Die Zuschüttung des Kanonenteiches dauerte jahrelang und erforderte große Massen von Material. Das Schrödergäßchen, jetzt Kurprinzstraße, fiel erst in den siebziger Jahren und ist daher wohl noch Vielen in seiner ursprünglichen Gestalt wohlbekannt. Zu befahren war dasselbe nicht, da es am Kurprinz bis zum Ausgang nach dem Roßplatz so eng wurde, daß kaum zwei Personen neben einander gehen konnten. Nur die linke Seite des Gäßchens, von der Windmühlenstraße aus, war mit niedrigen Hütten bebaut, in deren einer ein uralter, völlig kahlköpfiger Mann wohnte — der alte Quarch — der damals mit einem Hundefuhrwerk den — große Wäsche veranstaltenden Hausfrauen Flußwasser à Tonne für 2 gute Groschen ins Haus fuhr. Dieser alte Quarch war ebenfalls ein Original und stadtbekannt, er hatte mehrere Male große Vermögen binnen wenig Jahren verjubelt und wenn das Geld alle war, griff er mit demselben Humor immer wieder zu seinem Hundefuhrwerk. Er war schon ein sehr alter Mann, als er wiederum ein Achtel des damaligen großen Looses (80 000 Thaler damals) gewann, davon gab er aber diesmal seinem Sohne die Hälfte seines Gewinnes, der Rest war wiederum in einigen Jahren in alle Winde. Trotzdem nahm er das Anerbieten seines Sohnes, zu ihm zu ziehen, nicht an, sondern kehrte auch diesmal zu seinem Hundefuhrwerk zurück. — Die ganze rechte Seite des ziemlich langen Schrödergäßchens nahm der riesige Garten des »Kurprinz« ein.

Der Kurprinz selbst war eine Art Edelsitz mit großem Oeconomiebetrieb, die großen Stallungen für Pferde und Rindvieh lagen auf einem Platze an seiner südöstlichen Seite und in der Mitte desselben dehnten sich Einzäunungen für Kühe und Schafe sowie der mächtige Dunghaufen aus. Im vorderen Hofe befanden sich Werkstätten und Remisen für Maler, Lackirer und Equipagenbauer.

Die rechte Seite der Thalstraße bildeten damals ebenfalls noch Gärten des Johannisthals und da, wo sich jetzt die Sternwarte befindet, war damals der alte Judenfriedhof mit seinen eingefallenen Gräbern und verwitterten Grabsteinen. Auf demselben Hügel lagen auch die Pulverhäuser der Garnison, welche später am Napoleonsteine am Thonberg ihren Platz fanden.

Die jetzige Sternwartenstraße, damals Holzgasse, enthielt in ihrem vorderen Theile links, wo sie einen kleinen Platz bildet, den sogenannten Trödelmarkt, Buden mit Trödlern und rechts an der Ecke der jetzigen Turnerstraße die Armenschule. Die sämmtlichen Durchbrüche der Turner- und Nürnberger Straße waren nicht vorhanden. Das ganze Terrain hinter den Häusern rechts bis zur Glockenstraße nahm der damalige städtische Holzhof ein. Ein Theil des letzteren ward in den fünfziger Jahren dem Bau der Turnhalle resp. zunächst dem Turnplatz eingeräumt. Die Thalstraße mit nur wenigen alten Häusern bildete die Grenze und zugleich den Anfang des Johannisthals, welches damals mehr als doppelt so groß war wie jetzt. Die Ulrichsgasse, damals Sandgasse, war an der Thalstraße durch eine Mauer abgeschlossen, an Stelle der Roßstraße stand am Roßplatz das »schwarze Roß« mit Oekonomiegebäuden und großem Garten; die jetzige Nürnberger Straße war eine Sackgasse, welche vom Johannisplatz bis zur Johannisgasse »Kirchstraße«, von da an bis an die Abschlußmauer der Ulrichsgasse aber »Bosenstraße« hieß. Das prächtige alte Petersthor hatte, von der innern Stadt aus, links in seinem Thorbogen ein kleines Pförtchen, durch welches man auf den sogenannten »Zwinger«, einen schmalen Weg, kam, an dessen linker Seite allerliebste, ganz gleichartige, bis zum Giebel mit wildem Wein bewachsene einstöckige Häuschen mit winzigen, aber sorgfältig gepflegten Vorgärtchen standen. Dieselben dehnten sich bis zur Universitätsbrücke aus, denn, von der Petersbrücke bis zur Universitätsbrücke (jetzt Schillerstraße) und von dieser weiter bis zum Augustusplatz lag tief im Grunde der Stadtgraben, mit seinen zahlreichen Bäumen und Gesträuch, ein willkommener Tummelplatz für uns Jungen. Hinter der Johanneskirche aber, an der Dresdner Straße, lag und liegt noch die damals durch den als Pädagogen weit bekannten und berühmten Director Dr. Ramshorn bis in die 70er Jahre so vortrefflich geleitete 3. Bürgerschule, zu welcher sich die Schüler aller Stadttheile drängten.

Von städtischen Schulen existirten damals in Leipzig nur die drei Bürgerschulen, die Armenschule in der Holzgasse und die Wendler’sche Rathsfreischule am Thomaskirchhof. An höheren Schulen »Thomas-« und »Nicolaischule«, sowie mit der 1. Bürgerschule in demselben Gebäude, die damals nur vierklassige Realschule, jetzt Realgymnasium. Aber wer jetzt die stolzen Gebäude all dieser Schulen betrachtet und sich noch zurückzudenken vermag an unsere ursprüngliche alte liebe 3. Bürgerschule, ehe das jetzt hinten quer vorstehende Hauptgebäude errichtet wurde, der kann wohl ein Lächeln nicht unterdrücken. Rechts auf dem großen wüsten Platze, den Rücken nach den Gärten der jetzigen Salomonstraße zu, standen drei kleine hüttenartige Häuschen, nur aus Parterre und erstem Stock bestehend, neben einander, und in diesen altersschwachen Hütten, deren wurmzerfressene Holztreppen beim Hinauf- und Hinabrennen von uns Bengels bedenklich seufzten und in allen Fugen krachten, was uns natürlich keineswegs zur zarten Rücksichtnahme veranlaßte, befand sich die gesammte dritte Bürgerschule. Hei! war das ein Gaudium, wenn die Freiviertelstunde herannahte und wir hinabstürmten auf den Platz, um an den zum Neubau angefahrenen Sandsteinen unsere turnerischen Künste zu üben oder vor der sanfteren jugendlichen Damenwelt unsere Kräfte zu zeigen. Wir waren oft eine tolle Bande und doch sind aus den Schülern der damaligen dritten Bürgerschule eine große Anzahl tüchtiger Männer hervorgegangen, welche zum Theil auch ihrer Vaterstadt in hohen Aemtern dienten und noch dienen. Freilich, Papa Ramshorn führte ein strenges Regiment und sein Rohrstöckchen saß ihm stets locker genug im linken Aermel seines Frackes. Tüchtige Lehrer, auf welche noch heute der frühere Schüler mit Dank, Ehrerbietung und Stolz zurückdenkt oder denen er, soweit sie verstorben sind, ein treues und theures Andenken bewahrt, standen dem scharfblickenden Direktor treu zur Seite und brachten die Schule auf eine hohe Blüte. Ich nenne nur den in der Schule ebenso strengen, wie im sonstigen Verkehr mit seinen Schülern wahrhaft kinderfreundlichen und geselligen, jetzigen Prediger der Thomaskirche Dr. Suppe, ferner die Lehrer Dr. Thomas, Dr. Kühr, Kunath, Dr. Heinold, den späteren Organisten der Nikolaikirche und als tüchtigen Musiker bekannten, damaligen Schreiblehrer Schaab etc. etc. Und als dann endlich 1853 das neue Haus bezogen wurde, da zog auch der alte Geist mit hinüber in dasselbe und ist in demselben geblieben, noch viele viele Jahre, wohl bis zum heutigen Tag.

Fünfundzwanzig Jahre nach Errichtung des neuen Schulhauses der 3. Bürgerschule feierten Lehrer und Schüler ein frohes Fest und auch die alten Schüler kamen, zum Theil aus weiter Ferne, um an demselben theilzunehmen, wobei sie der Schule ein kostbares Harmonium und eine Votivtafel stifteten. — Viele sind seit jener Zeit wieder schlafen gegangen, aber wenn es gilt, das fünfzigjährige Jubiläum der Schule zu feiern, werden wohl sicher die wenigen noch Lebenden von jenen Alten nicht fehlen.

XXVII.
»In Wechselhaft!«

Der Brauch, einen Schuldner für seine Schuld auch mit seiner Person, also nicht blos mit seiner gesammten Habe verantwortlich und haftbar zu machen, ist uralt und findet sich schon vor Jahrtausenden, als noch nicht an die so viel und so oft fälschlich gerühmte christliche Milde zu denken war. Trotzdem daß er, man möge die Sache betrachten wie man wolle, immerhin ein barbarischer Brauch sein und bleiben wird, weil er eben das erste und höchste und edelste Recht des Menschen, die Freiheit, für Thaten beschränkt, welche in ihrer überwiegenden Mehrzahl aus keiner bösen Absicht entspringen, hat sich dieser Brauch bis in die Neuzeit, wenn auch in wesentlich gemilderter Form, erhalten und sogar in die jetzt bestehenden deutschen Reichsgesetze Aufnahme gefunden, wenn der Schuldner seiner eidlichen Versicherung über seinen Besitzstand ausweicht und die gerichtliche Angabe desselben unter seinem Eide verweigert.

Mit dem Eintritt des Wechsel-Verkehrs in der kaufmännischen und handelstreibenden Welt, welche Einrichtung eine große Erleichterung des bis dahin üblichen Modus der Baarzahlung und der Anweisung, sowie des Geldverkehrs mit fremden Plätzen überhaupt mit sich brachte, verband sich naturgemäß auch ein größeres gegenseitig vorausgesetztes Vertrauen und schon deshalb, damit dieses Vertrauen nicht, oder doch möglichst wenig, getäuscht und nicht der geschäftlichen Unsicherheit Thür und Thor geöffnet werde, hielt man es für nothwendig, daß in solchen Fällen auch ein Einstehen jedes in diesen Verkehr Gezogenen mit seiner Person und mit seiner Freiheit als Individuum erforderlich sei.

Während nun die persönliche Haft für Schulden jetzt nur noch unter den bereits erwähnten Fällen und Vorkommnissen besteht, war es bis zum Eintritt der neuen Reichsgesetze möglich und sogar häufig, daß ein Schuldner auf Antrag seines Gläubigers ohne Weiteres in Haft genommen werden mußte, wenn er einen mit seiner Unterschrift versehenen Wechsel nicht bezahlte; gleichviel ob er nun Acceptant oder blos Girant desselben war. Diese Haft war die sogenannte Wechselhaft. Diese Wechselhaft war allerdings bei den damaligen Gesetzen bezüglich der Einklagbarkeit einer Wechselschuld in vielen Fällen nothwendig, denn das Gesetz bestimmte, daß, so lange ein Schuldner nicht in Person vor Gericht seine Unterschrift unter dem Wechsel anerkannt hatte, überhaupt keine Pfändung auf Grund dieses Wechsels ausgeführt werden durfte, und so kam es oft vor, daß sich ein Schuldner oft wochen-, ja monatelang versteckte oder verreiste, um der Vorführung zum Verhandlungstermin aus dem Wege zu gehen. In diesem Falle aber konnte sein Geschäft ruhig fortbetrieben und eine Pfändung nicht vollstreckt werden, weil eben der Richter ohne die persönliche Anerkennung seiner Unterschrift den Schuldner nicht zur Zahlung verurtheilen konnte.