Nur wenige Jahre wirkte hier Würkert in seiner doppelten Eigenschaft als Gastgeber und Volksredner. Als ihm aber dann die Stellung eines Geistlichen einer freien Gemeinde (der freireligiösen Gemeinde in Hanau) geboten wurde, da gab er, obwohl seine jetzige Stellung sicher lucrativer war, diese ohne Zögern auf und nahm die immerhin nur bescheidene neue Stellung an. Nebenbei gab er dann noch die Zeitschrift »Freie Glocken« heraus. Er hatte aber doch in Alt-Leipzig nicht nur seinen ersten neuen Wirkungskreis, sondern auch ein neues Heim und eine andere treue Gattin gefunden. Ludwig Würkert starb 1876 am Schlagfluß in Leisnig, wo er zuletzt privatisirte, am Abend vor dem Tage, an dem er eine Gefängnißstrafe wegen Preßvergehens antreten sollte. Sein Begräbniß hatte zahllose Leute herbeigezogen und als der die Grabrede haltende freireligiöse Geistliche unter anderm sprach: »Würkert ist nicht gestorben — Würkert lebt noch« verstanden Viele »Würkert lebe hoch« und stimmten lebhaft in diesen Hochruf auf den Todten mit ein. Schade, daß er dieses letzte Hoch nicht mehr gehört hat.
Die Mitglieder des »Verbrechertisches« theilten sich in sogenannte »seßhafte« (solche die eben wirklich gesessen oder doch für ihre freisinnigen Handlungen und Worte gebüßt hatten) und »zugelassne« Mitglieder. Unter den »seßhaften« sind außer den bereits verzeichneten noch folgende zu nennen: Professor Benseler, Professor Raschig, Advokat Segnitz † 1873, Theodor Oelkers † 1869, Korbmacher Vieweg † 1871, Magister Naundorf, Buchhändler Ludwig Schreck (floh, steckbrieflich verfolgt, nach Frankreich, kehrte in den 60er Jahren zurück) † 1868, Dr. Burkhardt, Buchdrucker Grumbach, Louis Lindner (der lange Lindner), war Seminarlehrer in Grimma. Derselbe weigerte sich bei einem Zweckessen auf des Königs Wohl anzustoßen. Angezeigt, sagte er naiv: Der König hat das Frankfurter Parlament anerkannt, dann aber die Reichsverfassung nicht — ich kann also nicht auf sein Wohl trinken. Hierauf ward er eingesperrt, abgesetzt und schrieb nachher ans Ministerium einen viele Seiten langen Protest. Die letzte Seite hiervon hatte er schwarz umrahmt und da stand: »Ich behalte mir mein Recht vor bis zu der Zeit — wo in Sachsen wieder Gerechtigkeit gilt!« — Wahrscheinlich hielt ihn Beust für närrisch, es erfolgte wenigstens hierauf kein neues Vorgehen gegen ihn! Er lebte in Leipzig von Berichterstattung, Correkturen, hielt unermüdlich und unentgeltlich Vorträge über Geschichte in Arbeiterkreisen, war der treueste, beste Mensch und Freund (irren wir nicht verwandt mit L. Otto — Peters) † 1891. Redacteur Aug. Peters † 1860. Als dieser starb, warf Würkert, da er am Grabe nicht länger sprechen durfte, drei Hände voll Erde ins Grab. Bei dem ersten Wurfe sprach er feierlich: »Dresden«, beim zweiten Wurfe: »Bruchsal« (hier saß Peters jahrelang im Zuchthaus), beim dritten Wurfe: »Waldheim« (hier hatte Würkert im Zuchthaus gesessen) — weiter sagte er nichts — aber der Eindruck dieser drei Worte war bei Allen ein erschütternder und — der letzte noch in Europa lebende: Dr. Karl Albrecht, der jetzt in Freiburg in Baden weilt und dem Verfasser viele Mittheilungen über den Verbrechertisch und seine Mitglieder, so weit sie Verfasser nicht persönlich gekannt hat, verdankt. Dr. Karl Albrecht ist ein Leipziger Kind und am 4.4.1823 im »Pelikan« (jetzt ebenfalls einem Neubau gewichen) am Neumarkt geboren. In weiten Kreisen bekannt als Lehrer, Schriftsteller und einer der ältesten Stenographen (Gabelsberg) gerieth auch er, begeistert für Deutschlands Wiedergeburt, in das Fahrwasser der Revolution 1848/49 und trat persönlich und schriftlich für seine Ideale ein. Langjähriges Gefängniß war auch sein Lohn. Außer ihm lebt nur noch ein seßhaftes Mitglied des »Verbrechertisches« — eben der bereits genannte August Dolge in Dolgeville in Nordamerika. Alle Vorstehenden waren seßhafte Mitglieder und viele derselben erst zum Tode verurtheilt und dann zu langjährigem Zuchthaus begnadigt worden. Als Gäste wurden am Verbrechertisch zugelassen: Dr. med. Heyner, Dr. Apel † 1867, Schriftsteller Wartenburg † 1889, Ernst Keil † 1878, Prof. Bock † 1874. Letzterer wurde, obwohl er »nie gesessen«, an dem Tisch zugelassen, »weil er wenigstens alle Tage werth gewesen wäre, ins Zuchthaus zu kommen«. (Formel seiner Zulassung zum Verbrechertisch.) Beim Turnfest 1863 war auch Fritz Reuter Gast am Verbrechertisch und hielt an einem Abend eine Ansprache an die Anwesenden.
Die jetzige Generation, welche nun bereits seit vielen Jahren mit der Thatsache eines geeinten Deutschlands und des wiedererstandenen Kaiserreiches rechnet, vermöchte es wohl nur schwer, sich in jene Zeit politischer Zerrissenheit unseres Vaterlandes zurückzudenken. Die Ideale des nach der Einigkeit der deutschen Stämme strebenden Volkes waren mit dem Niederschlagen der Bewegung 1848 und 1849 wohl eingedämmt und momentan zu Boden geschlagen worden, aber sie lebten dennoch fort und zwar nicht zum Wenigsten in den Herzen der deutschen Jugend, und am Anfang der sechziger Jahre, als auch die politische Luft wieder etwas milder wehte, da griff die Bewegung so allgemein um sich, dabei aber streng auf dem gesetzlichen Boden bleibend, daß auch die Regierungen der einzelnen Staaten sich schließlich derselben auf die Dauer nicht mehr zu entziehen vermochten und derselben nachgaben.
Die Turner-, Sänger- und, nicht zu vergessen, die Schützenvereine, letztere in hochherziger Weise in allen ihren Bestrebungen stets unterstützt durch einen echt deutsch fühlenden Fürsten, den erst jüngst verstorbenen Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha, waren es, welche auf großen nationalen Festen, wie sie seit jener Zeit Deutschland nie wieder gesehen hat, das deutsche Banner aufs Neue entfalteten und hochhielten. Alle Stämme deutscher Nation strömten auf diesen Festen zusammen und höher als jemals flammte der deutsche Patriotismus im gesammten Volke auf. Wohl haben auch wir Leipziger seit jener Zeit hohe patriotische Feste gefeiert — aber wer von den Bewohnern das dritte deutsche Turnerfest in Leipzig 1863 mit erlebt hat, der muß sagen, daß alle diese Feste nur ein schwacher Abglanz jenes für alle Theilnehmer unvergeßlichen Festes geblieben sind. Und die Folgen dieser Tage blieben nicht aus. Mit dem noch in demselben Jahre erfolgten Einmarsch der deutschen Executionstruppen in Holstein eröffnete sich jene Reihe von Kämpfen und Ereignissen, welche das deutsche Volk endlich zum erwünschten Ziele führen sollten.
Damals wurde der »Verbrechertisch« in der Guten Quelle zum Centralpunct des national gesinnten Leipzigs.
Vater Grun sorgte dafür, daß hier die eingehenden Depeschen stets zuerst eingesehen werden konnten, und waren dies besonders wichtige, so erhob sich ein Mitglied des »Verbrechertisches«, um dieselben vorzulesen. Schon das Erheben des Betreffenden von seinem Sitze genügte, um unter den vielen Hunderten der in dem großen Local Versammelten sofort die tiefste Stille eintreten zu lassen. Und dann fügte wohl der Vorleser dem Telegramm einige patriotische Worte hinzu, denen wir jungen Leute begeistert lauschten, indem wir uns gelobten treu mit zu arbeiten an dem großen nationalen Werke, soviel es mit unsern geringen Kräften nur irgend möglich sei.
So kam 1866 und so kam 1870. Vater Roßmäßler war freilich schon schlafen gegangen und ruhte aus von des Lebens Kämpfen und vielen Enttäuschungen, aber die Anderen hielten treu zusammen, und als die deutschen Stämme aufs Neue die Kriegsfahne entrollten, da sammelte sich ein großer Theil der zur Fahne Eilenden ein letztes Mal vor dem Ausmarsch in jenen Hallen, und wieder erschollen erhebende Worte von den Männern jener hochverehrten Tafelrunde. Höher und höher schlugen an jenem unvergeßlichen Abend die patriotischen Wogen, und als ein Leipziger Blatt es damals wagte, (Sächsische Zeitung), in particularistisch-antideutschem, franzosenfreundlichen Sinne einen Leitartikel zu bringen, da zog eine große Schaar Einberufener vor das Haus jenes Redacteurs und warf daselbst die Fenster ein. Gewiß, das war keine Heldenthat, und das Thun derselben war wohl kaum zu billigen, aber dennoch waren unter jenen jungen Leuten die besten Volksclassen vertreten und viele von ihnen, viele, viele, haben durch ihren Tod auf dem Felde der Ehre oder schwere Verwundung und tapferen Kampf bewiesen, daß es ihnen mit ihrem feurigen Eifer für Deutschlands Geschick auch heiliger Ernst war.
Aber auch während wir draußen im Felde waren, blieb der »Verbrechertisch« der Centralpunct der patriotischen Leipziger Bevölkerung. Wie strahlten die Mienen der Alten, wenn sie dem reich versammelten Auditorium wieder eine neue Siegesdepesche vorlesen konnten! Vergessen waren dann alle früheren trüben Zeiten, und freudig stimmten sie in die patriotischen Gesänge der Anderen ein.
So erlebten noch Viele von jener Tafelrunde das Wiedererstehen des Deutschen Reichs. Dann aber lichtete sich der Kreis allmälig mehr und mehr. Einer nach dem Andern ging zur ewigen Ruhe, Andere wandten sich weg von Leipzig, und auch Vater Grun, der alte treue Gastgeber jener Tafelrunde, machte sich auf zum Marsche in das himmlische Dorado.
Die leichtgeschürzte Muse hat jetzt in jenen Räumen ihr Standquartier aufgeschlagen, und in derselben Ecke, in der einst jener denkwürdige Tisch stand, sitzt jetzt vielleicht Abends ein angehendes junges Braut- oder Liebespärchen und beklatscht freudig die Witze irgend eines Komikers. So ändern sich die Zeiten!