Im Spät-Sommer wurden die mit Gras bewachsenen und von einigen Büschen umsäumten sogenannten Rundtheile vom Augustusplatz entfernt, Theile des Fleischerplatzes planirt, sowie die Promenaden an der Thomaspforte verändert.

Gewerbe­freiheit.

Anno 1862 am 1. Januar trat im Königreich Sachsen die Gewerbefreiheit in Kraft, welche insofern für viele Handels- und Gewerbetreibende von hoher Wichtigkeit war, als mit ihr zugleich das Gesetz fiel, welches bis dahin den Juden verbot, auch außer den Messen in Leipzig frei Handel zu treiben, oder Grundbesitz zu erwerben. — Die einzelnen Gewerbe, fast sämmtlich in Innungen mit uralten und streng gehandhabten Gesetzen, wachten peinlich darüber, daß nicht das Mitglied eines andern Gewerbes etwas that, anfertigte oder verkaufte, welches in den Gewerbebetrieb nur des Einen gehörte. Kein Herrenschneider durfte Damensachen anfertigen und umgedreht und oft ging ein Gegenstand bis zu seiner vollständigen Fertigstellung durch eine ganze Menge einzelner an sich verschiedener Gewerke, weil eben jeder nur seinen Theil daran machen durfte. Manche harte, aber auf der andern Seite wieder wohlweise Einrichtungen und Gesetze über das Meisterwerden und den ganzen Geschäftsbetrieb fielen mit einem Schlage, denn während früher nur so viele Meister in einer Stadt ihr Gewerbe betreiben durften, als auch voraussichtlich daselbst ihre gute Nahrung hatten, konnte sich nun — sogar ohne das Meisterstück zu machen, ja ohne überhaupt das betreffende Handwerk erlernt zu haben, Jedermann etabliren. Daß natürlich insbesondere die alten Meister, welche damals sämmtlich ihre gute Existenz hatten und nun Alles aufbieten mußten, um der sich mächtig entwickelnden Concurrenz entgegenzuarbeiten, sehr über die neue Einrichtung räsonnierten, ist natürlich. Die Gewerbefreiheit ist aber auch, trotz ihres Namens bis zum heutigen Tage, wo noch Anwalts- und Apothekenzwang existieren, eine niemals vollkommene, ihren Namen thatsächlich entsprechende gewesen und ihr Segen daher noch immer ein fraglicher.

Turnfest.

Anno 1863 fand in der Zeit vom 2. bis 6. August unter kolossaler Betheiligung aus ganz Deutschland das 3. deutsche Turnfest in Leipzig statt. (S. No. XXXI.)

XXX.
Die politische Lage Deutschlands zu Ende der fünfziger, bis Mitte der sechsziger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Auf die gewaltsame Niederwerfung des Aufstandes 1848/49 folgte mehr als ein Jahrzehnt der starren Reaktion. Gerade diejenigen Männer, welche Amt und Würden, Stellung und Vermögen daran gesetzt hatten, das deutsche Reich wieder zu einem wahrhaft geeinten, geschlossnen Ganzen zu machen, fielen als Opfer ihrer nationalen Bestrebungen. Tod und langjähriges Gefängniß bis zur Zuchthausstrafe des gemeinen Verbrechers, oder im günstigeren Falle freiwillige oder erzwungene Verbannung war ihr Loos. Noch bis weit in die fünfziger Jahre hinein dauerten Verhaftungen und Verurteilungen politisch Gravirter fort und die unter der Zuchtruthe einer harten Censur stehenden Zeitungen, die in ihren Spalten oft die Steckbriefe auf ihre eignen früheren Mitarbeiter bringen mußten, seufzten lange unter dem bestehenden Druck und vermieden politische Erörterungen wo sie es nur vermochten. Die Turnvereine, mit Recht als die jederzeitigen feurigen Träger des nationalen Gedankens betrachtet, aber durchaus fälschlich als »demokratisch« gesinnt verdächtigt, wurden scharf beobachtet und wo es nur ging in ihrer Entwicklung gehemmt; Servilismus und kriechendes Streberthum, Frömmelei und politische Heuchelei waren an der Tagesordnung. — — —

Und doch — trotz all diesen Hindernissen, vermochte man wohl den nationalen Funken zu unterdrücken, aber nicht zu verlöschen und obwohl er eben unterdrückt wurde, wo es nur anging — in der Presse wie im Lehrstuhl — so loderte er doch immer wieder hoch empor, in den Festen, welche das deutsche Volk, aus allen Gauen nach einem Central-Punkte zusammenströmend, zusammen feierte und bei welchen die Ideale der deutschen Nation immer und immer wieder zum unverhohlenen Ausdruck kamen. — —

Jetzt wo seit bereits einem viertel Jahrhundert die schon damals geforderten Ziele zum allergrößten Theile erreicht sind, vermögen sich die jetzt lebenden Generationen wohl nur schwer in die damaligen Verhältnisse zurückzuversetzen und — viele der Aelteren haben unter den politischen Erfolgen der Neuzeit die Misere jener Tage längst vergessen, oder standen den Weltereignissen schon damals so gleichgiltig gegenüber, wie sie es jetzt — nach der Neu-Errichtung des deutschen Reiches wieder thun. Ja — es giebt nicht Wenige, welche nur zu sehr geneigt sind — im Bewußtsein der jetzigen politischen Macht des geeinten Deutschlands — auf jene Tage mit spöttischer Ueberlegenheit zurückzublicken, dabei aber ganz vergessend, daß — wenn sich nicht eben das Volk, vor Allem aber die damalige Jugend in allen deutschen Gauen ihrer nationalen Ziele voll und ganz bewußt und fest entschlossen gewesen wäre, für dieselben mit Gut und Blut einzustehen — wohl schwerlich Deutschlands Fürsten diesem wahrhaft inneren und unaufhaltsamen Drange der Nation nachgegeben hätten. Daß diese opferfreudige Begeisterung des damaligen Jungdeutschlands aber eine unmittelbare Folge der Jahre 1848/9 war und deshalb auch jenes Blut nicht vergeblich geflossen ist, ist eine unbestreitbare Thatsache, und nachdem die ärgste Zeit der Reaktion vorüber war, wurden auch die berechtigten Forderungen des Volkes aufs Neue immer und immer wieder laut. Im Anfange der sechsziger Jahre aber, als sich auch für die politisch stark Gravirten von 1848/9 die Gefängnisse wieder öffneten und viele Begnadigte aus dem Exil wieder in die Heimath zurückkehrten, unverrückt die Ziele und Ideale der eignen Jugend im Auge behaltend, da ging die politische Entwicklung Deutschlands mit Riesenschritten vorwärts. — — Betrachtet man die damalige politische Lage der deutschen Einzelstaaten, so sah man überall nur unerquickliche Verhältnisse. In Oesterreich — wo nicht blos in dessen deutschen Staaten, sondern auch in Ungarn mächtige Kämpfe nothwendig gewesen waren, um die Autorität der Regierung aufrecht zu erhalten, herrschte ein noch viel schwererer Druck wie im übrigen Deutschland. Magyaren- und Deutschthum befanden sich im schroffsten Gegensatze, die Gefängnisse überfüllt, nirgends Vertrauen, dazu die neuen Schläge im Kriege gegen Frankreich und Piemont 1859, die Finanzen nahe am Staatsbankrott, dabei fortwährende Häkelei und nie endende Eifersüchtelei auf den zweiten deutschen Großstaat Preußen. In Baden noch weit- und tiefgehende Nachwirkungen des dortigen großen Aufstandes, denen sich ein großer Theil des dortigen Militärs angeschlossen hatte. Nicht viel besser war es in den übrigen süddeutschen Staaten. In Preußen, wo eben König Wilhelm den Thron bestiegen hatte, in dem das Volk, verstimmt durch manche seiner früheren Erklärungen zur Zeit der Volkserhebung, nicht seinen späteren ruhmreichsten und erhabendsten Fürsten ahnte, bereiteten sich die harten Kämpfe zwischen Regierung und Volksvertretung vor; in Sachsen liebäugelte Beust mit dem Liberalismus, ohne aber mit offnen Karten zu spielen, in Hessen seufzte das Volk unter seinen Kurfürsten; die größeren Staaten untereinander eifersüchtig und uneinig, die kleineren Staaten bald hier bald dorthin schwankend, aber stets auf ihre Selbstständigkeit pochend, zehnerlei Geld aus hunderterlei Staatsbanken, bis ins Kleinste tiefe Zerrissenheit, dazu das Schmerzenskind der deutschen Nation, Schleswig-Holstein — fürwahr — die gesammten politischen Verhältnisse waren sehr traurige zu nennen und die Hoffnung auf eine Besserung derselben lag — wenigstens scheinbar — noch im weiten Felde.

Da war es denn kein Wunder, daß sich die Augen aller wahrhaften Vaterlandsfreunde vertrauend und hoffend auf einen Fürsten richteten, der, obschon nur Herrscher eines kleinen deutschen Staates, doch durch hunderterlei Züge bewiesen hatte, daß er in Wahrheit ein Fürst mit echt deutschen Gesinnungen sei, bereit, jederzeit für deutsch nationale Bestrebungen in die Schranken zu treten und dieselben zu stützen und zu schützen, so viel es nur irgend in seiner, freilich sehr beschränkten Macht stand.