Tod, langjähriges Zuchthaus, freiwillige oder gezwungene Verbannung traf Diejenigen, welche sich am Aufstand — sei es mit den Waffen in der Hand, sei es durch Wort oder Schrift — betheiligt hatten, und doch waren unter denselben ein großer Theil, die man zu Deutschlands besten Männern zählen konnte und welche nur zu den Waffen griffen, um den Traum von Deutschlands Einheit schon damals zur Wirklichkeit zu machen. Wie ein Alp lag es damals viele Jahre lang auf den Gemüthern frei denkender Männer, und selbst die Presse wagte es, angesichts einer streng gehandhabten Censur, nur ganz schüchtern, die geheimen Herzenswünsche der Nation dann und wann zum bescheidenen Ausdruck zu bringen. Indessen schmachteten viele, viele wackere Männer in den Gefängnissen Deutschlands, und ein Jahrzehnt und darüber verging, ehe auch ihnen das goldene Licht der Freiheit wieder leuchtete.

Den Männern aber, denen es beschieden war, wenn auch theilweise erst nach vielen Jahren, nach unendlichen Leiden und harter Kerkerhaft wieder in das bürgerliche Leben ihrer Heimath und zu den Ihren zurückzukehren, lohnte das Volk auch mit treuer Verehrung und Anhänglichkeit, und die deutsche Jugend blickte bewundernd und ihren Worten achtungsvoll lauschend zu ihnen empor. Ja, jenen Männern war es zum großen Theile mit zu verdanken, daß die Ideale der deutschen Nation nicht verblaßten, sondern immer gewaltiger anwuchsen, bis — freilich erst nach hartem Ringen und aus einem Meere von Blut — endlich diese Ideale sich verkörperten und der deutsche Aar siegreich emporstieg, das neue deutsche Reich erstand.

Es ist natürlich, daß sich diese Männer in ihren Wohnorten meist gesellig zusammenfanden, um ihre Erinnerungen gegenseitig auszutauschen und gemeinschaftlich von einer freundlicheren Zukunft zu plaudern.

Auch in unserm Leipzig fand sich im Anfang der sechziger Jahre ein solcher Kreis von Gesinnungs-Genossen und Leidensgefährten zusammen, und sowohl der weitberühmte Gelehrte, wie der einfache Mann des Handwerks war darin vertreten. Groß war der Kreis nicht, denn gar viele »Begnadigte« hatten doch noch eine neue Heimath jenseits des Meeres gesucht; aber er hielt treu zusammen und war unter dem Namen »der Verbrechertisch in der guten Quelle« männiglich gar wohl bekannt.

Damals wirthschaftete der bei allen alten Leipzigern gar beliebte »Vater Grun« in dem noch jetzt bestehenden großen Restaurations-Etablissement, und bei ihm, dem selbst durch und durch deutsch gesinnten Manne, fanden auch jene so lange Geächteten ihr dauerndes freundliches Heim.

Gleich links vom Eingang ins Local war eine nischenartige Ecke, so recht geschaffen für eine trauliche Tafelrunde; an den beiden Wänden befanden sich Bänke mit Ledersitzen, vorn herum hochlehnige Stühle und in der Mitte ein großer runder Tisch. Das war der »Verbrechertisch« in der »Guten Quelle«. Wer pflegte nun dort zu sitzen? Da war zunächst Roßmäßler, mit dem feinen durchgeistigten Gesicht und dem langen schneeweißen Vollbart, Professor der Naturgeschichte an der Akademie zu Tharandt, gediegener und äußerst fruchtbarer Schriftsteller auf diesem Gebiete und ebenso bekannt als Volksschriftsteller der damaligen freisinnigen Richtung, ferner 1848 Mitglied des Frankfurter Parlamentes und nahm auch am Rumpfparlament zu Stuttgart Theil. Wegen dieses letzteren Schrittes seines Amtes entsetzt, lebte er von da an in Leipzig, wo er 1806 geboren war, bis zu seinem bereits 1867 erfolgten Tode. Sein Platz am Verbrechertisch war zugleich der Ehrensitz, hinten an der Wand und ihm als Aeltestem von den Anderen zugetheilt worden. Den Platz neben ihm hatte ein anderer Weißkopf inne, dessen mildes freundliches Angesicht vorzüglich alle Kinderherzen sofort zu ihm hinzog. Es war der Dichter und Schriftsteller Friedrich Hofmann, damals als langjähriger Mitarbeiter und Redacteur der »Gartenlaube« männiglich als »Gartenlauben-Hofmann« bekannt, allen Kinderfreunden aber durch seine herzigen Kinderlieder unvergeßlich. Links von Professor Roßmäßler saßen zwei Männer, die sich so ähnlich sahen, daß man sie sofort als Brüder erkannte. Es waren die Gebrüder Dolge. Beide hatten sich am Aufstand, mit der Waffe in der Hand, betheiligt; während aber die Strafe des einen Moritz Dolge (später Schnittwaarenhändler zu Leipzig, außerdem viele Jahre Mitglied des Stadtverordneten-Collegiums und des Direktoriums des damaligen Vorschußvereins, der jetzigen Creditbank) † 1872 in Leipzig, verhältnißmäßig mild ausfiel, brachte der ältere Bruder August Dolge viele Jahre im Zuchthause zu Waldheim zu. Beide, ursprünglich einfache Handwerksgesellen, waren hochintelligente Leute. August Dolge, seines Zeichens Tischler und Instrumentenbauer, wurde, als am Aufstand betheiligter Kriegsreservist gefangen, ließ sich aus seiner Zelle im Schloß Pleißenburg an einer Leine herab, um zu entfliehen. Leider riß aber der Strick in der Höhe von zwei Stockwerken und Dolge stürzte in der Gegend, wo jetzt die beiden Getreidethürme stehen, also am Ausgang der Pleißenburg nach der Burgstraße zu, herab auf das Straßenpflaster und brach hierbei ein Bein. Hierauf wieder gefangen, wurde er erst zum Tode verurteilt und brachte dann lange Jahre im Zuchthaus zu. Zu Anfang der sechziger Jahre endlich begnadigt, schwang er sich lediglich durch eigene Energie und Thatkraft zum bedeutenden Pianofortefabrikanten und Chef eines Welthauses dieser Branche in die Höhe. Er ging später nach Nordamerika, wo seine Fabrikanlagen einen solchen Umfang angenommen haben, daß dieselben zu einer besonderen Stadt anwuchsen, welche nach dem Gründer »Dolgeville« heißt und lebt noch jetzt daselbst. Er hat aber Alt-Leipzig eine gar treue Anhänglichkeit bewahrt, denn trotz seines hohen Alters kommt er alle paar Jahre einmal von Drüben herüber zum Besuch und ist denn stets ein hochgefeierter Gast der hiesigen Insulanerriege (auf welche wir später in einem besonderen Artikel noch zurückkommen werden). Der frühere braune Bär »August« sowohl, der im zoologischen Garten seinen eigenen Käfig hatte, wie auch der jetzige August, dessen Ersatzmann — sind Geschenke Dolge’s an die Insulanerriege, welche ihrerseits diese Geschenke dem zoologischen Garten übergaben.

Der Verbrechertisch in der »Guten Quelle«.

Nicht so regelmäßig wie die Anderen erschien als Gast des »Verbrechertisches« im Anfang der sechziger Jahre häufig ein langer, blasser Mann, dessen gebeugte, hagere Statur, verbunden mit dem tiefes Seelenleiden verrathenden, fast bartlosen Angesicht, das sich erst im Laufe der Alles nivellirenden Zeit wieder etwas rundete, auch körperliche Leiden verriethen; als vollberechtigtes Mitglied jener Tafelrunde. Es war der frühere Pastor von Mittweida, in Sachsen, Ludwig Würkert. Jeder Zoll ein hochbegeisterter Anhänger der deutschen Einheitsidee, hatte er bei Beginn des Aufstandes mit Wort und Schrift die Sache des Volkes ergriffen und feuerte sogar von der Kanzel herab die Männer und Jünglinge des Gebirges an, für diese Ideen in den Kampf zu ziehen. Viele, viele Jahre, mehr als zehn, brachte er dafür im Zuchthaus zu, und als er dasselbe endlich als Begnadigter wieder verließ, da war er nicht blos ein gebrochener, sondern auch von den Seinen verlassener Mann. Seine Frau hatte sich von ihm scheiden lassen, seine Kinder hatten ihn verlassen. Aber seine alten Gefährten ließen ihn nicht im Stich.

Mit ihrer Hilfe pachtete er das in der Klostergasse liegende Hotel de Saxe, und die freien Vorträge, welche alsbald Ludwig Würkert, hier zugleich Volksredner, Volkslehrer und Gastwirth, jede Woche an einem oder mehreren Abenden hielt, zogen Tausende von deutschgesinnten Gästen aller Altersclassen und aller Stände herbei, und an solchen Abenden war der Saal des Etablissements mit allen Nebenräumen stets bis auf den letzten Platz gefüllt. Da saß der einfache Handwerker neben dem Gelehrten, der Großkaufmann neben dem Studenten, und lauschten den begeisterten Worten, welche jener Vielgeprüfte da oben auf der kanzelartigen Erhöhung der Saaltreppe sprach.