Der Voranschlag der Festkosten, wie ihn der Centralausschuß nach den von sämmtlichen Unterausschüssen eingereichten Budgets aufgestellt hatte, erreichte die Höhe von 75 000 Thlrn.; der muthmaßliche Kostenausfall war auf 29 000 Thlr. berechnet. Mit dem 10. April 1862 war der Tag gekommen, an dem über die Bewilligung dieser großen Summe bei den Stadtverordneten verhandelt werden sollte; der Rath der Stadt Leipzig hatte bereits einige Tage vorher die Bewilligung beschlossen und um Zustimmung bei den Stadtverordneten nachgesucht. Unterlag es nun auch keinem Zweifel, daß diese Zustimmung nicht ausbleiben würde, so verbreitete doch die Nachricht davon allgemeine Freude und wir Leipziger waren stolz auf unsere Stadtväter.
Bei solchem Entgegenkommen der Bürgerschaft und der Behörden mußten alle Bedenken und Abneigungen drinnen und draußen, welche sich gegen die Wahl Leipzigs geregt hatten, schwinden, um so mehr, als auch das Königliche Ministerium des Innern auf deshalb ergangene Anfrage und Bitte des Turnraths in dankenswerthester Weise die Abhaltung des Festes und des mit demselben verbundenen Turntags zu gestatten versprach. Der Ausschuß der deutschen Turnvereine erklärte sich einmüthig für die Wahl Leipzigs zum Festorte und Nürnberg schob das von ihm beabsichtigte Fest auf das Jahr 1865 hinaus.
Als Festplatz wurde sodann eine vom Stadtrath mit dankenswerther Bereitwilligkeit überlassene, fast ganz ebene und trocken gelegene Feldflur erwählt, welche sich unweit der Zeitzer Straße an der Connewitzer Chaussee mit geringer Erhebung nach der Seite des Napoleonsteines in Form eines Vierecks, zugänglich von allen Seiten, ausdehnt. Es ist dies der jetzige Schmuckplatz an der südlichen Baierischen Straße, begrenzt von Schenkendorf und Moltkestraße, auf dem jetzt zwei Schulen stehen, sowie dessen Verlängerung nach Süden, damals vom Tivoli ab alles noch freies Feld.
Wie thatsächlich Alles — selbst frühere Feinde des Festes — von dem allgemeinen patriotischen Jubel angesteckt wurde, noch ehe dasselbe eigentlich begann, beweist die Thatsache, daß nicht ein Haus ohne Fahnen und Blumenschmuck blieb; wie zwei, drei Tage vor dem Beginn keine Elle Fahnenstoff, keine Elle grauer Turnerdrell (unsre Turner trugen früher den gelbgrauen Drell und zwar Hosen und Jacken, das blaugraue dunkle Turnertuch kam erst durch die zum Feste kommenden österreichischen Turner und zwar auch die Jackets zur Aufnahme) mehr in ganz Leipzig aufzutreiben war. Auch Nichtturner kleideten sich massenhaft in die Turnertracht und bei den Knaben aller Größen verstand sich dies von selbst, wollten die Eltern nicht große Thränenfluten hervorrufen. Auch wurde die zum Fest bestimmte Flur, um den lockeren Ackerboden genügend zu befestigen, rechtzeitig mit Heusamen bestellt. Ihre Größe, 1 500 000 Quadratfuß, war nach der Zahl der Personen bemessen, welche sie in den Festtagen, sei es als Mitwirkende, sei es als Zuschauer, betreten sollten. Freilich ließen sich in beiderlei Beziehungen nur Vermuthungen aufstellen, allein die statistischen Erhebungen über die Menge der Turnvereine und die Zahl ihrer Mitglieder, die Erfahrungen über die Festlust derselben, welche u. A. in Coburg und Berlin gemacht worden waren, sowie die Beobachtungen des Zuschauerandrangs in Berlin und Frankfurt a. M., gaben diesen Vermuthungen einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit. Der Turnrath war nach sorgfältigem Ueberschlage der betreffenden Verhältnisse zu der Einsicht gekommen, daß man bei der Abgrenzung und Ausstattung des Turnplatzes immerhin auf 12 000 gleichzeitig Turnende, unter denen 9—10 000 Auswärtige, und auf 20—30 000 Zuschauer Bedacht nehmen müsse. Was hier vom Turnplatze und den Zuschauerräumen galt, hatte nicht minder für alle anderen Räumlichkeiten, welche sich jenen anschließen müssen, seine Bedeutung, insbesondere für den Bau einer Festhalle neben dem Turnplatze.
Bereits bis zum Abend des 10. Juli, also noch volle 4 Wochen vor dem Feste, waren 13 890 fremde Turner zu Freiquartieren angemeldet, 5000 mehr als man im günstigsten Falle vermuthet hatte, und diese Zahl stieg bis zum Beginn des Festes auf 18 000 Mann. Am stärksten war Berlin vertreten mit 1139 Mann, welche je nach ihren Vereinen zu den Turnerhosen rothe oder blaue Wollblousen trugen. Wien mit über 200 Mann, Hamburg über 100 Mann, Pisa in Italien mit 2 Mann, Verona 1 Mann, Amerika mit mehreren Turnern, ferner 5 Abgeordnete aus Siebenbürgen, von denen zwei von ihren Frauen, einer von seinen beiden Töchtern begleitet wurden. Aus London kamen 12 (darunter 2 Engländer), aus Amsterdam 5, Rotterdam 5, Melbourne 1, Dorpat 2 u. s. w. Die folgende Uebersicht zeigt die bis zum 9. Juli 1863 eingelaufenen Festanmeldungen nach Turnkreisen:
| I. | Kreis: | Prov. Preußen und nördl. Posen | 316. |
| II. | „ | Schlesien und Südposen | 696. |
| III. | „ | a. Mark und Prov. Sachsen | 3301. |
| „ | b. Pommern | 366. | |
| IV. | „ | Norden (Hamb., Holst., Mecklenb.) | 330. |
| V. | „ | Niederweser und Ems | 64. |
| VI. | „ | Hannover | 246. |
| VII. | „ | Oberweser | 176. |
| VIII. | „ | Niederrhein und Westphalen | 75. |
| IX. | „ | Mittelrhein | 139. |
| X. | „ | Oberrhein (Baden) | 15. |
| XI. | „ | Schwaben (Württemberg) | 62. |
| XII. | „ | Bayern | 222. |
| XIII. | „ | Thüringen | 1393. |
| XIV. | „ | Sachsen | 4617. |
| XV. | „ | Oesterreich | 1136. |
| Ausland | 16. |
Und trotzdem damals Leipzig nur etwa 75 000 Einwohner zählte und außer den Turnern noch sicher 80—100 000 Festbesucher und sonstige Fremde an jenen Tagen in Leipzig anwesend waren, so daß in den Hotels und Gasthäusern selbst die Vorsäle mit Betten belegt und zu Quartieren umgewandelt wurden, meldeten sich sogar noch am Sonnabend und Sonntag, also dem Tag vor dem Festzug noch Familien, die durchaus noch ihre Turner haben wollten und sehr betrübt heimgingen, wenn ihr Wunsch momentan nicht erfüllt werden konnte. Alle Detailgeschäfte schlossen während des Festzuges und viele Engrosfirmen schlossen mit Ausnahme der Expedirung der nothwendigsten Sachen und der Erledigung der Briefe gleich für die ganze Dauer des Festes.
Schreiber dieses kannte in seinem Hause einen alten vertrockneten Großkaufmann, der bis zum letzten Tage vor dem Feste demselben skeptisch, fast feindlich gegenüber stand und seinem Personal wiederholt eingeprägt hatte, daß er den »Unsinn und die patriotische Gefühlsduselei« nicht mitmachen werde und deshalb der Geschäftsgang genau derselbe bliebe wie an allen anderen Tagen. Als aber unter sich immer höher steigernden Jubel des Volkes die Schleswig-Holsteiner, die Wiener, die Berliner, die Frankfurter, die Tyroler u. s. w. mit ihren »Was ist des Deutschen Vaterland« spielenden Musikchören am Hause vorbei und zum Stellplatz zogen, da mochte sich doch Etwas gar mächtig im Innern der alten Krämerseele rühren.
»Wiesecke«, sagte er zu seinem ebenso alten Cassirer, als er sah, daß dem die Thränen der Freude über die Wangen liefen, »Wiesecke — Sie alter Mensch — ich gloobe gar Sie heulen. Na —« und auch seine Stimme klang auf einmal seltsam gedrückt und bewegt, »zahlen Sie den Markthelfern jeden einen Extrawochenlohn aus und den Commis eine halbe Monatsgage extra und dann fort mit Euch — werde die Briefe jeden Morgen selbst erledigen!«
Und er verschwand, begleitet vom »Hurrah« seiner überraschten Getreuen, schleunigst im Allerheiligsten seines Privatkontors. — —