Veränderungen wie der Südwesten Leipzigs hat auch der Südosten aufzuweisen, nur sind daselbst, mit Ausnahme der neuen Universitätsgebäude in der Liebigstraße, weniger neue Plätze bebaut, als vielmehr alte neu bebaut worden, auch das Capitel der Straßendurchbrüche spielt hier eine große Rolle. An der Ecke des Königsplatzes und der Windmühlenstraße befand sich die »dürre Henne«, ein großer, uralter Ausspannungsgasthof, dessen Parterrefenster so niedrig waren, daß man bequem, ohne groß den Fuß zu heben, von der Straße aus ins Gastzimmer steigen konnte, weshalb der Anfang der fünfziger Jahre in diesem Gasthof dienende handfeste Hausknecht, unter dem Namen »langer August« eine stadtbekannte Persönlichkeit, an die Luft zu expedirende Gäste stets einfach durch die Fenster, statt durch die Thür auf die Straße warf, wo dieselben auf dem haufenweisen Schmutz ein sanftes Bett fanden. Gegenüber der »Dürren Henne«, am Königsplatz und Ecke der Kleinen Windmühlengasse, jetzt Markthallenstraße, lag das einstöckige Gebäude der städtischen Speiseanstalt mit einer riesigen Fahnenstange, auf welcher, so lange die Essenszeit währte, stets eine große Fahne in den Stadtfarben aufgezogen wurde. Ein Dreieck bildete mit diesen Häusern die ebenfalls uralte »goldene Kutsche«, welche neben dem zum Theil noch jetzt stehenden Bäckerhaus stand. An die ebenfalls noch jetzt am Anfang der Windmühlenstraße rechts und links stehenden alten Häuser schlossen sich links bis zum »Schrödergäßchen«, jetzt Kurprinzstraße, so niedere Hütten, daß man bequem mit der Hand auf deren Dach greifen konnte und dasselbe war rechts bis zur Brauerei, Ecke der Emilienstraße, der Fall. Wenige Schritte von der Emilienstraße aufwärts stand das Windmühlenthor. Die Windmühlenstraße wurde damals noch durch Oellampen beleuchtet, welche an Ketten über die Mitte der Straße hingen, zum Anbrennen und Auslöschen; wenn letzteres nicht, wie meist der Fall, der Wind besorgte, wurden die Lampen von der Seite aus herunter und wieder hinauf geleiert. Weiter hinauf bis zum Bayerischen Bahnhof lagen Gärten. Von der Emilienstraße, Albert-, Hohe und Sidonienstraße, sowie Elisenstraße waren nur Anfänge vorhanden, der Schletterplatz lag öd und wüst mit einem haustiefen Abgrund, in dem sich noch lange die Ruinen eines kleinen Häuschens, sowie die deutlichen Spuren eines Wasserlaufes befanden. Dem Volksmunde nach sollte hier früher eine kleine Mühle, getrieben durch einen Bach, gestanden haben. Turner-, Roß-, Brüder-, Jablonowsky- und Nürnberger Straße existirten noch nicht. Die Thalstraße begann da, wo die Nürnberger Straße beim Bayerischen Bahnhof jetzt einmündet und ging quer durch die Gärten, auf denen jetzt die Anatomie steht, hinter dem »Kanonenteich«, welcher unergründlich sein sollte, herum, bis er sich an der jetzigen Brüderstraße an die jetzige Thalstraße anschloß. An der Stelle der jetzigen Brüderstraße bei der Anatomie lagen tief im Grunde, ein Sackgäßlein bildend, die sogenannten »sieben Häuser«, wegen ihres ganz gleichen (hüttenähnlichen) Ansehens die »Brüderhäuser« genannt, von denen wohl die Brüderstraße ihren Namen erhalten hat. An der Einbiegung der heutigen Brüderstraße in die Thalstraße lag rechts, da wo sich jetzt die Anlagen auf dem freien Platz befinden, ein Teich, etwa dreiviertel so groß wie der heutige Platz und von kreisrunder Form. Dies war der Kanonenteich. In demselben sollte Napoleon zur Völkerschlacht vor seinem Rückzug eine große Anzahl, man sagte sechzig, Kanonen versenkt haben. Thatsache ist, daß mehrere Versuche mit Tauchern und Taucherglocken angestellt wurden, um die Schätze darin zu heben, die aber wegen der Tiefe des Teiches, wohl auch wegen des Schlammes in demselben zu keinem Resultate führten.

Hinter dem Kanonenteiche, nach der Liebigstraße zu, waren damals Tannen und Fichten angepflanzt und das dichte Gestrüpp derselben bildete für uns im den Flegeljahren befindlichen Bengels vortreffliche Verstecke für unsre Rauchstudien. Die zu letzteren nöthigen Incredienzen kauften wir damals in dem späteren Markart’schen Geschäft, Ecke der Nikolai- und Grimmaischen Straße ein, denn es war männiglich bekannt, daß man in dieser empfehlenswerthen Handlung die größten und dicksten Cigarren (und das war natürlich die Hauptsache) für 1 Pfennig, sage und schreibe »einen Pfennig« erhielt. Was sich damals in jenem Dickicht für Herz- und Magenbewegende Scenen abgespielt haben, davon schweigt am liebsten des Sängers Höflichkeit.