Es war dies der erst vor Kurzem in hohem Alter und gesegnet von seinem ganzen Lande und Millionen anderer Deutscher gestorbene Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha.

Er war es, unter dessen Augen und mit dessen Bewilligung und entgegenkommender Theilnahme das erste deutsche Turnfest 1860 in Coburg stattfand, der diesen Festen seine besondere Aufmerksamkeit widmete und sehr wohl erkannte, wie sich auf diesen Festen die besten und national gesinntesten Männer Deutschlands persönlich näher traten und der diese Zwecke in wahrhaft fürstlicher, großherzigster Weise begünstigte und förderte. Offen bekannte er seine Sympathieen für die deutsch-nationale Bewegung und so kam es, daß in den sogenannten Sturmjahren 1848/49 sein Land von jeder aufständischen Bewegung verschont blieb.

»Schützen-Ernst« haben ihn, den wahrhaft deutschen Fürsten, später oft und spöttisch Viele genannt, welche entweder unfähig waren, die Tragweite jener Volksverbrüderungen auf den ersten Turner- und Schützenfesten zu erkennen oder böswillig genug, um den hervorragenden Antheil, den Herzog Ernst an der endlichen Wiedergeburt des deutschen Reiches hat, zu verringern. Wohl wird auch jetzt noch bei den mehr prunkhaft glänzenden, als politisch werthvollen Festen der neueren Zeit der Patriotismus gefeiert, aber — welch schwachen Abglanz dieselben jetzt, gegen die früheren, von der Sehnsucht und dem Gefühl der allgemeinen Zusammengehörigkeit getragenen Feste, bilden — nun — die jetzige Generation mag und kann dies vielleicht nicht begreifen, aber die — welche einst inmitten derselben standen, die jene Zeiten der kläglichen Zerrissenheit Deutschlands noch als Männer gekannt und jene erhebenden Feste mitgefeiert haben, die kennen den Unterschied zwischen damals und jetzt genau und mit ihm auch die großartige Bedeutung dieser Feste selbst. Meldeten sich doch im Herbst 1863 als es hieß, Herzog Ernst beabsichtige mit einem Heere Freiwilliger gegen Dänemark zu ziehen, um Schleswig-Holstein zu befreien, binnen wenig Tagen viele Tausende junger Leute aller Stände, und wieder waren es die Turnhallen, in denen diese Contingente ihren Sammelplatz fanden. Aber es kam nicht so weit, denn als man sah, daß man dem Drängen des Volkes um Abhilfe jenes Zwitterzustandes in den Herzogthümern nicht länger widerstehen konnte, da raffte sich endlich der deutsche Bund zusammen, schon zu Weihnachten 1863 rückten Sachsens und Hannovers Executionstruppen in Schleswig-Holstein ein und die erste Serie jener blutigen Kämpfe von 1864, 66, 70 und 71 nahm ihren Anfang.

XXXI.
Das 3. deutsche Turnfest zu Leipzig vom 2. bis 6. August 1863.

Vom Rathhausdurchgang links ist in der Mauer unsres altehrwürdigen Rathhauses eine einfache Steinplatte in die Wand gelassen, welche die ebenso einfache Inschrift »Zur Erinnerung an das 3. deutsche Turnfest zu Leipzig vom 2.-6. August 1863« trägt und welche der Stadt Leipzig von der gesammten deutschen Turnerschaft als Dank für ihre Gastfreundschaft in jenen Tagen, als dies bis jetzt unübertroffene, erhabendste und großartigste aller wahrhaft deutschen Feste stattfand, gewidmet worden ist. Viele Tausende gehen täglich gleichgiltig an jener einfachen Gedenktafel vorüber, ohne auf sie zu achten oder allenfalls flüchtig den Blick über dieselbe gleiten zu lassen; noch andere lächeln beim Lesen der Inschrift fast mitleidig — »1863 — ach das ist ja lange her — eine längst vergessene Zeit — Kindereien damals — politische Spielereien — da lobe ich mir doch das stolze Siegesdenkmal — — —.« Aber es bleibt doch auch zuweilen einer oder der andere hier stehen, denen man allerdings ansieht, daß er im Herbst oder im Winter des Lebens steht, sinnend betrachtet auch er die unscheinbare Tafel und auch er lächelt; aber dieses Lächeln verklärt sein alterndes Angesicht und noch lange, während er weiter dahinschreitet, gedenkt er jenes größten und deutschesten aller Feste, jener herrlichen Tage voll glühender Begeisterung, in denen die Bewohner Leipzigs und der Umgegend vom Palast bis zur kleinsten und ärmlichsten Behausung gleichsam aufgingen in dem Bestreben, eine Gastfreundschaft und eine so herzlich warme Theilnahme am ganzen Fest zu bieten, wie dieselbe in der Geschichte aller früheren oder späteren deutsch-nationalen Feste nie wieder geboten und nie wieder erreicht worden ist.

Schon zum 1. deutschen Turnfest zu Coburg 1860 hatten sich, freudig empfangen von Fürst und Land daselbst, einige Tausende deutscher Turner zusammengefunden, und als 1861 das 2. deutsche Turnfest in Berlin stattfand, stieg die Anzahl derselben auf etwa 4000. In Berlin wurde nun zunächst Nürnberg zur Feier des 3. dieser Feste für 1863 ins Auge gefaßt, allein man entschied sich schließlich für das besser im Centralpunkt von Deutschland liegende Leipzig und die durchaus national und hochpatriotisch gesinnten Oberhäupter der Stadt, der unvergeßliche Oberbürgermeister Dr. Koch und der ebenso patriotische Polizeidirektor Dr. Rüder nahmen die Entscheidung für Leipzig freudig und mit opferwilliger Begeisterung auf. Wir haben im vorstehenden Artikel die damalige politische Lage, wenn auch nur flüchtig geschildert. Die starre Reaktion der fünfziger Jahre hatte nachgelassen und das deutsche Volk drängte zur Klärung der politischen Lage, aber noch immer mußte sich die Presse an vielen Orten Zügel anlegen, noch immer gab es Regierungen, welche die sich mehr und mehr entfaltende Volksbewegung mißtrauisch betrachteten — da tönte der Ruf des Comités der deutschen Turnerschaft durch ganz Deutschland und bis in die entferntesten Winkel des Landes begann ein Rüsten und Organisiren, um diesem Rufe in ungeahnter Weise Folge zu leisten. Was nützte es Dänemark, daß es seinen Schleswig-Holstein’schen Turnern geradezu verbot nach Leipzig zu gehen? Zu Hunderten — als Geschäfts- und als Vergnügungsreisende, als Handwerksburschen, angeblich für die Wanderschaft ausgerüstet, gingen diese Turner und mit ihnen Hunderte Anderer über die Grenze, die Fahnentücher wurden in Ränzel verpackt und erst jenseits der Grenze fand man sich zusammen, um in Leipzig auch die Schleswig-Holstein’schen Fahnen, freilich mit dem Trauerflor beschattet, vor den übrigen deutschen Brüdern zu entrollen.

Indeß rüstete sich die Feststadt in wahrhaft großartiger Weise zur würdigsten Begehung des Festes. Hochherzig, alle kleinlichen Bedenken bei Seite schlagend, bewilligten Rath und Polizeidirektion das Anerbieten der Turnerfeuerwehr, ihr allein den gesammten Festpolizeidienst anzuvertrauen, und so geschah das für jene Zeiten doppelt unmöglich Gehaltene, Unerwartete, daß zu einem Feste, welches eine volle Woche dauerte und an welchem Hunderttausende sich in Leipzig zusammenfanden, kein uniformirter Polizist oder Gendarm zu sehen war. Das Wort König August des Gerechten von Sachsen »Vertrauen erweckt Vertrauen« bewährte sich denn auch hier im glänzendsten Maaße, denn die Behörden hatten in keiner Weise ihr Vertrauen zum deutschen Volk zu bereuen, auch nicht der geringste Mißklang störte die allgemeine Harmonie, trotz der tausendfach verschiednen Zusammensetzung der theilnehmenden Elemente.

Wie bereits bemerkt, hatte Leipzig Anfangs an Nürnberg, dessen Gastlichkeit erst kurz vorher beim Sängerfeste sich so glänzend bewährt hatte, eine gefährliche Nebenbuhlerin. Da beschlossen, ehe noch der Turnverein selbst über seine Stellung zur Festfeier mit sich einig war, die Stadtverordneten am 18. September 1861 eine Zuschrift an den Stadtrath des Inhalts:

»Das Collegium, welches die Wahl Leipzigs zum Festorte des dritten allgemeinen Turnfestes mit Freuden begrüßen würde, erklärt sich bereit, die zu einer würdigen Feier desselben erforderlichen Kosten zu bewilligen, und giebt dem Wunsche Ausdruck, daß die Behörden die Wahl Leipzigs in jeder Weise begünstigen möchten.«

Und der Rath erwiderte am 16. Oktober: »er sei dem Beschlusse der Stadtverordneten, daß sie die Wahl Leipzigs zum Festorte des dritten allgemeinen Turnfestes mit Freuden begrüßen würden, einstimmig beigetreten, sei bereit, die Wahl der Stadt in jeder Weise zu begünstigen, und werde die seitens der Stadtverordneten ausgesprochene Bereitwilligkeit, die zu einer würdigen Feier des Festes erforderlichen Kosten zu verwilligen, entsprechend benutzen.«